Revolutionäre Neuer Tarzan
Der Revolutionär hatte die langen Haare kurz geschnitten, er trug eine Brille und falsche Zähne. Selbst seine engsten Freunde erkannten ihn kaum: Verkleidet als seriöser Geschäftsmann, brach Che Guevara zu seiner geheimnisvollsten Mission auf.
Fidel Castro persönlich verabschiedete im April 1965 seinen charismatischen Mitstreiter, der zuletzt kubanischer Industrieminister war, auf dem Flughafen von Havanna. Dann verschwand der gebürtige Argentinier von der Insel.
Weltweit setzte großes Rätselraten ein. Einige Zeitungen vermuteten Che in Brasilien oder Venezuela, andere wollten ihn in Angola oder Malaysia gesichtet haben. Besonders Phantasiebegabte behaupteten gar, er sei von der CIA ermordet und im Keller einer Fabrik in Las Vegas verscharrt worden.
Erst 1967 tauchte der Revolutionär wieder auf - an der Spitze eines Guerrillatrupps im bolivianischen Dschungel, wo er Indianer und Landarbeiter zum Aufstand anstacheln wollte. Das bolivianische Militär setzte sich auf seine Spur und nahm ihn am 8. Oktober 1967 fest. Einen Tag später erschoß der Sergeant Mario Teran im Weiler La Higuera den Mann, der neben dem Vietnamesen Ho Tschi-minh zum Idol der 68er Bewegung werden sollte.
Doch wo war Che 1965 untergetaucht? Afrikanische Revolutionäre hatten zwar verbreitet, er kämpfe im Kongo, im heutigen Zaire. Aber die kubanische Regierung hütete alle Informationen wie ein Staatsgeheimnis.
In dem Buch »El ano en que estuvimos en ninguna parte« (Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren) haben der mexikanische Historiker Paco Ignacio Taibo und zwei kubanische Journalisten jetzt das Rätsel gelöst. Jahrelang forschten sie in Kuba nach Aufzeichnungen von Che, befragten Augenzeugen und Mitkämpfer des Comandante.
Ein hoher Regierungsbeamter steckte ihnen Ches Tagebücher aus dem Kongo zu. Fidel Castro hatte die Papiere aus gutem Grund unter Verschluß gehalten: Ches Traum, die Revolution nach Afrika zu tragen, war kläglich gescheitert.
Anfang 1965 brach Che erstmals zu einer offiziellen Afrikareise auf. Die meisten Länder des Kontinents waren gerade erst unabhängig geworden. In ihrem Bestreben, das koloniale Erbe abzustreifen, wählten viele afrikanische Führer den sozialistischen Weg. Che sah die Chance, einen ganzen Kontinent für den Marxismus zu gewinnen.
In Algerien und Ägypten predigte er in feurigen Reden die Weltrevolution. Im Kongo wollte er das zweite von »vielen Vietnams« schaffen, die er dem Westen androhte. Die Bedenken des ägyptischen Präsidenten Gamal Abd el-Nasser wischte er beiseite: »Sie wollen ein neuer Tarzan werden«, hatte der ihn gewarnt, »ein Weißer unter Schwarzen, der die Afrikaner leitet und beschützt - das ist unmöglich.«
Der Kongo glich zu jener Zeit einem Hexenkessel. Nach der Unabhängigkeit von Belgien 1960 hatte der Nationalistenführer Patrice Lumumba die Wahlen gewonnen und wurde erster Premier der Republik Kongo. Doch alsbald rebellierten Armee-Einheiten. Außerdem fiel die rohstoffreiche Provinz Katanga unter MoIse Tshombe ab. Lumumba, der von der Sowjetunion Hilfe erbat, wurde gestürzt und in Katanga ermordet.
Seine Anhänger nahmen vom benachbarten Tansania aus den Kampf gegen das Regime auf, China unterstützte sie mit Waffen. Mit einem Häuflein Veteranen der kubanischen Revolution eilte Che den Aufständischen zu Hilfe. Der Lateinamerikaner wußte kaum etwas über die Verhältnisse im Kongo. Vor der Abreise hielt er seinen Soldaten einen flüchtigen Vortrag über die Lage und beschied sie: »Den Rest lernen wir vor Ort.«
In einem Konvoi brachen die Kubaner aus Tansanias Hauptstadt Daressalam auf. Der Trip glich zunächst mehr einer Safari denn einem Kriegseinsatz: Die Guerrilleros genossen die fremde Landschaft und fotografierten wilde Tiere. In einem Boot überquerten sie den Tanganjika-See und betraten in dem Städtchen Kibamba kongolesischen Boden. Die Einheimischen erfuhren erst zwei Tage später von Ches Ankunft und gaben die Nachricht sofort weiter. Che, der von den Kongolesen den Kriegsnamen »Tatu« erhalten hatte, beschwerte sich: Er fürchtete eine internationale Intervention, falls seine Umtriebe bekannt würden.
