GEWERKSCHAFTEN Nase pudern
Eine Stromlinienform für das Jahr 2000« verlangt der IG-Chemie-Vorsitzende Karl Hauenschild. 50, für den gewerkschaftlichen Dachverband DGB. Seinem Kollegen von der iG Metall, Otto Brenner, 63, aber paßt auch dieses Styling nicht: »Bewährtes darf nicht einfach gegen Unbekanntes aufs Spiel gesetzt werden.«
Mit seiner Absage an Organisations-Experimente wandte sich der Metall-Arbeiterführer gegen Bestrebungen einiger Gewerkschaften, dem Dachverband DGB mehr Kompetenzen bei der Verfolgung gesellschaftspolitischer Ziele zu verschaffen. Nach der geltenden Satzung muß die DGB-Führung bei allen wichtigen initiativen auf die Ansichten der 16 Einzelgewerkschaften Rücksicht nehmen, vor allem auf IG Metall, die mit ihren 2,3 Millionen Mitgliedern rund ein Drittel aller Organisierten im DGB hinter sich hat.
Diese Ohnmachtsklausel aber kann nur mit dem Einverständnis von Otto Brenners Metall-Gewerkschaft aufgehoben werden, die über die Sperrminorität (ein Drittel der Delegierten) bei allen Satzungsänderungen verfügt.
Bereits vor Beginn des sogenannten Reform-Kongresses. der am Freitag dieser Woche beginnt, hat der Alt-Metaller Brenner seinen Abscheu vor allen Plänen bekundet, den politischen Einfluß des DGB zugunsten seines Verbandes zu stärken.
Da beim Aushandeln von Löhnen und anderen Forderungen wie längerer Urlaub oder kürzere Arbeitszeit nicht der DGB, sondern der zuständige Einzelverband Kontrahent der Unternehmer sei, werde die entscheidende Arbeit von den einzelnen Industriegewerkschaften geleistet. Brenner folgert: »Deshalb darf die relative Autonomie der Einzelgewerkschaften nicht in Frage gestellt werden.«
Der Würzburger Soziologe Professor Günter Hartfiel indes kritisierte Brenner, da er offensichtlich die »Zentralisierung der Kompetenzen hin zum DGB mit Entdemokratisierung des Gewerkschaftslebens gleichsetzt«.
Hartfiel dagegen argumentiert, Stärkung der Spitze und Föderalismus zur Stärkung der Massenbasis schlössen sich keineswegs aus. Wer die Entscheidungskompetenzen von »zentralen Funktionseliten« beschneide, diene nicht seinen Interessen. Denn die Kontrahenten der Gewerkschaften -- Unternehmer und Staat -- seien sich schon lange einig, daß Politik »nur sachverständig in zentralen Gremien gemacht werden kann« (Hartfiel).
Der Widerwille Otto Brenners, ein Monument der europäischen Arbeiterbewegung, gegen ei ne Machtverlagerung innerhalb des DGB ist durch Erfahrung gewachsen: Die bisherigen Reformer, etwa der ehemalige Bauarbeiter-Boß und derzeitige Verkehrsminister Georg Leber oder der frühere Postgewerkschafts-Vize und jetzige Staatssekretär Kurt Gscheidle, kamen nie aus der progressiven Fraktion.
Ihr Ziel sei es vielmehr gewesen, so polemisiert Peter Riemer, Chefredakteur der »Holzarbeiter Zeitung«, den DGB als »Ordnungsfaktor einer kapitalistisch organisierten Privatwirtschaft« zu etablieren, »als Ausgleich für Betriebsunfälle einer unzureichenden Wirtschaftspolitik«.
Die IG Metall hingegen will mehr: »Beseitigung aller Privilegien und Vorrechte, aller Formen der Ausbeutung und der Unterdrückung« (Brenner).
Der Streit zwischen den Kollegen begann bereits 1959 auf dem Stuttgarter DGB Kongreß. Damals erfreute Georg Leber die Delegierten mit dem abgewandelten Luther-Wort, der DGB sei »ein zitternder Hintern, der keinen fröhlichen Ton hervorbringen kann«, doch verärgerte er die IG-Metall-Riege zugleich mit der Forderung nach mehr Autorität für den Dachverband.
Brenner verwies den ehrgeizigen Leber. der damals den Sessel des DGB-Vorsitzenden anvisierte, in die Schranken: »Der DGB wird so stark sein wie die ihn tragenden Einzelgewerkschaften.« Und in einer Verhandlungspause wiederholte er in einer Diskussion diese Feststellung mit dem Zusatz: »Damit basta.« Fortan herrscht offene Feindschaft zwischen Lebers »Zentralisten« und Brenners »Föderalisten«. Leber blieb erfolglos in den Arbeitnehmer-Organisationen und wurde Minister.
Als zehn Jahre nach der Stuttgarter Reformpremiere Lebers Protegé Kurt Gscheidle, damals zweiter Mann der Postgewerkschaft, für die DGB-Krone ausstand, kam es zu neuen Auseinandersetzungen zwischen den Fraktionen. Gscheidle forderte eine Stärkung der DGB-Spitze und sprach sein eigenes Urteil: »In einem einheitlichen Gewerkschaftsbund kann sich kein Sektierer mehr in Forderungen gefallen, die für eine Gewerkschaftsbewegung anachronistisch sind.«
Brenner und Genossen wußten, wer gemeint war, und eine nächtliche Bierreise Gscheidles im Berliner Vergnügungsviertel am Stuttgarter Platz, die nach Blessuren auf den Hinterkopf im Rinnstein kulminierte, lieferte den Föderalisten einen Vorwand, die Gewerkschaftskarriere des Post-Technokraten zu beenden. Dem glücklosen Gscheidle, der im Leber-Ministerium zum Staatssekretär berufen wurde, folgte der IG-Bergbau-Vize Heinz Oskar Vetter, der zwischen den Fraktionen sein Heil im Ausgleichen der Flügelkämpfe sucht.
Erst beim Münchner DGB-Kongreß im Jahr 1969 wurde die IG Metall einmal überstimmt. Die Delegierten beschlossen gegen Otto Brenners Einspruch, 1971 einen Reform-Kongreß einzuberufen, bei dem die Stellung des DGB innerhalb der Gewerkschaftsbewegung neu diskutiert werden soll.
Brenner nutzte die Zeit. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus der starken Föderalisten-Fraktion hinderte er den DGB daran, Vorschläge der Satzungskommission zu einem eigenen Antrag an den Kongreß aufzuwerten. Kollege Hauenschild von der IG Chemie erkannte, das Düsseldorfer Meeting werde zum »Reförmchen-Kongreß« schrumpfen. Otto Brenner selbst gab die Richtung an: »Wir können über alles sprechen, aber macht euch keine falschen Vorstellungen.«
Gewerkschafts-Kritiker Hartfiel macht sich seine eigenen Betrachtungen. Ihn erinnert der Versuch, eine umfassende Organisationsreform durch Retuschen an der Satzung zu erreichen, an »einen Psychotherapeuten, der einem Trinker die Nase pudern läßt, um ihn vom Alkoholismus zu befreien«. Bei den Auseinandersetzungen handele es sich um »Einfluß-, Prestige- und Statuskämpfe apparatbewußter Bürokraten«, die lediglich die »allgemeine Orientierungs- und Prinzipienlosigkeit verdecken sollen«.