HOCHSCHULEN Neuer Frack
Für den vierzehntägigen Lehrboykott war die Universität gut gerüstet. Erst mahnte der Präsident seine Professoren schriftlich, dem Streikbegehren der Hochschüler »nicht mit administrativen Mitteln entgegenzutreten«. Dann schwor er den Allgemeinen Studentenausschuß (Asta) ein, niemanden mit Gewalt vom Besuch der Vorlesungen und Übungen abzuhalten.
Und für alle Fälle heuerte Hamburgs Uni-Chef Peter Fischer-Appelt noch eine Hundertschaft des Wachdienstes Webendörfer an (Vertragsbedingung: ohne Uniform, ohne Waffen), die für mehr als 100 000 Mark Salär notfalls »die Beweglichkeit der Türen« sichern soll.
Gleichwohl geriet der Boykott, der seit Montag letzter Woche den Lehrbetrieb an der Hansestadt-Hochschule weitgehend lähmt, zu einer »Belastung«, wie es sie laut Fischer-Appelt »bisher noch nicht gegeben hat<. denn anders als im studentischen mai der 60er jahre, da auf dem campus eine radikale minderheit rebellierte, zeichnet sich für das sommersemester 1977 eine bedrohliche massenbewegung ab, die sich mit organisatorischem geschick allein nicht lange mehr bewältigen lassen wird.
was in hamburg heute virulent ist, könnte morgen zehntausende in berlin auf die straße bringen. es gärt im sozialliberal regierten nordrhein-westfalen ebenso wie im cdu-treuen baden-württemberg. den unmut artikuliert der sonst so brave ring christlich-demokratischer studenten (rcds) ähnlich wie der marxistische spartakus.
die einen lehnen das verschärfte ordnungsrecht ab, die anderen beklagen unzumutbare studienbedingungen. protestgrund bietet bafÖg, das unzulängliche bundesausbildungsförderungsgesetz, anlaß zum demonstrieren gibt die lehrerarbeitslosigkeit. und die studierenden von 20 fachhochschulen protestieren derzeit dagegen, daß sie auf den universitäten nicht im gleichen umfang wie bisher weiterlernen dürfen. die große koalition der unzufriedenen hat aber auch außerhalb der hochschulen ihre anhänger: bei eltern und schülern, die unterm numerus clausus leiden, bei bürgern, die der schnüffelpraxis der staatsschutzbehörden skeptisch gegenüberstehen.
selbst regierende erklären sich mitunter solidarisch. hamburgs hochschulsenator dieter biallas (fdp) klagte letzte woche, er befinde sich in der »schizophrenen« lage, »in den konfliktpunkten mit den studenten einer meinung zu sein und sie trotzdem durchsetzen zu müssen«.
ursache für die bewußtseinsspaltung des liberalen und anlaß des hamburger lehrboykotts ist die in der hanse-
*mitte: wissenschaftsenator biallas.
stadt ebenso wie in fast allen bundesländern anhängige anpassung des föderalen hochschulrechts an den verbindlichen raster des bonner hochschulrahmengesetzes (hrg).
was vor knapp zwei jahren bundestag wie bundesrat passierte, sorgt heute für unruhe auf dem campus. denn der bundesrahmen setzt für studium und studenten neue normen, darunter vier, die jetzt besonders umstritten sind. so müssen die regionalen parlamente bis spätestens 1979 in ihre gesetzestexte bestimmungen einarbeiten, wonach > einem Studenten, der Gewalt anwendet oder zur Gewalt auffordert, etwa »um die Durchführung einer Hochschulveranstaltung<' zu behindern, die studienberechtigung entzogen werden kann -- ein unnötiges sonderrecht für hochschüler außerhalb der allgemeinen strafgesetze;
* die sudienzeitdauer vier jahre nicht überschreiten soll -- obwohl es in vielen fächern nicht einmal studienpläne gibt, nach denen man das studium organisieren könnte; > Hochschullehrer bei Lehre, Forschung und Berufungen wieder allein das Sagen haben sollen -- was paritätische Mitbestimmungsmodelle annulliert;
* die Allgemeinen Studentenausschüsse und damit die »verfaßte Studentenschaft« wenn nicht aufgelöst, so zumindest auf ein hochschulpolitisches Mandat beschränkt werden -- was jede Stellungnahme zu allgemeinpolitischen Fragen ausschließt. Wie behutsam auch immer die Länderregierungen das Bundesrecht umzusetzen versuchen, das Ergebnis ist überall das gleiche: Die Studenten demonstrieren und protestieren. In Bremen entzünden sich die Aktionen vor allem an der Abschaffung der bislang praktizierten Drittelparität, in Stuttgart machen Hochschüler mit Transparenten gegen die »Knebelung der verfaßten Studentenschaft« Stimmung, in Hannover soll sich der für die Hochschulen zuständige Parlamentsausschuß einem »Tribunal« stellen.
