Gesellschaft »Nettigkeiten reichen nicht«
SPIEGEL: Frau Schulte, Frau Sperl, können Sie als Mitglieder der »Kleinen Gruppe«, die über die Platzierung von TV-Filmen im Hauptabendprogramm entscheidet, verstehen, warum sich die Öffentlichkeit über das so genannte Optimierungspapier aufregt?
Sperl: Für mich ist die Aufregung völlig unverständlich. Da wird ein internes Papier zur Richtschnur redaktionellen Handelns oder als Rezept zum Schreiben erfolgreicher Drehbücher hochstilisiert. Als solches war es nie gedacht, als solches ist es untauglich. Man schüttet das Kind mit dem Bade aus, verklärt die Vergangenheit und behauptet, es gäbe keine Vielfalt in der ARD mehr. Dazu kann ich nur sagen: »Schaut euch unsere Filme und unser Programm an, zum Beispiel den Eröffnungsfilm des Jahres 2000 - Marianne Sägebrecht als Obdachlose. Wir hatten damit bewusst ein Signal gesetzt.
SPIEGEL: Das »Optimierungspapier« ist keine Erfindung der Feuilletons. Seine Formulierungen riechen nach der Absicht, das Programm zu verflachen.
Schulte: Dieses Papier ist aus den internen Diskussionen herausgelöst und in Umlauf gebracht worden. Es hat gewiss an manchen Stellen eine unglückliche Wortwahl, aber es ist niemals als eine programmati-
sche Aussage der ARD gemeint gewesen. Mich stört, wie eine sachliche Diskussion hier zu Lande sehr persönlich wird.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Schulte: Wenn ich in der »FAZ« lese, dass meine Kolleginnen und ich in der Kleinen Gruppe zur »Verweiblichung des Fernsehspiels« beitrügen, mithin die »Überzuckerung des Fernsehalltags« herbeiführten, dann hat das nichts mehr mit sachlicher Auseinandersetzung zu tun, sondern mit Rufschädigung in einer emotional aufgeheizten Situation.
SPIEGEL: Ist es ein »Skandal« ("FAZ"), dass Sie, Frau Sperl, und Ihre Kollegin Doris Heinze vom NDR selber Autorinnen von TV-Filmen sind?
Sperl: Es gibt eine lange Tradition schreibender und/oder Regie führender Fernsehspiel-Chefs in der ARD. Der Vierteiler im letzten Jahr und ein weiterer Film, der erst 2001 kommt, sind Aufträge aus meiner Zeit als freier Mitarbeiterin. Da meine Filme beim Feuilleton und den Zuschauern gut ankamen, sieht mein BR-Vertrag im beiderseitigen Interesse vor, dass ich weiterhin schreibe, in meiner Freizeit, in meinem Urlaub und in unbezahltem Urlaub. Weder Frau Heinze noch ich erteilen uns die Aufträge selber.
SPIEGEL: Gibt es denn in der ARD Redakteure, die ihr Publikum mit schlechten Einleitungen und »verquastem Tiefsinn« langweilen wollen? Der Außenstehende begreift nicht, aus welchem Grund Kriterien über das Wahre und Schöne im Fernsehen festgelegt werden müssen.
Sperl: Es war nie geplant, dass mit dem Papier eine Regulariensammlung oder gar eine normative Ästhetik entsteht. Das ist vollkommener Schwachsinn. Die Punkte des Papiers sind als eine Art Checkliste gemeint: Schaut doch mal, ob die Geschichte nach wenigstens zehn Minuten beginnt, ob der Film die Emotionen anspricht. Die Punkte der Liste sind nie Vorgaben, immer nur Ex-post-Feststellungen, Genre-Reinheit ist kein Gebot, was Quatsch wäre, die schönsten Filme spielen mit verschiedenen ästhetischen und inhaltlichen Formen.
SPIEGEL: Dennoch wirken diese Punkte, als verfüge die ARD über ein sicheres Rezept, wie man mit Fernsehfilmen Quote erzielt.
Schulte: Wenn mich Nachwuchsautoren fragen: »Wie schreibe ich für ein großes Publikum?«, dann sage ich: »Du schreibst überhaupt nicht für ein großes Publikum. Du schreibst erst mal für dich. Und je glaubwürdiger du deine Geschichte erzählst, desto mehr Zuschauer werden sich identifizieren.«
SPIEGEL: Wer hat denn das »Optimierungspapier« geschrieben?
Schulte: Das Papier stammt nicht von der Kleinen Gruppe. Es ist, wie gesagt, eine Checkliste, das stichwortartige Ergebnis interner Diskussion.
Sperl: Wir haben unsere Platzierungsempfehlungen immer mit unserer subjektiven Meinung begründet. Dann kam der Wunsch nach Objektivierung auf. So ist diese Checkliste entstanden.
SPIEGEL: Diese Punkte haben - typisch deutsch - Eingang in ein Selbstauskunftsformular gefunden, in dem jeder Redakteur nach einem Benotungsschema von eins bis fünf ausfüllen muss, ob er seine Geschichte spannend, emotional und so weiter findet. Bürokratismus pur.
Sperl: Dieses Formular erweist sich in der Praxis als untauglich, weil als Eigenauskunft nicht aussagekräftig, jeder Redakteur wird sich fünf Punkte geben.
SPIEGEL: Der Fragebogen wird kassiert?
Sperl: Das ist bereits geschehen, und zwar einvernehmlich.
