Nette Sache - DER SPIEGEL
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BUNDESGRENZSCHUTZ Nette Sache

Als Rezept gegen die Angst präsentierten Deutschlands Innenminister letzte Woche eine Anti-Terror-Truppe, die wahre Wunder wirken soll. Gesucht werden Männer des »Astronautentyps«.
• aus DER SPIEGEL 40/1972
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Die Lage, so schien es, war noch nie so ernst. Düster beschworen die Innenminister der Länder in der Bundesgrenzschutz-Kaserne St. Augustin bei Bonn die gefährdete innere Sicherheit der Nation. Dem Mainzer CDU-Innenminister Heinz Schwarz, wie alle Kollegen streng bewacht, wurde klar: »Bald knallt es wieder.«

Seit aus Nahost mit neuen Anschlägen gedroht wird, um die Freilassung der drei inhaftierten Münchner Terroristen zu erreichen, wähnt Bayerns CSU-Einsatzleiter Bruno Merk »Hunderte von Objekten in Gefahr«. Hamburgs SPD-Innensenator Heinz Ruhnau sieht voraus, »daß wir für eine nicht übersehbare Zeit auf westdeutschem Boden mit Rache- und Terrorakten, mit organisierter Geiselnahme zu rechnen haben«.

Polizei-Spezialisten, die solche Anschläge in dem befürchteten Ausmaß vereiteln könnten, sind nach einer Bestandsaufnahme der Länder bislang nur in begrenzter Zahl verfügbar. Doch Freidemokrat Hans-Dietrich Genscher wußte Rat.

Als Rezept gegen die Sorge, im Terror-Fall nicht -- oder nur mangelhaft -- gerüstet zu sein, präsentierte der Bundesinnenminister den Länderkollegen am Donnerstag letzter Woche eine Geister-Truppe, die bei der Abwehr von Terroristen Wunder wirken soll -- aber noch auf dem Papier steht.

Genschers Garde: gut zweihundert Meister in Präzisionsschießen und Karate, jederzeit und überall unbedingt einsatzbereit gegen Geiselnehmer, Bombenleger und Stadtquerrilleros -- und Situationen wie jener von München gewachsen.

Als neue Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes (BGS) soll die »Anti Terror-Truppe« (Genscher) mit Nahkampferfahrung und Nachtsichtgeräten. Gas und Gewehren immer dann zur Unterstützung lokaler Polizeikommandos bereitstehen, wenn ein Landesinnenminister sie ruft. »Wenn die was können beim BGS«, freut sich schon heute der christdemokratische Stuttgarter Innenminister Karl Schiess, » kann das 'ne nette Sache werden.«

Mit dem Aufbau der ersten Grundeinheit -- einer Hundertschaft -- soll am 1. Oktober in Hangelar bei Bonn begonnen werden. »Diese Einheit«, malt Genscher aus, »steht bis zum Frühjahr.« In weiteren Ausbaustufen plant er Einheiten für München, das Rhein Main-Gebiet, den Raum Hamburg und für Hannover/Westfalen.

Genscher und selbst seine Länderkollegen, die sich zentralistischen Tendenzen in der Verbrechensbekämpfung gewöhnlich widersetzen, hatten nach dem Fiasko von Fürstenfeldbruck zunächst überlegt, ob sie nicht die Truppe statt dein BGS dem Bundeskriminalamt unterstellen sollten. Doch »aus verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Gründen« (Ruhnau) entschieden sie sich schließlich für den Bundesgrenzschutz -- womöglich, so mutmaßen nun erfahrene Wiesbadener BKA-Kriminalisten, »auf Kosten der Effektivität«.

Zwar stellte der Haushaltsausschuß des Bundestags -- einen Tag vor Auflösung des Parlaments -- die Mittel für Gerät und Kader der neuen Truppe bereit. Doch ob sich genügend qualifizierte Freiwillige finden lassen, erschien letzte Woche auch BGS-Offizieren noch fraglich: Die Spezialisten sollen möglichst ledig und bereit sein, sich kasernieren zu lassen; sie müssen nach Ansicht von Polizeipräsidenten »instinktiv reagieren« und nach Auffassung von Verfassungsschützern auch »mit Handkantenschlag töten« können. »Erwünscht«, so ein Genscher-Gehilfe, »ist der Astronautentyp und nicht der junge Kerl von der Bereitschaftspolizei.«

Daher seien auch »Reife, Intelligenz und Einfühlungsvermögen« sowie Erfahrungen in Kriminaltaktik und Kenntnisse im Strafrecht Voraussetzung für die Übernahme in die Terror-Truppe. Jeder der Männer soll zudem entweder zu den Spitzenfahndern, den Spitzensportlern oder den Spitzenschützen der deutschen Polizei gehören -- allzeit bereit, in »einer Gewissensentscheidung« (so die Koblenzer »Rhein-Zeitung«) sofort so schnell zu killen wie James Bond.

»Das ist völlig neu, die Dinge haben sich total auf den Kopf gestellt«, kommentiert Ministerialrat Manfred Seichter vom nordrhein-westfälischen Innenministerium denn auch den 007-Appeal der Genscher-Garde: »Bisher war der gezielte absichtliche Todesschuß untersagt.«

Vorerst erläuterte Anti-Terror-Chef Genscher seinen Länder-Kollegen nur »eine Rohfassung seines Konzepts« (Ruhnau). »Die Truppe«, so schwelgte ihr Bonner Dienstherr, »muß in permanentem Training alle Erscheinungsformen des Terrorismus in sich verarbeiten.« Und: »Auch wenn zum Beispiel in Kolumbien auf eine neue Art ein Flugzeug entführt wird, müssen die Jungs am Ball sein.«

Was den Gewerkschaften an des Freidemokraten Wahlkampf-Hit als »Theaterdonner« (ÖTV-Sprecher Hermann Kruschka) mißfällt, beargwöhnt jetzt auch schon der große Bruder: »Ist Genscher noch zu bremsen?«, fragte besorgt der sozialdemokratische »Vorwärts«.

Im Bundeskriminalamt kommt andere Sorge hoch: »Das wird doch nie was mit der Truppe; nach der Wahl ist der Genscher weg -- leider.«

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