Neues Land, besseres Land - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 59 / 117

Neues Land, besseres Land

Iowa, New Hampshire, Missouri - der demokratische Wahltross kommt in Fahrt. Drei mögliche Präsidenten haben die Bush-Gegner, und alle versprechen ein anderes Amerika. Von Klaus Brinkbäumer
• aus DER SPIEGEL 7/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt in der Leichtathletik, beim 10 000-Meter-Lauf, einen lausig bezahlten und ziemlich anstrengenden Job, meistens erledigen ihn junge Kenianer. Es ist der Job des Hasen, jenes Kerls, der vornweg hetzt und die anderen mitreißt, damit diese später die Rekorde brechen können - auf der Zielgeraden, wo der Hase schon lange nicht mehr dabei ist. Denn der steigt spätestens nach 5000 Metern aus.

Der Hase der Demokraten heißt Howard Dean.

Howard Dean, Internist und ehemaliger Gouverneur von Vermont, blond und bissig, hat George W. Bush angegriffen. Er hat dem Präsidenten der Vereinigten Staaten die Steuererleichterungen für Reiche vorgeworfen und die Lügen mit den Massenvernichtungswaffen, die über 500 toten GIs im Irak und die Isolierung Amerikas in der Welt.

»Genau. So ist es«, dachte May Scheve, »und warum hat das bisher keiner gesagt?«

Howard Dean war schlau und scharf, Howard Dean war auf den Titelblättern von »Time« und »Newsweek«, er war der kommende Präsident. Vor sechs Wochen. Dann wurde Howard Dean schräg und schrill. Neulich stand er mit irrem Blick auf der Bühne und brüllte in die Kameras, wo er demnächst hinfahren werde: »North Carolina! Und Arizona! Und New Mexico!« Und es klang wie: »Ich kriege euch alle, wo ihr auch seid, ihr solltet eure Kinder verstecken.« Und seitdem ist Howard Dean raus aus dem Rennen, er läuft nur noch aus, »nicht wählbar«, wie sie das hier nennen, bald wird er aufgeben. Er will das am 17. Februar entscheiden, nach den Vorwahlen in Wisconsin.

Das Tempo ist hoch, zu hoch für den Hasen; dieses Tempo, das nur noch John Kerry, John Edwards und Wesley Clark halten können. »Drei wahre Führer«, sagt May Scheve, drei Männer, die bei diesen Vorwahlen darum kämpfen, im November George W. Bush besiegen zu dürfen.

Es ist Dienstag in St. Louis im Bundesstaat Missouri, kurz nach 18 Uhr, und die Demokraten von St. Louis haben sich im »John D. McGurks« versammelt. Unter Guinness-Werbung, Fotos von Samuel Beckett und James Joyce und drei Fernsehern stehen sie da, das »McGurks« ist ein Irish Pub. Und May Scheve ist die Vorsitzende der Demokraten von Missouri, eine kleine, eine blonde Frau in blauem Kostüm, 39 Jahre alt, Demokratin, sagt sie, seit Ronald Reagan das Land veränderte.

Es sind große Tage für die Demokratische Partei, große Tage für St. Louis, für May Scheve. Gestern beispielsweise war Teresa Heinz in der Stadt, was wäre Mrs. Heinz für eine Präsidentenfrau!

Teresa Heinz: Die braunen Haare trug sie offen, und sie trug eine weiße Bluse und über der rechten Schulter ein buntes Tuch, und sie trank ein wenig Weißwein und aß ein wenig Salat. Im Metropolitan Square Building war das Abendessen, es war eines dieser langweiligen Fund Raising Dinners, die schlagartig gar nicht mehr langweilig sind, wenn eine Dame wie Teresa Heinz anwesend ist. Ihr Ehemann sei »wie ein guter Wein«, sagte sie in die Runde, lange Jahre gereift und nun gut zu trinken.

Ihr Mann: John Kerry, der Favorit, jener Mann, der ohne Zweifel Präsident würde, wenn an diesem Dienstag schon die richtigen Wahlen wären. John Kerry ist fünf Jahre jünger als Teresa Heinz, sie ist 65, doch sie hat sich ja Botox spritzen lassen, wie sie gern erzählt.