SPIEGEL: Und er dient auch nicht mehr zur Kontrolle von ARD-Projekten, wenn die erst den Status von Treatments haben?
Schulte: Im Mai fand eine Klausur der Fernsehdirektoren und Intendanten statt. Dort wurde die Idee von Programmdirektor Günter Struve abgelehnt, eine Zentralredaktion für Fernsehspiele zu schaffen. Aber unsere Kleine Gruppe erhielt den Auftrag, wir sollten die Planung für das nächste Jahr in der Exposé-Phase begutachten. Das haben wir kategorisch abgelehnt. Jedes Haus entscheidet weiter allein über seine Projekte.
Sperl: Außerdem - einer kann großartige Exposés schreiben, aus denen schlechte Drehbücher werden, und umgekehrt: Ein gutes Drehbuch kann aus einem schlechten Exposé entstehen.
SPIEGEL: Ist Ihre Kleine Gruppe nicht doch so etwas wie eine von oben eingesetzte Zentralredaktion?
Schulte: Wir sind auf zwei Jahre aus der Mitte unserer Kollegen gewählt und nicht von Programmdirektoren eingesetzt worden. Es geht nicht um Zentralisierung, sondern um Platzierung, eine Angelegenheit, die vor allem im Programmumfeld des Mittwochabends immer wichtiger wird.
Sperl: Wir machen Vorschläge, die jederzeit von der Koordination und den betroffenen Sendern revidiert werden können.
SPIEGEL: Doch sie halten sich meist an das Votum der Kleinen Gruppe.
Schulte: Es gibt in Wirklichkeit nur weniger Streitfälle, jeder Sender kann sein Programm selbstverständlich auch gegen unsere Empfehlungen zur Primetime ein-
bringen, wenn er selbst davon überzeugt ist und das will.
SPIEGEL: Trotz der Arbeit Ihrer Gruppe hat die ARD, so meinen zumindest Programmdirektoren, am Mittwoch ein Quotenproblem. Wie sehen Sie das?
Sperl: Die Arbeit der Gruppe hat auf die Entstehung von Filmen keinerlei Auswirkungen, da wir die Filme immer erst sehen, wenn sie fertig sind. Wir haben also keinerlei Einfluss auf Inhalt und Form. Richtig ist, dass wir die größten Quoteneinbrüche bei Filmen haben, die für ein großes Publikum gemacht sind.
SPIEGEL: Beschädigt die ARD ihren Mittwochstermin nicht selbst durch Sport oder die vielen »Brennpunkt«-Sendungen? Filme fangen dann zu spät an.
Schulte: Das Problem ist erkannt. Die Zusammenfassung der Tour de France findet beispielsweise vom nächsten Jahr an nicht mehr um 20.15 Uhr statt. Im Gegensatz zum Sonntags-»Tatort«-Termin oder zum ZDF-Montagsfilm herrscht am Mittwoch ein wechselndes Angebot aus Sport und Spiel, diese Art Mischung schafft Unsicherheit und keine Zuschauerbindung.
SPIEGEL: Was ist so schlimm daran, wenn eine öffentlich-rechtliche Anstalt für einen Film nur zehn Prozent Marktanteil bekommt? Sie müssen ja nicht auf Teufel komm raus Quote machen.
Schulte: Wenn man teilweise jahrelang mit Herzblut an einem Projekt gearbeitet hat, will man natürlich so viele Leute wie möglich damit erreichen ...
Sperl: ... wobei man wissen muss, dass bei Themen wie NS-Vergangenheitsbewältigung nur zehn Prozent zu erreichen sind. Das wissen wir und machen es, weil es wichtige Themen sind.
Schulte: Großprojekte wie die Uwe-Johnson-Verfilmung »Jahrestage« oder »Die Manns« von Heinrich Breloer sind Beispiele, dass Renommee in der ARD seinen festen Platz hat.
Sperl: Aber zu denken muss es geben, wenn unsere »Zeitgeist-Themen« nicht laufen, weil manche Filme nicht so werden, wie alle Beteiligten sich das vorgestellt haben.
SPIEGEL: Warum schmeißen Sie das »Optimierungspapier« nicht einfach in den Papierkorb?
Schulte: Noch mal: Das Papier ist kein Zensur- oder Regulierungsinstrument und keine Anleitung für die tägliche Arbeit mit Autoren, Regisseuren und Produzenten. Jede Geschichte hat ihre eigene Dramaturgie.
Sperl: Es geht innerhalb der ARD um eine vernünftige Streitkultur, der Austausch von Nettigkeiten reicht nicht, es müssen Fragen gestellt werden dürfen, warum wer was machen will. Jede Frage ist legitim und darf nicht vor irgendeiner Person Halt machen. Man muss nun mal immer fragen dürfen, warum.
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Die »Kleine Gruppe«
entscheidet über die Platzierung von TV-Filmen in der ARD. Ihr gehören Gabriela Sperl und Susan Schulte an. Sperl, 48, leitet das Bayerische Fernsehspiel, Schulte, 56, ist Abteilungsleiterin beim SWR in Baden-Baden. Beide ARD-Frauen kümmern sich um Nachwuchsförderung. Sperl arbeitet auch als Drehbuch-Autorin.
Interview: Nikolaus von Festenberg
* Mit Thomas-Mann-Darsteller Armin Müller-Stahl (sitzend).* Mit Axel Milberg.