JUGOSLAWIEN »Nieder mit euch Banditen«
Die Menge sehnt sich nach neuen Helden, nach solchen, die Wohlstand und Freiheit statt Eisen und Blut versprechen. »Veljo, Veljo": Der Name steigt aus tausend Kehlen auf wie ein einziger Schrei, und die Menschenmassen schieben sich zur Tribüne vor.
Eine Stadt hat ihren Bürgermeister wieder. Cacak, Industriezentrum mit 120 000 Einwohnern im tiefen Serbien, bejubelt Velimir Ilic, der 33 Tage verschwunden war und nun zurück ist, um sich an die Spitze des Bürgerprotests gegen das Regime des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic zu stellen.
Erkennbar gerührt, das Gesicht von einem Vollbart umrahmt, den er früher nicht trug, streckt der Mann im schwarzen Sporthemd die Arme in Siegerpose hoch. Andächtig lauschen die Versammelten, viele wischen sich Tränen aus den Augen, als Ilic, 43, die Geschichte seines Untertauchens erzählt: »Ich habe ein reines Gewissen, vor euch und vor Gott.«
Im Mai, mitten im Luftkrieg der Nato, war der Bürgermeister mächtig in Wallung geraten. Doch seine Wut galt der falschen Seite, der eigenen. Die Bomber der Allianz hatten gerade eine Werkstatt zerstört, in der Panzer der jugoslawischen Streitkräfte repariert wurden, direkt in einem Wohnviertel von Cacak. Vier Tote hatte es gegeben und zahlreiche Verletzte, viele Häuser wurden beschädigt. Da warf Ilic der eigenen Armee vor, sie gefährde absichtlich das Leben unschuldiger serbischer Bürger und benutze Zivilisten als menschliche Schutzschilde.
Den Oberst Petrovic forderte er auf, die Panzer gefälligst vor der eigenen Tür abzustellen, statt sie neben Schulen und Krankenhäusern zu parken - in der Hoffnung, die Nato werde sich so von Luftschlägen abschrecken lassen.
Eine unerhörte Bezeugung von Zivilcourage: Die Kriegsherren in Belgrad erklärten Ilic zum Landesverräter. Polizei umstellte sein Haus in der Nacht, aber der Bürgermeister konnte seinen Häschern entkommen. Er versteckte sich in den Wäldern und fand Hilfe in einem kleinen, abgelegenen Dorf in den serbischen Bergen. »Ich danke den Mönchen, die mir gesagt haben: Greif nicht zu den Waffen, nimm lieber das Kreuz«, sagt er.
Gern werde er sich jetzt einem Gericht stellen: »Ich bin verfolgt worden, obwohl ich niemanden verraten habe, ich habe nur die Wahrheit gesagt.« Und er beschreibt auch, was er sich und den Serben wünscht: »Ein Land, in dem es nie wieder Krieg und Verfolgung geben wird.«
Der heimgekehrte Ilic ist ein Symbol des Widerstands gegen die Belgrader Nomenklatura geworden. Und der begann vorigen Dienstag in Cacak. Organisiert von der »Allianz für den Wechsel«, hatten sich an die 10 000 Oppositionsanhänger hier zur ersten Nachkriegsdemonstration eingefunden. Im Chor riefen sie: »Hau ab, Milosevic« und: »Eure Zeit ist vorüber.« Die Protestwelle soll sich über ganz Serbien ausbreiten - bald schon jeden Tag in einer anderen Stadt.
