NEUE ERHARD-MASCHE
In dem Interview wird die Frage der Privatisierung von Bundesvermögen behandelt. Es wird mit keinem Wort auf die Frage eingegangen, ob und inwieweit der Bund verpflichtet ist, aus seinem erheblichen Vermögen, von dem er keine Reparationen hat zahlen müssen, nun endlich einmal diejenigen natürlichen und juristischen Personen zu entschädigen, die für den Bund Reparationen gezahlt und dadurch erreicht haben, daß die Bundesrepublik und ihre großen Unternehmungen von allen Reparationen freigestellt worden sind. Mit diesem Hinweis hat die Bundesregierung selbst in der Begründung zu dem Pariser Vertragswerk den Verzicht auf das enteignete Auslandsvermögen zu rechtfertigen versucht. Durch den Überleitungsvertrag ist bekanntlich den betroffenen Staatsbürgern jede Möglichkeit genommen worden, ihre Ansprüche vor allen inländischen oder ausländischen Gerichten geltend zu machen. Das verpflichtet zu einer Entschädigung gemäß Artikel 14 des Grundgesetzes, wie das u. a. von Professor Kaufmann im Bulletin der Bundesregierung selber grundsätzlich anerkannt worden ist.
Bonn DR. JUR. JOSEF KÜBEL
Oberregierungsrat
Während die Mitbestimmung zumindest in der Grundstoffindustrie für den Arbeitnehmer recht positive, konkrete Ergebnisse
zeitigte, verweist unser Bundeswirtschaftsminister in seinen Volksbeglückungsplänen immer dann auf die Techniker ("Da müssen die Techniker ran"), wenn es darum geht, seine Konstruktion in eine festumrissene Form zu fassen.
Für den mit wirtschaftlichen Tatsachen vertrauten Leser ist es heute schon fast eine Alltagsweisheit, daß sich in den Großunternehmen aller modernen Volkswirtschaften eine zunehmende Trennung von Eigentumsrecht und Verfügungsgewalt vollzieht. Es kann nicht das Ziel einer konstruktiven Wirtschaftspolitik sein, daß die Arbeiter und Angestellten in das Klagelied der vielen kleinen Wertpapierbesitzer über den wachsenden Schwund ihres Einflusses einstimmen müssen.
Professor Erhard spricht in dem Interview von der Mystifizierung des Begriffes Automation. Wenn jedoch ein Tenor seine Ausführungen beherrscht, ist es die Mystifizierung der Aktie, die ihre höchste Vollendung in dem Begriff Volkskapitalismus findet.
Hamburg PETER SIEGL
Die Aktie als wertbeständiges Sparen? Zieht man schon wieder in Betracht, daß die vorhandenen Werte verlorengehen können? Das geschieht doch erfahrungsgemäß immer als Kriegsfolge.
Stuttgart-Untertürkheim JÜRGEN FISCHER
Arbeiter
In Österreich läuft bereits eine große Aktion, um die »Volksaktie«, den Volkskapitalismus, zu einer gesellschaftspolitischen Tatsache zu machen. Aktien im Werte von 150 Millionen Schilling sind vom Stammkapital der staatseigenen Creditanstalt (Aktienkapital: 500 Millionen) und 75 Millionen Schilling vom Aktienkapital der Österreichischen Länderbank (250 Millionen) zum Verkauf freigegeben worden. Wegen des hohen Substanzwertes der Aktien war der zum Verkauf freigestellte Wert bereits nach einer Woche voll gezeichnet. Es wurden jedoch weitere Orders angenommen. Die kleinen Käufer sollen bevorzugt befriedigt werden, große Aufträge werden nur zu einem Teil erfüllt. Im Herbst soll übrigens auch staatlicher Industriebesitz auf diese Weise privatisiert werden. Man wird sicher nicht behaupten können, daß die österreichischen »Volksaktien«, die seit dem 28. Januar verkauft werden, Herrn Wirtschaftsminister Professor Erhard inspiriert haben. Aber originär oder auch nur originell ist der Plan des Herrn Professor Erhard nicht.
Wien IX LEOPOLD TETTNER
Warum hast Du nicht an uns gedacht, die wir seinerzeit unsere Spargroschen für den Aufbau des Volkswagenwerkes gegeben haben - und dafür bis jetzt keinen Gegenwert erhielten? Aktienbesitzer werteten mit 100 Prozent auf, Volkswagensparer mit 0 Prozent. Es wäre schön, wenn uns der einstige Kaufpreis - 1000 Mark - als Aktie gegeben würde. Da verliert niemand etwas, das Volkswagenwerk braucht jedenfalls nicht 160 000 Wagen umsonst herzustellen. Jetzt gehört das Werk »niemand«, deshalb können wir niemanden belangen. Wenn es aber »verkauft« wird, dann sollte man nicht vergessen, wessen Werk man verkauft.
Hannover DR. ING. RUDOLF ROST
DIE ZEIT
Erhard: »Sieh mal an, der Kollege Kamitz* nach dem Postsparen endlich mal wieder etwas, was man den Osterreichern nachmachen könnte...«
* Prof Dr. Reinhard Kamitz, österreichischer Finanzminister