Die gebürtige Portugiesin erzählt überhaupt recht gern. Von ihrer Kindheit in Mosambik und ihrer Zeit als Uno-Dolmetscherin. Von ihrem ersten Mann, dem Senator Jack Heinz, jenem Heinz von »Heinz Ketchup«, der 1991 mit dem Flugzeug abstürzte, dem »Mann meines Lebens«, wie sie heute noch sagt. Und von Kerry erzählt sie, ihrem zweiten Mann, der im Bad gewesen sei, als er von seinen Siegen in Iowa und New Hampshire erfuhr. Und als Teresa erläutern will, warum John, dieser Außenseiter, nun so weit vor allen anderen liegt, erzählt sie allen Ernstes: »Er ist immer gut, wenn er von hinten kommt.«

Und lächelt sanft.

Teresa Heinz hat fast 500 Millionen Dollar geerbt nach dem Flugzeugabsturz. Sie spendet Jahr für Jahr eine Menge davon. Sie ist die Philanthropin Amerikas - nein, ein solcher Gast war lange nicht in St. Louis. What a First Lady!

Ein großer Tag war dann auch der Dienstag, ein »Super Tuesday«. Sieben Staaten haben gewählt, aber kein Staat ist so wichtig wie Missouri, weil Missouri als Musterstaat gilt, Arm und Reich und Schwarz und Weiß sind hier prozentual so verteilt wie im ganzen Land - Missouri ist ein Mini-Amerika mitten in Amerika. Deshalb wird das Ergebnis Prognosen für die USA gestatten.

Ein eisiger Dienstag war es, es gab Schneetreiben und Stürme in Missouri, und Leute wie Theresa Savio, Helferin und Aufseherin bei diesen Vorwahlen, saß im Flur der Shaw School im Stadtteil The Hill in St. Louis, 5329 Columbia Avenue, und sah den Wählern zu, es waren viele Wähler. Theresa ist 75, Demokratin seit der Geburt, sagt sie, sie mochte Truman und danach lange keinen mehr. Theresa sagt, sie sei nicht leicht zu überzeugen, sie staune selbst, aber sie möge tatsächlich alle drei: Kerry, Edwards, Clark.

Und nun ist es 18.15 Uhr am Wahldienstag, es gibt Chicken Wings und rohes Gemüse im »McGurks«, und ihre Helfer bringen der Vorsitzenden May Scheve alle 15 Minuten eine kalte Flasche Budweiser. Der Saal ist voll. CNN kündigt »Breaking News« an, es ist die Vorhersage des Sieges von John Edwards in South Carolina.

»,Breaking News', das war in diesem Land seit dem 11. September drei Jahre lang immer nur Bush«, sagt May Scheve.

Und alle hier wissen natürlich, dass Wahltag nicht Alltag ist und dass die konservative Diffamierungsmaschine noch nicht mal warm läuft. Sie wissen es, aber sie sehen die Zahlen. Kerry würde Bush deutlich schlagen. Edwards würde ein Remis schaffen. Clark würde knapp verlieren. Heute. Und wenn Kerry, der ernste Entscheider aus dem Norden, erst die Vorwahlen gewonnen hat und dann Edwards, diesen Robert Redford des Senats aus den Südstaaten, zu seinem Vize macht, wie sieht es dann aus? Und wenn im November die Wirtschaft immer noch nicht angezogen hat? Und Osama Bin Laden noch frei ist und immer noch Soldaten im Irak sterben?

