BRAINE Nellys Gespenster
Der Kritiker war nicht eben zurückhaltend. »Die Seifenblase ist geplatzt«, schimpfte er - und meinte mit der Seifenblase den Ruhm, den ein erster Roman dem englischen Schriftsteller John Braine eingebracht hatte. Dessen neues, zweites Buch habe »alle Fehler seines Vorgängers und keinen seiner Vorzüge. Die Sprache ist platt, eine Handlung gibt es nicht, und die Personen wirken unglaubwürdig«.
Die abschätzige Kritik wurde nie veröffentlicht. Sie stammt von John Braine selber, dem Autor des so hart ins Gebet genommenen Werkes. Braine hatte sie vorsorglich aufgeschrieben, als eine Art scherzhaft-abergläubischer Beschwörung, bevor er sein zweites Buch, »The Vodi"*, herausgab, das jüngst in London erschienen ist.
Braine hoffte, daß ihm etwas gelingen möchte, was fast allen seinen Gesinnungsgenossen, den sogenannten »zornigen jungen Männern« der Insel, mißraten war: den Publikumserfolg des ersten Werkes auch auf die zweite Veröffentlichung zu übertragen.
Mit seinem ersten Buch »Room at the Top« - deutscher Titel: ... und nähme doch Schaden an seiner Seele« - hatte sich der inzwischen 37jährige Braine, ehemals Bibliothekar in einer Kleinstadt Nordenglands, ein internationales Renommee verschaffen können: Der Karriere-Roman des jungen Joe Lampton, der sich skrupellos den Weg nach oben bahnt und dabei moralisch eine Blutschuld auf sich lädt, war zwar zunächst von vier Verlegern abgelehnt worden, aber der fünfte Verleger akzeptierte und druckte allein für England 800 000 Exemplare. »Room at the Top« wurde in sechzehn Sprachen übersetzt. Der Film - deutscher Titel: »Der Weg nach oben« - mit Simone Signoret und Laurence Harvey erhöhte noch den Ruhm des Bestsellers, der seinem Autor alles in allem etwa 12 000 Pfund (140 000 Mark) eintrug.
Braine zählte sich zwar bereits damals nur am Rande zu den »zornigen jungen Männern« Englands - dem Dramatiker John Osborne, dem »Außenseiter« aus Weltanschauung Colin Wilson, den Romanciers John Wain und Kingsley Amis. Aber auch ihm drohte das Schicksal der jungen »Zornigen« - die öffentliche Enttäuschung nach der sieghaften Ouvertüre. Das zweite Buch Colin Wilsons wurde ausgelacht, Kingsley Amis und John Wain verschwanden wieder in der Versenkung. Dem Neuerer Osborne gelang zwar ein zweites Erfolgsstück, »The Entertainer«, er fiel aber dann mit seinem Musical »Die Welt des Paul Slickey« durch.
Von diesem »Anti-Erfolgs-Mechanismus« (Colin Wilson) schien auch Braine bedroht, bevor sein zweites Buch auch nur abgeschlossen war. »Die Schakale, die sich bei dem geringsten Versuch eines Versagens versammeln«, seien ihm auf der Spur gewesen, meinte »News Chronicle«; es gebe ja auch »nichts Unterhaltenderes, als seinen Nachbarn von einem hohen Dach herunterfallen zu sehen«. Es hieß, vom Verleger sei Braines zweites Buch als unbrauchbar abgelehnt worden, es hieß sogar, das erfolgreiche erste Buch stamme offenbar gar nicht von Braine, sondern von dem englischen Schriftsteller John Raymond.
Gegen so viel negative Voreingenommenheit ging John Braine planvoll und nach besten Kräften an. Eine erste Fassung seines zweiten Romans, an der er zwei Jahre geschrieben hatte, schien ihm »tot und fahl«; er warf sie in den Papierkorb. Braine: »Die ersten Vokabeln zu verwenden, die mir einfallen, wäre für mich ebenso falsch, wie es für einen Chirurgen falsch wäre, mit einem schmutzigen Küchenmesser in der Richtung des kranken Organs wild draufloszuschneiden.«
Braine - »ich will nicht so etwas werden wie ein Drehbuchautor in Hollywood, der um drei Uhr früh bei der dritten Flasche Champagner zu weinen beginnt, weil er sich prostituiert hat« - entschloß sich, in seinem zweiten Buch einen Mann darzustellen, der wie ein Antipode des rücksichtslosen Karrieristen in »Room at the Top« wirkt. Der Held des Romans »The Vodi«, ein junger Mann namens Dick Corvey, geht nicht den »Weg nach oben«, sondern erweist sich als Versager.
