Will man Nixon und Scheel gleichermaßen glauben, so haben beide der Bundesrepublik einen kalten Winter erspart; der Amerikaner, indem er Israel solidarisch unterstützte, der Deutsche, indem er die Bundesrepublik von dieser solidarischen Unterstützung ausschloß.
Beide könnten aber unrecht haben, kalter Winter und Benzinmangel drohen der Bundesrepublik gleichwohl. Schlimmer noch, was bislang nur als Schreckgespenst aufgeboten werden konnte, das Wort »Neutralität«, steht über Nacht als grausame Alternative da.
Der Tempelvorhang, der die Wahrheit nicht sehen ließ, ist mitten entzweigerissen, EG-Europa wird Israel nicht länger moralisch unterstützen. Einigt sich Europa auf eine gemeinsame Politik, so nur unter zwei Voraussetzungen: die neun EG-Länder
* verhalten sich im Nahost-Konflikt strikt neutral,
* betrachten aber dafür jede gegen einen ihrer Mitgliedsstaaten gerichtete Erpressung als gegen jeden gerichtet.
Handeln die EG-Staaten nicht solidarisch mit Holland und fügt sich Holland nicht in die Neutralität, so ist das Vereinigte Europa nur noch ein Dreck. Handeln sie aber solidarisch-neutral, so muß die Entfremdung zu den USA und zu Israel wachsen, die beide wenigstens »moralische«, und das hieß ja oft genug augenzwinkernde Unterstützung erwarten.
Die Haltung der USA erscheint grobschlächtig und konsequent, die des Bonner Außenamtes subtil und nicht sehr konsequent. Wenn Bonn darauf hinweist, daß die amerikanischen Verladeaktionen erst nach dem Inkrafttreten des Waffenstillstandes beanstandet worden seien, so offenbart das eine merkwürdige, eine fast arabische Auffassung vom Begriff der Neutralität. Wäre denn eine Unterstützung von deutschem Boden aus eher zu rechtfertigen gewesen, solange der Krieg noch ohne Waffenstillstand im Gange war?
Mit dem Zwinkern und Plinkern ist jetzt Schluß. Die Bonner Beflissenheit hat peinlicher berührt als der Bonner Standpunkt, der nicht auf Öl allein gründet, Israel steht uns näher als die Araber, wir verstehen die Israelis besser, wir beneiden oder fürchten an ihnen das, was uns abhanden gekommen ist. Aber wie Israel sich konsequent weigert, andere als israelische Interessen gelten zu lassen, so haben wir die Interessen der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten. Sie lassen eine politische Parteinahme für Israel nicht (mehr) zu. Die Araber sind irrationale Leute; aber Menschen, anders als einige Israelis meinen, sind sie eben doch, und zwar welche, die für unsere Hitler-Verbrechen mit der Existenz des expansionsträchtigen jüdischen Staates bestraft worden sind.
Israel hat sich immer mit Gründen geweigert, von den Europäern Ratschläge entgegenzunehmen. Es hat sich auf die eigene Tüchtigkeit und auf die Hilfe der USA verlassen. auch auf die Hilfe der Juden in aller Welt. Kein Zweifel kann aber sein, daß Israels Gebiets- und Sicherheitsansprüche mit den berechtigten Interessen der Araber nicht übereingehen. Wollen die Israelis Frieden, werden sie sich mit den Vereinigten Staaten, und mit niemand sonst, verständigen müssen. Europa wird ihnen nicht helfen, nicht Holland und nicht die Bundesrepublik.
Blickt man zehn Jahre zurück, so sind mittlerweile Dinge bei uns passiert, die vordem unvorstellbar schienen: arabischer Terror in der Luft, bewaffneter Terror innenpolitischer Sekten, unbewaffneter Terror beamteter Fluglotsen, Umweltschäden in der Atemluft und in Nahrungsmitteln: Immer ging es mit der säuselnden Vernunft und nicht mit entschiedener Moral. Erstmals stellt die
keineswegs unvernünftige -- Erpressung der Araber Anforderungen auch an unsere Moral.
Solidarität der EG-Staaten untereinander und gegenüber Dritten tut not. Erwünscht wäre freilich auch ein amerikanischer Präsident. der den Kopf noch frei hätte, über die Weltlage nachzudenken; erwünscht ein Henry Kissinger, der seine Verachtung für die Europäer nicht offen kundtut. Was den Nahost-Konflikt angeht, so kann EG-Europa sich nur gegen die USA zu einer einheitlichen Haltung durchringen -- es sei denn, diese seien bereit, Überlegungen und Hilfsquellen mit den Europäern zu teilen. Bislang wollen sie nur freie Hand und unser Geld.