NATO Nie wieder verlieren
Rechts erhebt sich der Gipfel des Kofel, links ragt die schneebedeckte Spitze des Laber empor, und dazwischen schmiegt sich eine Siedlung ehemaliger Muliställe: Das ist die Nato-Schule in Oberammergau.
Ali Jasem, 45, hat den Kragen hochgeschlagen, den roten Schal fest um den Hals gezurrt und die Mütze tief in die Stirn gezogen. Er ist erkältet und schnieft. Durch Schnee stapft der ehemalige Brigadekommandeur in Saddam Husseins Kampftruppe zum ersten Mal in seinem Leben. Und auch sonst ist für ihn vieles neu.
Zielstrebig geht Jasem die kleine Anhöhe vom Nato-Hotel »Edelweiß« zum Schulgebäude hinauf. Dort warten schon ein paar Schweizer, Russen, Österreicher und Kasachen. Es sind seine Lehrgangskameraden, die mit ihm »Nato-Kultur«, wie es hier heißt, lernen sollen: wie man Lageberichte vorträgt, welche Abläufe in der militärischen Hierarchie des westlichen Militärbündnisses üblich sind oder wie man eine Pressekonferenz führt.
Für die meisten Teilnehmer sind internationale Lehrgänge ganz normal, Jasem dagegen erlebt hier eine auf den Kopf gestellte Welt: Dreimal zog er für den Irak in den Krieg, einmal gegen Iran, zweimal gegen Amerika und dessen Verbündete. Nie hat er gewonnen. Nun lässt er sich zeigen, wie er es besser machen könnte.
Im tiefsten Oberbayern wird die künftige militärische Elite des demokratisch gewendeten Irak ausgebildet. Diesmal sind es 73 Offiziere, die an mehrwöchigen Kursen für »Peacekeeping Operations« und zivilmilitärische Zusammenarbeit teilnehmen, um danach höchste Positionen zu bekleiden. Beim nächsten Lehrgang im Mai sollen es noch mehr sein. Denn in Oberammergau befindet sich der zentrale Lehrbetrieb der Nato für »Operatives Training«. Das Schulungszentrum, 1953 gegründet, dient der Allianz als Akademie für die Ausbildung von Karriere-Offizieren und Zivilisten.
Der schnauzbärtige Oberst Jasem sitzt im Klassenzimmer in der zweiten Reihe rechts. Sein Englisch ist dürftig, dennoch versucht er aufmerksam dem Unterricht zu folgen, wobei er sich über die Arbeitsweise westlicher Armeen wundert: »Ist eine Parlamentsarmee überhaupt effektiv und einsatzfähig?«, fragt er mit Hilfe eines Dolmetschers. Und: ob man einen schlechten Befehl auch verweigern dürfe?
Eigentlich heißt Jasem gar nicht Jasem. Seinen richtigen Namen will er jedoch nicht veröffentlicht sehen, auch kein Foto, denn wie fast alle Iraker in Oberammergau ist er beherrscht von - Angst.
»Nicht einmal Nachbarn und Freunde wissen, dass ich mit der Besatzungsarmee zusammenarbeite, schon gar nicht, dass ich hier bei der Nato in Deutschland bin«, sagt ein 37-jähriger irakischer Kurde: »Alle denken, ich arbeite in einem Laden auf dem Basar in Al-Shab im Norden von Bagdad.«
Selbst zwischen Skipisten und zünftigen Wirtshäusern fürchten diese Soldaten noch Terroristen, die sie als »Kollaborateure« bedrohen und ermorden könnten. Natürlich sind sie auch in ständiger Sorge, wie es ihren Familien in der Heimat ergeht, in der immer noch Tag für Tag Bomben hochgehen und Attentate verübt werden. Mindestens einmal am Tag rufen sie zu Hause an, um zu hören, was los ist.
Die Angst ist nicht unberechtigt: Als die Iraker in Oberammergau gerade in einem fiktiven Planspiel übten, wie sie als Friedenskräfte dem von blutrünstigen Schergen bedrohten afrikanischen Phantasiestaat »Auriga« zu Hilfe eilen, wurde in Bagdad der Sohn eines hohen Kommandeurs entführt, der - wie sie - als Freund der amerikanischen Besatzungsmacht galt.
Widerstand gegen das Irak-Engagement der Nato-Schule gibt es auch von deutscher Seite, obgleich vergleichsweise harmlos. Kürzlich rief eine antimilitaristische Initiative im Internet zur Demonstration auf. Vorsorglich verstärkte der Sicherheitsdienst der »Nato School« die Wachen am Eingang. Bislang passierte nichts.
Auch die Polizei hat das Gebäude als »gefährdetes Objekt« im Blick, bestätigt Joachim Loy von der Polizeidirektion Weilheim. Denn schon einmal war die Schule Ziel von Terroristen: Ein »Kommando Jan Raspe« der »Rote-Armee-Fraktion« versuchte im Dezember 1984 mit einer Autobombe , möglichst viele »Kader direkt auszuschalten«, wie es in einem Bekennerschreiben hieß. Der Sprengsatz versagte.
Abends haben die Offiziere aus vielen Ländern Gelegenheit, einander kennen zu lernen: »Ich habe nicht Saddam verteidigt, sondern mein Land«, versucht Jasem einem deutschen Kameraden zu erklären, warum er das Schreckensregime gestützt hat, und dabei geht ein wütendes Schnauben durch seinen massigen Körper: »Saddam war ein Krimineller, der nur an sich dachte, nie an sein Volk.«
Nach der Niederlage im Krieg vor knapp zwei Jahren sei er lange zu Hause geblieben, zumal ja die Armee des gestürzten Diktators zunächst aufgelöst wurde, erzählt der Oberst. Dann habe ihn das Angebot erreicht, zurück zur Truppe zu kommen - unter US-Führung: 800 Dollar verdient Jasem, sehr viel Geld in einem Land, in dem viele ohne Arbeit sind. Er kann es brauchen, er ist Vater von fünf Kindern.
Iraker wie er sind den Amerikanern einerseits für ihre Befreiung dankbar. Andererseits aber fühlen sie sich durch die Besatzung ihres Landes tief gekränkt: »Wer wird schon gern besetzt?«, fragt Jasem.
Derzeit gebe es jedoch keine andere Wahl, als mit dem früheren Gegner zusammenzuarbeiten, um das Land aufzubauen und die Okkupanten dann so schnell wie möglich loszuwerden: »Wir hoffen auf die Europäer«, sagt Jasem.
Er persönlich setzt besonders auf die Deutschen, die ja den Krieg der Amerikaner abgelehnt hatten: »Gerhard Schröder ist gut!«, sagt er. Dabei streckt er anerkennend beide Daumen in die Höhe.
SUSANNE KOELBL