FRANKREICH / FEUERWEHR Nase voll
Bei der Großparade am 14. Juli kriegen sie alle Jahre den meisten Beifall. Dieses Mal paradierten sie nicht, sie demonstrierten: Frankreichs Feuerwehrleute.
Aus allen Provinzen der Grande Nation waren Mitte März über tausend Feuerwehrer zum Protestmarsch nach Paris angereist. Sie hatten sich Urlaub genommen und die Fahrt mit Spenden ihrer Kollegen bezahlt.
In ihren traditionellen Lederjacken und kupferbehelmt zogen sie zum Finanzministerium in der Rue de Rivoli. Sie forderten »Pompidou, Geld!« und »Weg mit Giscard!« Vor dem Amtssitz des Finanzministers Giscard d"Estaing ließen sie eine Stunde lang ihre Sirenen heulen und blockierten die Pariser Hauptstraße mit einem Sit-in.
»112 Stunden! Wir haben die Nase voll!« rieten sie. Tatsächlich müssen Frankreichs etwa 6500 kasernierte Berufsfeuerwehrleute wöchentlich 112 Stunden Bereitschaftsdienst machen, Ihre nichtkasernierten Kollegen bringen es immerhin noch auf 84 Wochenstunden.
Trotzdem verdienen sie welliger als die meisten französischen Arbeitnehmer. Ihr Monatssalär beträgt 529 Mark (ein Kommunalarbeiter bekommt mindestens 556 Mark) plus 53 Mark Feuerprämie. Und dafür fahren sie durchschnittlich 15 Einsätze pro Tag.
Darüber hinaus sind sie nur gegen vier Berufskrankheiten versichert; im Todesfall bekommen die Hinterbliebenen nur 25 Prozent des Endgehalts.
Niemand mehr will in Frankreich daher zur Berufsfeuerwehr. In Dijon sollen laut Dekret 135 Feuerwehrer Dienst tun. Es gibt aber nur 70. Statt 15 vorgesehener Feuerwehrstationen sind nur drei in Betrieb. »Zwischen Cannes und Toulon an der Côte d'Azur«, sagt Feuerlöscher Pierre Jeanny, »gibt es keine größere Feuerwehreinheit.
Im November vergangenen Jahres begannen Frankreichs Feuerwehrer einen Verwaltungsstreik. Das bedeutete aber nur, daß sie keine Protokolle anfertigten. Die Pariser Feuerwehr -- eine Einheit der Armee -- durfte jedoch auch nicht aufs Protokollieren verzichten.
Löschen taten alle weiter. »Es ist doch unmöglich, die Arme zu verschränken, wenn Feuer ausbricht« klagt Charles Cognet, Feuerwehrmann aus Clermont-Ferrand, »deshalb interessiert sich niemand für uns.
Selbst vom Marsch der Tausend auf Paris ließ sich Frankreichs Regierung nicht schrecken. Sie sagte den Feuerwehrdelegationen lediglich zu, über die Arbeitszeit zu diskutieren. Eine Erhöhung der Löhne und Rentenbezüge lehnte sie ab, weil sie fürchtet, damit die übrigen Angestellten des öffentlichen Dienstes gegen sich aufzubringen.
»Sollen wir etwa Fenster einschlagen oder Autos anstecken?«, schimpfte ein Feuerwehrer. Einige seiner Kollegen planen zumindest Hungerstreiks und wollen Straßenbarrieren errichten.
Die Feuerwehr-Sektion des südfranzösischen Städtchens Pau geht noch weiter: Beim kommenden Automobil-Rennen will sie richtig streiken -- nicht nur administrativ.