SPANIEN Nicht Bauch, sondern Beutel
Humpelnd betritt der alte Mann die Bühne. Sein Gesicht ist leichenblass bis auf die braunen Flecken um die tränenden Augen, die hohe Stirn glänzt von Schweiß. An die 4000 meist ältere Frauen und Männer jubeln und wedeln mit den Fähnchen der Volkspartei.
Der Kandidat packt die Zuhörer mit lauter, überschlagender Altmännerstimme, droht ihnen mit energischen Gesten. »Wahlen gewinnt man«, dröhnt er, während seine milchig verschleierten Augen ins Leere starren, »wenn man seinen Weg geht und sich wenig verschleißt.« In der ersten Reihe nickt wohlwollend Ministerpräsident José María Aznar.
Die Erscheinung wie aus einer anderen Epoche trug sich im Sportstadion von Vigo zu. In der regenreichen Region Galicien im Nordwesten Spaniens wird am kommenden Sonntag das Landesparlament gewählt. Und der Oldtimer versteht sich aufs Siegen: Dreimal schon zog Manuel Fraga Iribarne mit absoluter Mehrheit in das Parlament seiner Heimat ein. Kurz vor seinem 79. Geburtstag will er nochmals Chef der Xunta (Regionalregierung) werden.
Don Manuel bestimmt seit einem halben Jahrhundert Spaniens Politik mit. Der einstige Informations- und Tourismusminister war sieben Jahre lang Sprachrohr des Diktators Francisco Franco - ebenfalls ein Gallego. Fraga, der nach dem Tod des Generalissimus 1975 das Land als Innenminister einer vordemokratischen Regierung in Atem hielt, ist heute der einzige politisch Überlebende der bleiernen 40 Jahre faschistischer Diktatur. Wie kommt es, dass alle Umfragen ihm beste Chancen einräumen, weiterhin das Geschick von 2,7 Millionen Einwohnern der autonomen Region zu lenken? Zwar ist der Franquismus heute in Spanien weithin einer toleranten und offenen Gesellschaft gewichen. Doch in Galicien scheinen sich die alten Machtstrukturen zu halten.
»Der Übergang zur Demokratie hat hier nur formal stattgefunden«, klagt Xosé Manuel Beiras, 65. Der Wirtschaftsprofessor führt den linken Nationalistischen Block Galiciens an, eine Sammelbewegung und zweite Kraft im Parlament. Der Hüne mit den wirren weißen Locken hat das Zeug dazu, dem konservativen Polit-Dino gerade junge Wähler abzulocken.
Beiras erinnert daran, dass sich die Erhebung Francos gegen die Republik 1936 sofort in dessen Heimat Galicien durchsetzte. »Die Kaziken blieben.« Nach Francos Tod folgten sie Fragas rechter Formation, die sich zur heute regierenden Partido Popular (PP) mauserte, nachdem sich Don Manuel 1989 endlich aufs Altenteil nach Galicien zurückgezogen hatte.
Von seinem Amtssitz gegenüber der prächtigen Kathedrale von Santiago de Compostela herrscht der Haudegen im alten Stil. Laut einem Bericht seiner Regierung an den Rechnungshof gingen 1998 und 1999 fast 90 Prozent der Investitionen der Regionalregierung an Gemeinden mit PP-Bürgermeistern, wo nur 66 Prozent der Gallegos lebten. Manch einer mag da sein Kreuz bei der Partei machen, die Pfründen zu vergeben hat. Die Galicier, so ein Sozialist, »handeln nicht aus dem Bauch, sondern aus dem Geldbeutel«.
Wer Fragas Heimatstadt Villalba besucht, versteht, warum selbst Anhänger der Linken jammern: »Bei uns ändert sich nichts.« In einem schmucken Park gegenüber seinem Geburtshaus steht seine Büste im Talar des Juraprofessors: Schon 1970 haben die Bürger des Ortes im Herzen der ländlichen Provinz Lugo dem »Löwen von Villalba« dieses Denkmal errichtet. Da trifft sich an einem grau verhangenen Nachmittag ein Häufchen Jugendlicher. Sonst schlurfen Männer und verhutzelte Weiblein in Strickjacken durch die Straßen.
Aus Galicien, lange Zeit Spaniens Armenhaus, wanderten seit jeher die Mutigsten ab, in den letzten zehn Jahren 140 000 Jugendliche, weil sie zu Hause keine Jobs finden. In Wahlkreisen wie Lugo leben schon mehr Rentner als Bürger im Berufsleben. Und die Alten wählen meist Fraga.
Die Galicier seien nicht so sehr Anhänger der Volkspartei wie Fragas, sagt resigniert der bärtige Buchhändler von Villalba, auf dessen Quittung noch General-Franco-Straße gedruckt steht. Wenn der Mächtige aus der Xunta einer Familie einen Job für den arbeitslosen Sohn verschafft, dann »bist du schon gefangen«. Die Diktatur habe die Menschen hier nachhaltig »an die Bevormundung gewöhnt«.
Auf den Weiden um den Ort grasen Kühe, ein Bauer fährt mit dem Ochsenkarren die Ernte ein. In Lugo arbeitet das einzige galicische Labor, das Schlachtvieh auf BSE untersucht. In der Region mit 30 000 Rinderzüchtern und 1,5 Millionen Stück Vieh drohten die »vacas locas«, die wahnsinnigen Kühe, die Erfolgsbilanz der Volkspartei zu trüben.
Aber auch die Seuche hat Fraga ("Wir haben das gesündeste Vieh Europas") auf seine Art erledigt - durch Aussitzen. Die staatlichen Veterinäre von Galicien klagten jüngst die Verwaltung an, die Ergebnisse von 94 Proben zurückzuhalten, die sie seit März nach Lugo geschickt hatten.
Den Galiciern verspricht der Greis mehr vom Alten. »Ich halte nichts vom Wandel, ich habe mich wenig verändert.« Und bei der Kundgebung in Vigo legt Ministerpräsident Aznar den Wählern ans Herz, in Zeiten weltweiten Terrors »braucht Galicien die sicheren Hände von Don Manuel Fraga«. HELENE ZUBER