»Nicht schon wieder«
Heftiges Nicken bei den 1300 aus aller Welt angereisten Teilnehmern der Internationalen Frühwarnkonferenz in Bonn. Es ist der 27. März 2006. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gibt gerade die Losung des Tages aus: »Wann immer es uns gelingt zu verhindern, dass ein Naturereignis zu einer Katastrophe wird, ersparen wir unzähligen Menschen unvorstellbares Leid.«
Am Tagungsort, dem ehemaligen Plenarsaal des Bundestags, fließt träge der Rhein vorbei.
Doch zu dem Zeitpunkt hat die Katastrophe längst wieder ihren verhängnisvollen Lauf genommen - mitten in Europa. Tauwetter mit Tagestemperaturen von bis zu 20 Grad und ergiebiger Regen lassen Flüsse bedrohlich anschwellen. Im südrumänischen Bechet steigt die Donau in den nächsten Tagen auf Pegelstände an, die zuletzt vor mehr als 100 Jahren gemessen wurden. 6000 Rumänen haben ihre Häuser verlassen, 148 Ortschaften sind überflutet.
In Südostpolen stehen an der Weichsel 7500 Hektar Ackerland unter Wasser, Straßen sind unpassierbar. Es gibt die ersten Todesopfer.
Es ist, als hätte die Natur ein Lehrbeispiel für die Bonner Tagungsteilnehmer ersonnen.
In Deutschland beunruhigen vor allem Meldungen aus Tschechien am Tag der Frühwarnkonferenz die Elbanrainer: Am Pegel in Ústí nad Labem (Aussig) wird bereits Hochwasser gemessen. Die Menschen sind von blankem Entsetzen gepackt. Es ist die Angst vor einer weiteren Jahrhundertflut, die erneut wie 2002 die Orte entlang des Elbestroms verwüsten könnte. Nicht wenige Anwohner gerade in Sachsen sind eben erst wieder in ihre mühsam trockengelegten Häuser gezogen, ihre ganze Existenz steht auf dem Spiel. Die Dresdner, die vor vier Jahren die halbe Stadt samt Semperoper im Wasser spiegeln sahen, stapeln schon Sandsäcke: »Bitte, nicht schon wieder« titelt »Bild«.
Wie könnten sich die Menschen auch sicher fühlen? Nach dem Hochwasser 2002 wurden zwar für 522 Millionen Euro Schäden an Deichen und anderen Schutzbauwerken behoben, doch das war nur Flickwerk. Das Sächsische Umweltministerium hat einen tatsächlichen Investitionsbedarf von 1,9 Milliarden Euro ermittelt, fast 1600 Baumaßnahmen sind in 47 Hochwasserschutzkonzepten aufgelistet. 20 Jahre, schätzt Umweltminister Stanislaw Tillich, werde die Umsetzung dauern. Es sei eine »Generationenaufgabe«. Für die Zwischenzeit war schlicht kein neues Jahrhunderthochwasser vorgesehen.
Doch die Pegel steigen weiter. In Dresden liegt er am 4. April bei 7,49 Metern - noch zwei Meter unter der Marke von 2002. Es spielen sich Dramen ab, die man nach der Jahrhundertflut nie wieder sehen wollte. Der kleine Ort Gohlis bei Riesa wird erneut von der Außenwelt abgeschnitten. Boote des Technischen Hilfswerks versorgen die Einwohner notdürftig.
Hauptgrund für die Flutung ist eine nie beräumte Bausünde. Die neugebaute Staatsstraße 88 hält das Wasser wie ein Staudamm in der Senke. Planungen, aus dem Damm eine Brücke zu machen, liegen seit dem Jahr 2002 in der Schublade - passiert ist nichts. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt schickt endlich einen Bautrupp: Die Staatsstraße wird aufgerissen, das Wasser kann ablaufen.
Auch in Dresden beginnt sich die Lage zu entspannen. Der Scheitelpunkt ist erreicht, alle Deiche haben gehalten, das Wasser bleibt mit zwei Metern deutlich unter dem Sommerhochwasser von vor vier Jahren zurück. Die historische Altstadt liegt trocken, die Schäden in der Fläche sind weitaus geringer. Monate später wird das Sächsische Innenministerium den Gesamtschaden mit 50 Millionen Euro beziffern. Experten sprechen von einem Hochwasser, wie es alle 15 bis 20 Jahre vorkomme.