Es war der Beginn einer Reihe von Mißverständnissen zwischen den Afrikanern und ihren Bundesgenossen aus der Karibik. Che sprach kein Kisuaheli. In seinem Tagebuch notierte er: »Vom ersten Moment hatten wir mit einem Problem zu kämpfen, das uns während des ganzen Kampfes begleiten sollte: der totale Mangel an Organisation bei den Afrikanern.«
Rasch hatte er sich eine Meinung über den Guerrillaführer Christophe Gbenye gebildet: »Er scheint besser geeignet, eine Bande von Dieben zu führen als eine revolutionäre Bewegung.«
Che entsetzte sich, daß die schwarzen Offiziere ihre Soldaten schlugen und traten. Die gutgekleideten und mit deutschen Pistolen bewaffneten Rebellenführer verspürten offenbar wenig Lust, ihre Männer persönlich in den Kampf zu führen: »Sie wollen nichts vom Krieg wissen«, monierte Che.
Über die Kommandeure der Aufständischen machte er sich lustig: »Sie zogen vor den Soldaten eine Show ab: General Maulana kleidete sich in eine Kampfuniform, die aus einem Motorradhelm und einem Leopardenfell bestand. Das ließ ihn so lächerlich aussehen, daß einer von uns ihn Kosmonaut taufte.«
Mit den einfachen Soldaten hatte Che mehr Geduld. So fand er sich damit ab, daß die Afrikaner sich weigerten, die Säcke mit Verpflegung selbst zu tragen. Wenn er einen bat, das Gepäck zu schultern, bekam er auf Kisuaheli die Antwort: »Mimi hapana motocari« (Ich bin doch kein Lastwagen). In Lateinamerika und Europa hätten seine Bewunderer freudig alles für den berühmten Comandante getan. Aber dies war Afrika.
Da es um die Versorgung der Truppe schlecht bestellt war, jagten die Soldaten wilde Tiere. Sie aßen Affen und brutzelten Nilpferdsteaks. Nur Elefantenfleisch fanden sie ekelhaft: »Wir versuchten, einige Stücke zu kochen, aber als das Wasser zu sieden begann, krochen Würmer aus dem Fleisch«, notierte der Kubaner Erasmo Videaux Robles.
Che brachte es nicht fertig, die Kampfmoral der Afrikaner zu stärken. Wenn sie auf den Feind stießen, schlossen viele Kongolesen die Augen, feuerten blindlings ihre Waffen ab und rannten davon. Hunderte desertierten. Die »Dawa« sei zu schwach, rechtfertigten sich die Soldaten. Dawa war der Name einer Lotion, mit der sich die Rebellen einrieben, um unverletzbar zu werden.
Che heuerte einen Hexer an, um der Truppe Mut zu machen, doch es half alles nichts: Die Söldnertruppe der Regierung rückte vor, nach acht Monaten mußten die Guerrilleros aufgeben. Flüchtende Kongolesen versuchten verzweifelt, auf die drei Boote zu springen, welche die Kubaner nach Tansania zurückbringen sollten.
»Verletzte, Kranke, Frauen und Kinder, Alte und Flüchtlinge drängten sich um einen Platz«, schrieb Che in sein Tagebuch. »Man hätte viele Boote gebraucht, um alle zu retten. Es war ein klägliches, schmerzhaftes und ruhmloses Schauspiel. Die Soldaten zeigten keinerlei menschliche Größe bei dem Rückzug, kein bißchen Widerstandsgeist.« Che blieb den Kongolesen vor allem als Arzt in Erinnerung, weil er fachmännisch Spritzen setzte.
In der Heimat wußte niemand über das Fiasko Bescheid. Ohne Che zu unterrichten, war Gaston Soumialot, einer der kongolesischen Rebellenführer, nach Havanna gereist und hatte Fidel Castro vorgegaukelt, daß der Einsatz ein großer Erfolg sei. Zwei Monate bevor Che den Kongo verließ, schickte Castro seinem berühmtesten Comandante einen Brief, in dem er ihn zum Durchhalten aufforderte. Der Maximo LIder wußte, daß Che ihm als revolutionäre Legende mehr nützte denn als Minister zu Hause.
Der gescheiterte Guerrillaführer schrieb zurück: »Wäre ich nicht ein so großer Optimist, hätte dieser Traum schon längst ein katastrophales Ende gefunden. Soumialot hat dich betrogen, ich kann die Lügen kaum noch zählen. Wir können nicht allein siegen in einem Land, das nicht kämpfen will. Es gibt kaum Soldaten, die den Namen verdienen; den Menschen fehlt jeder Kampfgeist. Wir brauchen viel Geduld, aber die ist auch bald aufgebraucht. Jeden Tag tauchen mehr Idioten auf, die sich nur um ihr eigenes Wohl sorgen. Hier fehlen Supermänner.«
In Lateinamerika rechnete sich der Supermann der Revolution bessere Chancen aus - auch das ein Irrtum, der ihn wenig später das Leben kostete. Y
»Es gibt hier kaum Soldaten, die den Namen verdienen«