NICHT BEANSTANDET - DER SPIEGEL
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Martin Morlock NICHT BEANSTANDET

• aus DER SPIEGEL 27/1965
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Nassauer, der dem von Kinderlosigkeit und anderen Erbfolge-Übeln geplagten Hause Oranien - 1515 - aus der Verlegenheit half, hieß Heinrich III. Graf von Nassau-Dillenburg.

Dessen Sohn Renatus, bar eines Stammhalters, machte seinen Vetter, den Grafen Wilhelm II. von Nassau-Dillenburg, zum oranischen Hausherrn, womit weiteren Nassauern und einer wechselvollen Historie der Weg geebnet war.

Wilhelm III. schließlich, König der Niederlande, hinterließ als Thronerbin Wilhelmina (1898 bis 1948), die ihrem deutschen Gatten Heinrich Herzog zu Mecklenburg die heute regierende Königin Juliana schenkte, welche ihrerseits im Lebensbund mit dem deutschen Bernhard Prinz zur Lippe-Biesterfeld vierer Prinzessinnen genas.

So kam das Haus Oranien neuerlich in Bedrängnis: So viele Königstöchter zu verehelichen in einer Zeit, da Parlament und Presse zum Nörgeln neigen und der in Frage kommende Hochadel, meist selbst begütert, eher nach Ebenmaß als nach Ebenbürtigkeit äugelt - das will bewerkstelligt sein!

Margriet, 22, bekam den bürgerlichen Pieter

van Vollenhofen. Irene, 25, nach heftigen Stürmen den katholischen Hugo von Bourbon-Parma. Blieb noch die siebenundzwanzigjährige Kronprinzessin Beatrix.

Seit frühester Pubeszenz wurden ihr Anverlöbnisse untergeschoben; so mit Baudouin von Belgien, Michael von Griechenland, aber auch mit einem Bierbrauerssohn namens Tollemache.

Jetzt weiß die Welt: Julianas Älteste begehrt einen deutschen Legationsrat zum Manne, dessen »untitulierter Briefadel« laut genealogischem Handbuch seit 1795 »nicht beanstandet« wird: den Porschefahrer, Golfspieler und Skiläufer Claus-Georg von Amsberg, 38, Sohn eines westelbischen Landwirts.

Amsberg, in Ostafrika aufgewachsen, später in einem ostpreußischen Internat erzogen, erlebte das Kriegsende als Panzerschütze, holte das Abitur nach, studierte die Rechte und erlernte bei dem Hamburger Geldinstitut Marcard & Co. das Bankfach.

1957 trat er in diplomatische Dienste, wurde dritter Sekretär an der Botschaft in Santo Domingo (von wo aus er Hamburger Freunden den Export von Go-Karts und den Import des Sex-stimulierenden Wurzelpräparats »Pegapalo« anempfahl), dann Stellvertreter des

Botschafters in Abidjan an der Elfenbeinküste. Zuletzt leitete er stellvertretend das Ressort »Wirtschaftsbeziehungen zu Afrika südlich der Sahara« im Bonner AA.

Das Urteil derer, die ihn kennenlernten, ist zwiespältig. Ältere Damen schwärmen von seinen guten Manieren, jüngere beklagen eine gewisse Unentschlossenheit in seinem Vorgehen, wenn es zarte Bande von Dauer zu knüpfen galt. Männer meinen, daß schon der Banklehrling Amsberg, vor die Wahl gestellt, einer reicher Aristokratin oder einer mittellosen Tochter, des Volkes die Hand fürs Leben zu reichen, zuviel Zartgefühl, besessen hätte, letztere in Verwirrung zu stürzen.

Sicher ist, daß der nach A 13 Besoldete (1011 bis 1551 Mark Grundgehalt plus 166 Mark Ortszuschlag) bei der Wahl seiner Freunde Großbürgertum und vor allem Hochadel ("Leute mit einem Balkon vor dem Namen") niemals außer acht ließ; eine Haltung, die ihn zur Teilnahme an Fürstenhochzeiten und in der Folge zum Erwerb des Titels »Prinz der Niederlande« nebst 330 000 Mark Jahres -Apanage befähigte; von der Herzensneigung einer designierten Thronfolgerin ganz zu schweigen.

So stehen wir denn vor der Frage: Können wir Claus von Amsberg entbehren?

Wohl weist sein Dienstvorgesetzter Pauls, designierter Botschafter für Israel, den Legationsrat als »guten Diplomaten« und »au fond anständig« aus; wohl sind Tugenden wie Zielstrebigkeit und feines Benehmen hierorts zu dünn gesät, als daß man sie ohne Not exportieren dürfte. Doch sollten wir solchen Eigennutz schon aus Gründen der europäischen Nachbarlichkeit zurückstellen.

Weit wichtiger erscheint es, zu fragen: Wird er uns Ehre machen?

Der Amsberg-Freund Graf von Oeynhausen sagte zur Zeitung »Het Vrije Volk«, er wisse, daß Claus der »schweren Aufgabe, Prinzgemahl von Holland zu sein«, gewachsen sein werde.

Gewiß, gewiß. Aber kann der Kronerbin Verlobter, einziger Sohn unter sieben Geschwistern, Gewähr dafür bieten, daß Oranien nicht weiterhin Töchter muß gebären?

Angesichts solcher weiblichen Dominanz werden womöglich auch in Zukunft Nassauer - wenn wir dieses verdiente Adelsgeschlecht als Sinnbild für dynastische Hilfsbereitschaft heranziehen dürfen - für den Fortbestand des Hauses dringend vonnöten sein.

Amsberg

Martin Morlock
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