»Es ist Zeit, daß wir das Regime verjagen«, bekräftigt Goran Svilanovic, 36, Vorsitzender der Bürgerallianz (siehe Seite 132). Wann immer der Name Milosevic erwähnt wurde, johlte die Menge: »Nach Den Haag, nach Den Haag.«
Aber zuerst galt es, die Angst zu überwinden. Einen Tag vor der Protestaktion in Cacak, gegen Mitternacht, hatte die Polizei die Oppositionsführer aus dem Schlaf geweckt, sie aufs Revier gebeten und ihnen freundlich mitgeteilt, daß die Versammlung verboten sei. Weil die Organisatoren sich nicht darum kümmerten, wurde tags darauf Bussen die Einfahrt nach Cacak versperrt. Dissidenten reisten per Autostopp, wobei sich Soldaten als die eifrigsten Helfer erwiesen. Cacak war ein Test: für die Opposition zur Prüfung ihrer Stärke, für Milosevic zum Ermessen des Unmuts.
Denn die Nervosität des Regimes wächst. Hoffnungslosigkeit und Frust nach erster Erleichterung über das Ende der Bombardierung greifen um sich. Mit einem als Kriegsverbrecher in Den Haag angeklagten Präsidenten, das wissen die meisten Serben, bleibt der Wirtschaftsaufschwung Illusion.
Serbenpräsident Milan Milutinovic, berichtet »Glas javnosti«, habe vorige Woche auf einem Propagandafeldzug durch die Provinz in Kursumlje die »bitterste Enttäuschung seines Lebens« erlebt, als er der Menge zurief: »Das Kosovo ist in unseren Händen und wird es auch bleiben.« Sofort schallte es zurück: »Nieder mit euch Banditen!« In Nis, wo er den raschen Wiederaufbau der Tabakfabrik DIN versprach,
* Mit Plakaten des Sozialdemokraten-Chefs Obradovic.
flehte Milutinovic bereits: »Serben, bleibt im Frieden vereint wie im Krieg!«
Dafür spricht wenig. Die Opposition wittert eine Chance, die Trutzburg Milosevic mit Hilfe des Westens zu schleifen. Die USA erklärten Jugoslawien zum »terroristischen Staat«, sie wollen jede Wirtschaftshilfe blockieren, solange Milosevic mit seinen Genossen an der Macht ist.
Erste Kontakte zwischen den Amerikanern und einer Gruppe serbischer Oppositioneller in Montenegro brachten noch keine nennenswerten Ergebnisse. Mehr als moralische Unterstützung und bescheidene Finanzspenden könne der Westen der serbischen Opposition kaum versprechen, so US-Vermittler Robert Gelbard.
Was ihn zaudern läßt: Wer derzeit in Serbien Widerständler ist und wer Sympathisant des Regimes, läßt sich so einfach nicht entwirren. Der nationalistische Monarchist Vuk Draskovic von der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO) solidarisierte sich in der jugoslawischen Bundesregierung mit den Sozialisten, nur um sich kurz vor Kriegsende durch seine Kritik an Milosevic dem Westen wieder als »demokratische Alternative« zu empfehlen. In Cacak war er nicht dabei.
Radikalenführer Vojislav Seselj macht aus seiner ideologischen Übereinstimmung mit den Linken kein Hehl - obwohl eine »Abwählung Milosevics auf legale Weise« auch sein Gefallen fände. Die Prognosen für seine Partei schwanken zwischen 10 und 20 Prozent. Aus Protest gegen die Räumung des Kosovo erklärte Seselj zunächst seinen Austritt aus der serbischen Regierung, hofft aber nun, starker Mann in einer neuen Koalition zu werden.
Der Vorsitzende der Demokratischen Partei Serbiens, Zoran Djindjic, in Bonn gern gesehen, fehlte in Cacak. Während des Krieges hatte er vor Morddrohungen in Montenegro Zuflucht gefunden. Weil er einen Einberufungsbefehl zur Armee ignorierte, soll er sich vor einem Militärgericht verantworten. Ihm drohen 5 bis 20 Jahre Haft wegen Fahnenflucht.