19 Uhr, »Breaking News": Kerry gewinnt Missouri (mit über 50 Prozent) und Delaware, in Oklahoma liegen Kerry und Edwards und Clark gleichauf. Edwards, der Sieger von South Carolina, tritt vor die Kameras, nationales Fernsehen, John Edwards ist Anwalt, er kann Geschworene überzeugen. Er sagt, dass irgendwo in Amerika gerade ein kleines Mädchen friere und hungere. Dieses Mädchen sehe er, dieses Mädchen umarme er, dieses Mädchen sei der Grund, weshalb er kandidiere: »Wir leben in zwei Amerikas«, und er meint Bushs Amerika für texanische Ölkonzerne und das verlorene Amerika der Armen. »Wenn die amerikanischen Menschen mir eine Chance geben, werde ich ihnen das Weiße Haus zurückgeben«, sagt er. Es ist pathetisch, aber das ist die Botschaft der Demokraten: Das Land soll wieder eine soziale Seite haben, andere Staaten sollen die USA respektieren können.

»Yeah«, sagt Jay Bleeke, 25, ein Typ in T-Shirt und roten Converse-Schuhen, »wir gehen nach Washington.« Bleeke steht am Tresen, er ist einer von diesen Jungs, die die neue Welle der Demokratischen Partei gestartet haben: Student der amerikanischen Geschichte, freiwilliger Helfer der Edwards-Kampagne, morgens saß er am Telefon und rief Wähler an, nachmittags ging er von Tür zu Tür. Er setzt aus an der Uni, denn natürlich hofft Bleeke auf einen Job im Weißen Haus, und wenn der nicht kommt? Dann hat er etwas gelernt.

»Breaking News«, 20.17 Uhr, langsam wird es zur Gewissheit: Kerry hat Arizona, Delaware, New Mexico, North Dakota und Missouri, Edwards hat South Carolina, Clark hat Oklahoma.

Es ist ein flirrender Wahlkampf, seit Howard Dean sie alle in Gang gebracht hat. Die Kandidaten fliegen durch die Gegend, sie sind online aktiv wie nie, sie lassen Spots und Anzeigen schalten nach Strategien, die dreimal am Tag überprüft werden.

Und alles ist Symbol: John Edwards lässt gern den Song »Small Town« spielen, wenn er auf die Bühne stürmt. John Kerry hat in seiner Boeing 737 rot-weiß-blaue Bezüge über die Kopflehnen ziehen lassen, und auf den Bezügen steht: »John Kerry President« - das »for« lässt Kerry inzwischen weg. Wesley Clark isst viele Gummibärchen, geht aber fünfmal die Woche schwimmen. Howard Dean lebt von Erdbeer-Shake, Moment, wer war noch mal Howard Dean?

»Es ist ein Zweikampf«, sagt Edwards nach dem ersten Erfolg, »vielleicht noch ein Dreikampf«, das kommt darauf an, ob man Wesley Clark mitzählen will.

Es ist nun Mittwoch, die Schlacht ist weitergezogen nach Nashville in Tennessee, hier wird kommenden Dienstag gewählt. Im Forum, einer Art Aula der Tennessee State University, wird gleich Wesley Clark auf die Bühne gehen, noch steht er am Eingang, schüttelt Hände. Wesley Clark, 59, hat einen Seitenscheitel und einen Buckel, er trägt Cordhose und offenes Hemd, die Uniform der U. S. Army stand ihm besser. Frauen wählen keine Uniform, das haben Wesley Clark die Umfragen gesagt.

Und jetzt steht Clark dort oben, sein Publikum darf »Wes« zu ihm sagen. Vier Themen hat er, Glaube, Familie, Führung und Patriotismus, und zu jedem Thema erzählt Wesley Clark eine Geschichte. Wie er in Vietnam den Feind fand und der Feind im selben Moment ihn, der Feind schoss schneller, zielte aber schlecht. Wie seine Mutter 30 Dollar in der Woche verdiente und sein Vater starb, als Wes vier Jahre alt war. Wie er Jahrgangsbester in West Point wurde und bis nach ganz oben marschierte: Clark war Nato-Oberbefehlshaber während des Kosovo-Kriegs, er ist Vier-Sterne-General, »ich habe mehr über innere Sicherheit vergessen als George W. Bush je gewusst hat«.

