Nie Berolinograd
Auf dem in sektoralen Grenzen zerschnittenen Potsdamer Platz in Berlin stand in Reih und Glied ein langer Demonstrationszug des FDGB. Mit vielen roten Fahnen und noch mehr Transparenten versperrte er denen den Weg, die zum Reichstag gehen wollten. Die Kreuzung bekam eine schlaggefährliche Atmosphäre.
Polizisten schufen einen engen Korridor durch den starr stehenden Menschenzug. Die freien Geher drängten sich durch. Von links und rechts versuchte man, sie mit Zurufen oder Gesängen zu locken: »Brüder in eins nun die Hände«.
Böse Worte flogen hin und her. Geballte Fäuste. Aber die Polizisten faßten spielerisch an ihre Holzknüppel. Das war der erste Mai in Berlin.
In Berlin hat sich die Sitte eingebürgert, jeden politischen Festtag in doppelter Ausführung zu begehen: West-demokratisch nach angelsächsischen Vorlagen und volksdemokratisch.
Am »Weltfeiertag der Arbeiter« rief der SED-behauchte FDGB in den traditionellen Lustgarten zur Monstredemonstration der Berliner Arbeiter. Die unabhängige Gewerkschaftsopposition (UGO) demonstrierte nicht mit, sie fürchtete Kommunistenverdacht.
Sie schuf sich ihr eigenes Forum auf dem Platz der Republik. Mit Hilfe der drei Westparteien, die gar nichts mehr für den FDGB übrig haben.
Eines hatten beide Feiern gemeinsam: Die rote Nelke als Festsymbol. Die Blume in der Westinszenierung stand allerdings auf blauem Untergrund. »CDU-Blau«, schmunzelte man verständnisvoll.
Am Brandenburger Tor schieden sich die Geister, wie am 18. März beim Revolutions-Gedenken. Unter der zerhauenen Quadriga liegt die Grenze zwischen Britensektor und Sowjetherrschaft. Aus der sowjetischen Zone stapften die Demonstranten mit ergebenen Gesichtern gen Lustgarten. Sie mußten mitmarschieren. Die UGO-Anhänger, vom anderen Lager »Spalter Deutschlands« geschmäht, gingen freiwillig.
Mit breitem Schlosserkreuz warf sich Berlins SPD-Chef Franz Neumann in den gefährlichen Strudel der ideellen Kreuzung am Brandenburger Tor. Eine erboste Gruppe von Falken hielt er von einem gewaltsamen Durchbruchsversuch ab. Er wollte keine ausgeschlagenen Backenzähne am Friedensfeiertag der Welt sehen.
Etwa 150000 Berliner standen zu Füßen der Reichstagsruine, über ihnen in splitterzerfetzter Schrift »Dem deutschen Volke«.
Dem deutschen Volk riefen fünf Redner ins Gedächtnis, worum es in Berlin geht. Der scharfe SPD-Funktionär Ernst Scharnowski gelobte, für die UGO: »Nie wird aus Berlin Berlinograd«, und das Menschenmeer wogte im Beifallssturm.
AFL, die größte Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten erwarb sich deutsche Sympathien. Ihr Henry Rutz versicherte, an seiner salopp sitzenden Fliege zupfend, die AFL setze sich für sofortige Einstellung der Demontage in Deutschland ein.
Dann zündete der vitale Sozialdemokrat Neumann. Auch CDU und LDP stimmten schallend ein in den Schlachtruf »Freiheit«.
»Einheit« riefen die Demonstranten im Lustgarten. Es war eine andere Welt gleich hinter dem Brandenburger Tor. UGO zeigte sich ernst und kampfbewußt. FDGB zeigte sich fidel und eifrig. Starkbier, lang vermißte Bockwürste, Fahnen, Girlanden, schmetternde Musik, Trachtenwagen - ein wahres Volksfest.
Auf der Tribüne (Baukosten 100000 RM) faßte sich Hermann Schlimme, das Haupt von 720000 Berliner Gewerkschaftlern, kurz: »Die Bildung eines Weststaates und die Spaltung Deutschlands ist die größte Gefahr für den Frieden«. Auf superneue Gedanken verzichtete er. Die Worte verhallten sowieso im Starkbiertaumel.
86 Blechmusiker musizierten zu endlosen Demonstrationszügen an der Prominententribüne vorbei. Alle Betriebe des Sowjetsektors mußten dabei sein. Die Belegschaften sammelten sich in geschlossener Formation. Dabei wurden die Anrechtscheine für Essen und für eine Flasche Schnaps ausgegeben. Oft auch Bezugscheine. Wer nicht kam, bekam nichts. Nur sein Name fiel auf.
Darum die hohen Zahlen. »Tägliche Rundschau« hat 800000 Demonstranten gesehen. Andere Ostblätter waren verschiedener Meinung. Allerdings hatten die volksdemokratischen Schulen auch ihre Kinder mobilisiert. Fähnchenschwenkend krähten sie in Sprechchören: »Wir kurbeln unsere Wirtschaft selber an, wir brauchen keinen Marshall-Plan«.
20000 Liter Benzin hatte die sowjetische Kommandantur gespendet. Doch die Blinden mußten laufen. Von vierbeinigen Hunden und FDGB-Schwestern geführt, defilierten über 400 Träger der gelben Armbinde an den politischen Spitzenleuten der Ostzone vorbei.
Viele entschieden sich eindeutig für West oder Ost. Manche spielten Schlachtenbummler. Am Lustgarten aßen sie die mit Konsumreklame gewürzten Würstchen, am Reichstag hörten sie die mit Deutlichkeit gewürzten Worte Franz Neumanns. Sie waren Wanderer zwischen zwei Welten, die einander schon sehr fern, verdammt fern sind.
Jede Richtung buchte für sich einen Sieg. Der SDP-nahe »Telegraf« sehrieb: »Berlin stand vor dem Reichstag«. Die SED-nahe »Berliner Zeitung« behauptete: »Berlin feierte im Lustgarten.« Sie hatten beide recht.