Aber die Entwarnung kommt zu früh. Denn der glimpfliche Verlauf der Flut im oberen Bereich der Elbe hat ernste Folgen für deren Mittellauf: Prognosen für Niedersachsen, wonach die Pegel unter denen von 2002 bleiben, stellen sich als falsch heraus. Niedersachsen wird von der Flut förmlich überrollt - ganz Deutschland schaut gebannt auf die kleine Stadt Hitzacker, die jeden Tag ein wenig mehr in den braunen Wellen der Elbe versinkt.
Die Gründe dafür liegen auch im besseren Flutmanagement in Tschechien. Eine Talsperrenkaskade der Moldau wird diesmal so gesteuert, dass sich die Schäden auf tschechischem Gebiet in Grenzen halten. Weil in Sachsen und Sachsen-Anhalt die Deiche ebenfalls halten, bleiben die Wassermassen anders als vor vier Jahren im Fluss und schießen nun ungebremst auf Niedersachsen zu.
Die Menschen dort haben doppelt Pech: Die mögliche Rettung, das heranrauschende Elbwasser in die Havel umzuleiten, ist unmöglich. Die Havel führt ebenfalls Hochwasser, das Wehr Quitzöbel wird geschlossen. Noch 2002 war so das Elbwasser in den Havelschlauch umgeleitet worden und hatte Niedersachsen vor größeren Überflutungen gerettet.
Die Welle ist nicht mehr aufzuhalten. In Neu Darchau (Kreis Lüchow-Dannenberg) wird der vorhergesagte Pegel schon um 23 Zentimeter überschritten. Für Hitzacker wird ein Höchststand von 6,80 Metern berechnet - 70 Zentimeter weniger als bei der Jahrhundertflut im August 2002. Jetzt könnte der Kurort jene Hochwasserwand gebrauchen, mit deren Bau auf der Internet-Seite der Stadt geprahlt wird: »Wasserbaukunst sichert Fachwerkstadt«. Tatsächlich gibt es Klagen gegen den Bau, auch der Stadtrat stellt sich anfänglich quer. Nun ist es zu spät: Am 6. April werden 7,10 Meter gemessen, die Altstadtinsel von Hitzacker macht ihrem Namen alle Ehre: Land unter.
Langsam läuft das Krisenmanagement an. Ministerpräsident Christian Wulff ist in Südafrika, Innenminister Uwe Schünemann weilt in Kasachstan, während das niedersächsische Umweltministerium inzwischen von einem Höchststand von 7,70 Metern ausgeht. Endlich lösen die Landkreise Lüneburg und Lüchow-Dannenberg Katastrophenalarm aus, eine Million Sandsäcke werden zur Verfügung gestellt. Die historische Altstadt Hitzackers steht inzwischen fast komplett unter Wasser. Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich über das Katastrophengebiet fliegen: »Das Ausmaß wirkt außerordentlich bedrohlich.«
Dabei haben Experten längst vor derartigen Überschwemmungen gewarnt und Schutzmaßnahmen angemahnt. Das Umweltbundesamt sagt in einer Studie voraus, dass die Hochwassergefahr in den meisten Regionen Deutschlands im Winter und im Frühjahr zunehmen werde. Die Niederschlagsmengen im Winter können bis zum Jahr 2080 um 30 Prozent steigen. Die neue Flut, glaubt auch der Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid, sei Vorbote einer langfristigen Änderung des Wettergeschehens in Deutschland. Den Flüssen müsse durch Deichrückbau und Flutpolder mehr Raum gegeben werden.
Schon 2003 hat die »Internationale Kommission zum Schutz der Elbe« fast 12 000 Hektar neue Flutflächen gefordert. Tatsächlich ausgewiesen werden nur sehr wenige - auch, weil jeder gern auf den anderen zeigt: »Sinnvoll wäre es, wenn wir Retentions- und Polderflächen am Oberlauf der Flüsse schaffen«, befindet Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander und delegiert das Problem gen Osten.
Am 9. April beginnt das Wasser in Hitzacker endlich zu sinken. Bei 7,63 Metern hat die Flut gestoppt. Niedersachsen zahlt den Opfern der Region mehr als eine Million Euro Soforthilfe. Einige Geschädigte aus Hitzacker wollen das Land verklagen - wegen der falsch prognostizierten Wasserstände und des zu spät ausgerufenen Katastrophenalarms.
Die Elbe ist weiterhin nicht für extreme Hochwasser gerüstet. Von 1232 Kilometer Elbdeichen in Deutschland, fand die Internationale Kommission schon vor dem Frühjahrshochwasser heraus, müssen mehr als 500 Kilometer saniert werden. Frühestens 2015, so der Plan, soll das Werk vollbracht sein. STEFFEN WINTER