Da aber den Landesregierungen ohnehin nur Spielraum in Nuancen bleibt, ist es den Betroffenen letztlich dann gleichgültig, welchen Gebrauch ihre Regenten davon machen. Als die Hamburger Wissenschaftsbehörde ihren streikbereiten Hochschülern eiligst einen veränderten Text ihres Uni-Gesetzes vorlegte, kommentierte der Asta die Beschwichtigungsbemühungen lakonisch: »Alter Kack im neuen Frack.«
Daß der vorhersehbar vergebliche Widerstand gegen den Vollzug der Bundesregelungen der entscheidende Grund für die beispiellose Mobilisierung studentischer Massen sein soll, wie sie sich bundesweit seit letztem Herbst abzuzeichnen beginnt, scheint Hochschulexperten denn auch längst zweifelhaft.
Für sie wird das Ausmaß des studentischen Unbehagens an den gesetzlichen Eingriffen erst in Verbindung mit anderen Problemkreisen verständlich, die zusammen erst das studentische Dilemma ausmachen und vielen Hochschülern den Eindruck vermitteln, sie gerieten in eine ausweglose Situation.
Es kommt manches zusammen: Im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft sind wohldotierte Posten rar geworden -- aber die Ansprüche der angehenden Akademiker sind geblieben. Offensichtlich ungehört verhallten die Appelle, im Studienabschluß nicht länger den Berechtigungsschein für Karrieren und Spitzengehälter zu sehen.
Da sind die überfüllten Hörsäle und Labors; Studienbedingungen, die sich wegen des demnächst sich noch verstärkenden Andrangs und der geplanten Stellenkürzungen beim Lehrpersonal weiter verschlechtern werden. Die Fächer und damit die Berufswahl ist durch Zulassungsbeschränkungen stark eingeschränkt, und die Anforderungen bei den Universitätsprüfungen wurden merklich verschärft.
Da sind die rund 175 000 Fachhochschüler, die nicht akzeptieren, daß ihnen die Kultusminister -- wie im HRG vorgeschrieben -- den freien Zugang zur Universität gesperrt haben. 40 Prozent aller Fachhochschüler, darunter viele vom Zweiten Bildungsweg, wollten bislang lieber ein Uni-Diplom als den FHS-Abschluß, der meist nur den Weg zu minder bezahlten und schlechter angesehenen akademischen Berufen freigibt. Demnächst dürfen nur noch drei Prozent der Fachhochschüler in zulassungsbeschränkten Fächern weiterstudieren.
Da ist die Unzufriedenheit der Studenten über ihre soziale Lage. Sicherlich scheinen 580 Mark BAföG-Höchstförderung nicht eben wenig angesichts allgemeiner Arbeitslosigkeit und der Sorgen in anderen Ausbildungsbereichen. Nur: Den Höchstbetrag erhält nur ein kleiner Teil der Geförderten, und wegen der niedrigen Elternfreibeträge (1100 Mark monatlich) kappt jede Lohnerhöhung gleich Zehntausenden die staatlichen Zuschüsse.
Was Bildungspolitiker von Bund und Ländern so bedenklich stimmt, ist die Tatsache, daß sie dem akademischen Nachwuchs kaum irgendwo Hoffnung auf Besserung machen können -- im Gegenteil.
Ob der Protest so friedlich bleibt, scheint bei den trüben Prognosen fraglich. Politiker wie der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Manfred Schmidt warnen schon vor der Gefahr, die von der »neuen Apo« dann droht, wenn sich radikale Scharfmacher durchsetzen.
Daß die beim Lehrboykott an der Hamburger Uni bislang nicht recht zum Zuge kamen, liegt nicht zuletzt an jenen Kommilitonen, die für die Dauer des Streiks einen der überall raren Nebenjobs angenommen haben. Für zehn Mark die Stunde wachen sie beim Sicherungsdienst Webendörfer über den eigenen Ausstand.