Die Allianz für den Wechsel, ein Bündnis von über 30 Parteien, konnte bei den letzten Wahlen nur 2 Prozent erreichen, lag jedoch Umfragen zufolge kurz vor Ausbruch des Krieges bei 20 Prozent. Heute fehlt ein populäres Zugpferd an der Spitze. In Cacak galt der stärkste Beifall nach Bürgermeister Ilic dem Führer der Sozialdemokraten, Vuk Obradovic, einem General a. D. mit immer noch guten Kontakten zur Truppe. Um den Machtapparat zu spalten, spricht er die Armee von jeder Schuld im Kosovo frei und erklärt die von Milosevic gehätschelte Polizei zu den Schergen des Regimes.
Tatsächlich ist die Spannung zwischen murrenden Soldaten und Belgrads Prätorianergarde mancherorts unübersehbar. In Kraljevo rasselte ein Panzer die Hauptstraße bis zur örtlichen Polizeistation hinunter. Drohend richtete das Ungetüm seine Kanone auf die Wache. Soldaten sprangen herab, zückten Handgranaten und verlangten die Herausgabe eines festgenommenen Kameraden. Die Polizei gab nach. Der gaffenden Menge rief der Kommandeur zu: »Ihr habt nichts gesehen, geht nach Hause.«
In Kraljevo, Kragujevac, Vrbas und Pozarevac blockierten aufgebrachte Reservisten tagelang die Straßen, um ihren Sold gewaltsam einzutreiben. Mittlerweile beschuldigen sich Armee, Polizei und Spezialeinheiten gegenseitig, die Greueltaten im Kosovo verübt zu haben.
Geistlichen Zuspruch bekommt die Opposition vom Patriarchen Pavle, der bereits mehrmals den Rücktritt Milosevics sowie die Bildung einer Regierung der nationalen Rettung forderte. Aus Protest hat er seinen Amtssitz vorläufig in das Kosovo-Kloster Pec verlegt, auch verbat er sich die Teilnahme der Regierenden am Gottesdienst zum Gedenken an die legendäre Schlacht auf dem Amselfeld vor 610 Jahren. Er wolle keinem Land angehören, so das Kirchenoberhaupt, das mit kriminellen Methoden verteidigt werde: »Dann soll Serbien lieber von der Landkarte verschwinden.«
Auch die ehrenwerten Mitglieder der Serbischen Akademie der Wissenschaften stritten sich über die Lage der Nation. Während der Romancier und Ex-Präsident Dobrica Cosic den sofortigen Rücktritt Milosevics »zum Wohle des Volkes« verlangte, nannte Philosoph Mihajlo Markovic die hitzige Debatte um Schuld und Sühne »primitiv wie Caféhaus-Geschwätz«.
Die Furcht des Regimes vor einem unkontrollierten Ausbruch des Volkszorns macht selbst die aus dem Kosovo vertriebenen Serben schnell zu Staatsfeinden. In Belgrad wurden zwei ihrer Anführer zu je 30 Tagen Haft verurteilt, weil die obdachlosen Flüchtlinge im Zentrum der Hauptstadt protestieren wollten. Bei den in der verlorenen Provinz zurückgebliebenen Serben ist Milosevic inzwischen genauso verhaßt wie die UÇK (siehe Seite 133).
Doch Milosevic denkt offenbar nicht daran aufzugeben, trotz Warnungen der Nato sucht er womöglich die nächste Konfrontation: mit Montenegros Präsidenten Milo Djukanovic, seinem potentiell gefährlichsten Herausforderer.
Montenegros Führung kündigte vergangene Woche die Einführung einer eigenen Währung an und will Jugoslawien in eine lose Konföderation verwandeln. Milosevic konterte mit der Entsendung von Panzern und Militäreinheiten in die Rebellenrepublik - angeblich nur Routine. Im Konfliktfall hofft die Kleinrepublik auf Hilfe durch die nahebei stationierten Kfor-Truppen. RENATE FLOTTAU, ROMAIN LEICK
* Mit Plakaten des Sozialdemokraten-Chefs Obradovic.