Dick liegt in einem Tbc-Krankenhaus und ist in Gefahr, dort bis zu seinem Ende zu bleiben. Er gehört zu den Fällen, die auf moderne Antibiotika allergisch reagieren; seine Heilung macht Schwierigkeiten. (Autor Braine kennt sich in Krankenhäusern aus. Er verbrachte während des Krieges seiner schwachen Lunge wegen fünf Monate in einem Hospital, später mußte er noch anderthalb Jähre in eine Klinik; als Patient schrieb er die erste Fassung seines ersten Romans.)
Im Krankenhaus beschäftigt sich Dick Corvey vornehmlich damit, die wenigen, dürftigen Stationen seines Daseins elegisch und resigniert im Gedächtnis zu repetieren. Dabei erinnert er sich auch an die quälerischen »Vodi« aus seiner Kinderzeit, die für Braines Roman den Titel ergaben. Die »Vodi« sind kleine Gespenster; im Auftrag der Hexe Nelly, deren Kleid mit Menschenzähnen, besetzt war, jagten sie unschuldige Menschen wie den kleinen Dick »Man kann nichts tun, wenn Nelly einen
nicht mag«, findet Dick. Man könne sich nur hinlegen und auf den Tod warten.
Der tuberkulöse Dick erinnert sich an die Soldatenzeit in Burma, wo er geschunden wurde, an die ersten Nachkriegsjahre, die er ziellos verbrachte. Er lernte nichts Rechtes, vergeudete das kleine Kapital, das ihm bei seinem Ausscheiden aus der Armee zukam. Dick erinnert sich an den qualvollen Krebstod seiner Mutter, an die Verzweiflung des Vaters. Er denkt an seine Verlobte, die ihm ewige Treue schwor, als er ins Krankenhaus ging, und ihn bald verriet.
Aus seiner gefährlichen Apathie reißt ihn endlich der Anblick der Krankenschwester Mallaton. Er verliebt sich in diese Schwester und in ihren wippenden Gang; ihr hingegen gefällt der elegische Patient mit den Künstlerfingern. Dicks Zustand bessert sich, er bekommt Ausgeherlaubnis, lädt seine Angebetete zum Essen ein. Für Schwester Mallaton aber ist Dick ein zu schwächlicher Typ; sie verlobt sich mit einem robusten Geschäftsmann.
Die Leidenschaft für Schwester Mallaton hat aber doch des Kranken Willen zum Leben, erfolgreich alarmiert Dick wird gesundgeschrieben und bekommt einen kleinen Posten in der Klinik. Eine andere Schwester, die dralle Betty, interessiert sich für ihn. Dick wird unternehmungslustig; die Vodi sind überwunden - er glaubt nicht mehr an die Kindheitsgespenster. Aber mit der bequemen Lebensphilosophie eines Freundes - »Sehne dich nicht nach dem, was du nicht haben kannst, genieße, was du haben kannst« - will sich Dick nicht abfinden, vermutlich, weil er nach diesem Rezept um Betty anhalten müßte.
Er heiratet sie nicht. Noch am Ende des Buches hofft er auf Schwester Mallaton: .Sie ist ja noch nicht verheiratet.«
Als der Roman »The Vodi« erschienen war, durfte der Autor erleichtert feststellen, daß keiner seiner Kritiker auch nur entfernt Formulierungen so herber Art benutzte, wie sie sich Braine vorsorglich ausgedacht hatte. Im Gegenteil: Das Buch wurde freundlich, ja lobend aufgenommen, und sogar das gestrenge »Times Literary Supplement« urteilte, »The Vodi« sei interessanter als der Erstling; Braine erweise sich als »ehrlicher und gescheiter soziologischer Beobachter«.
Um jungen Autoren in Zukunft Sorgen zu erleichtern, wie sie Braine vor dem Erscheinen seines zweiten Buches drückten, schlug eine englische Zeitung vor: »Ein unternehmungslustiger Geschäftsmann könnte einbringliche Nebengeschäfte damit betreiben, junge Schriftsteller gegen einen Sensationserfolg ihres ersten Buches zu versichern.«
Unterdessen rechnet sich Braine aus, daß der Erfolg des ersten und des zweiten Buches die Hypothek vergrößern müsse, die auf seinem dritten Buch lasten werde. »Ich fürchte mich nicht davor«, sagt er, »aber bange macht es schon.«
* John Braine: The Vodi«; Eyre & Spottiswoode, London; 284 Seiten, 16 Schilling.
Autor Braine: Angst vor dem dritten Buch