Wesley Clark hat sein Sakko ausgezogen. Er fasst die Leute an. Er verspricht ihnen, dass er die Mindestlöhne heraufsetzen und Amerika aus dem Irak herausführen wird, und er verspricht der Welt, dass sein Amerika Kriege nur dann führen wird, wenn es muss, und niemals, wenn es will.

Es ist von allen Varianten die unwahrscheinlichste, dass im November Clark Präsident wird. Es gab da eine verheerende Geschichte im »New Yorker« über ihn, karrieregeil und intrigant, das ist der Eindruck, der geblieben ist.

Jeder der Kandidaten erzählt fünfmal, zehnmal am Tag das Gleiche, das alles gilt nicht. Was zählt, ist der Moment, der zu einer Geschichte wird, der Moment des Sieges oder der Niederlage, jener Moment etwa, als aus dem Publikum einer der Soldaten auf die Bühne klettert, die John Kerry einst in Vietnam befehligte. Der Soldat erzählt, wie er neulich John Kerry anrief, weil er kurz davor war, sich umzubringen - und Kerry habe Hilfe geschickt und ihn in die Klinik bringen lassen, John Kerry habe ihm das Leben gerettet. Und Kerry steht daneben, und man sieht seine Augen nicht hinter diesen wuchernden Brauen, aber es wirkt, als weine er.

Das ist eine Geschichte. Und es zählt jener Moment, als John Edwards, den alle immer so lieb fanden, den armen Howard Dean zerlegt. Eigentlich hat Dean bloß gesagt, dass er auch der Kandidat jener Männer aus dem Süden sein will, die mit Südstaaten-Fahne am Truck herumfahren, aber Edwards ist so flink, das als Beleidigung zu deuten. »Das Letzte, was wir im Süden brauchen, ist, dass einer wie Sie aus dem Norden kommt und uns sagt, wie wir zu leben haben«, sagt Edwards, und auch damit schafft er es in die Nachrichten.

Kerry und Edwards haben die großen Momente. Dean und Clark hatten gruselige Momente.

Der Republikaner Bob Dole sagt nach Kerrys Triumph und Clarks Niederlage in Iowa, dass Clark die Nacht ja wohl als General begonnen und als Colonel beendet habe, und Clark tappt in die Falle. »Senator, Sie müssen Ihre Fakten sortieren«, sagt er zu Dole, bei allem Respekt, John Kerry »ist ein Lieutenant, und ich bin ein General«. Dieses Zitat wird ein Killer, denn genau diese Arroganz müsste Wesley Clark in der Politik natürlich verstecken.

Dann ist es Donnerstag in Nashville, und nun ist John Edwards im »Women's Building« der Tennessee State University. Bei Clark gab es Klaviermusik, jetzt dröhnt »Eye of the Tiger«. Clark stand auf der Bühne über dem Volk, bei Edwards sitzen die Zuhörer im Sechseck um ihn herum.

John Edwards, 50, redet von den zwei Amerikas und von dem hungrigen zehnjährigen Mädchen, von Bildung, von Krankenversicherungen, das Gleiche wie immer. »So muss Amerika nicht sein, zusammen können wir Amerika ändern.« Er wurde in einem Dorf namens Seneca in South Carolina geboren, sein Vater arbeitete in Textilfabriken. Edwards kam hoch, er war 20 Jahre lang Rechtsanwalt, insgesamt erstritt er 153 Millionen Dollar Schadensersatz.

Anwälte kriegen 20 bis 30 Prozent in den Vereinigten Staaten, »ich bin einer von euch«, sagt John Edwards trotzdem. Jetzt ist John Edwards Senator.

Gestern war er Gast in David Lettermans »Late Show«. Er sagte zehn Sätze auf, die ein Präsidentschaftskandidat niemals sagen darf, und der schlimmste Satz war dieser: »Lady, Sie haben ein unfassbar hässliches Baby.«

Jetzt ist es 17 Uhr, Edwards hat den Auftritt im »Women's Building« gleich hinter sich, nur noch schnell ein paar Fotos mit einer strahlenden Mutter. »Was für ein süßes Baby«, sagt der Bewerber.

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 117