Man hat das Gemetzel in und um Vietnam mit dem Dreißigjährigen Krieg in und um Deutschland verglichen, mit einigem Grund, was die lange Dauer, die Verstrickung der äußeren Mächte und die schier unglaublichen Leiden der Bevölkerung anlangt. Den geschundenen Massen Südvietnams sagt die Alternative hie Kommunismus, hie Feudalismus vermutlich so wenig wie seinerzeit den verhungernden und geschundenen Einwohnern Deutschlands die Wahl zwischen den Katholischen und dem Luthertum.
Aber der Vergleich führt auch irre. Er verdrängt aus dem Hirn, daß die Impulse zur kommunistischen Revolutionierung Vietnams nicht von außen, sondern aus dem Lande selbst kamen. Der Norden des Landes ist vom Süden künstlich getrennt worden. Die Großmächte, erst Frankreich, dann die USA, haben von außen verhindert, daß der revolutionäre Kommunismus vom Norden auf den Süden übergriff.
Seit dem militärischen Eingreifen der USA ist offenkundig, daß den kommunistisch geführten Kräften Südvietnams keine nennenswerten einheimischen Kräfte entgegenstehen. Der »Bürgerkrieg« (eine etwas euphemistische Vokabel angesichts der Lethargie der Mehrheit) wäre ohne Einmischung von außen längst zugunsten der Kommunisten, und vermutlich auch zugunsten eines kommunistischen Gesamtstaates entschieden. Der Krieg der Amerikaner dürfte das Endergebnis auf zehn Jahre suspendiert haben, um einen verheerenden Preis.
Daß Oberleutnant Calley, dieser dumpfe Befehlskiller, als einziger und Höchstverantwortlicher bestraft werden soll, erscheint da als Zumutung. Gewiß, wenn das Hinschlachten von wehrlosen Nicht-Kombattanten Mord ist, dann muß er bestraft werden. Aber unweigerlich schließt sich die Frage nach der Moral dieses Krieges an: Welche Motive berechtigten Johnson und Nixon und McNamara und General Westmoreland und General Abrams, ganze Landstriche in Todeszonen zu verwandeln, ohne Rücksicht auf die in ihnen lebenden Menschen?
Welche Motive berechtigten sie, bis an den Rand des Atomkriegs ihre gesamte Killer-Kapazität in die Waagschale eines korrupten Feudalregimes zu werfen, gegen einen Feind, der sich der Nöte seiner Bevölkerung angenommen hat?
Calley hat selbst abgedrückt und andere zum Abdrücken kommandiert, selbst. Aber ein General, der ein Gebiet zur Todeszone erklärte, wußte er nicht, daß lauter Nicht-Kombattanten, daß Frauen, Kinder und alte Leute seinem Overkill zum Opfer fallen würden? Welche gebieterischen Eigeninteressen rechtfertigen eine so brutale Kriegführung gegen Unbeteiligte, die zu Feinden kurzerhand ernannt werden müssen? Wer oder was rechtfertigt die zum Mord einladende Abscheulichkeit des »bodycount«, des belohnten Preiszählens toter Körper?
Welche Rechtfertigung gab es für Napalm und die Ausdörrung ganzer Landstriche? Der Sieg eines Systems mußte verhindert werden, das die örtlichen Probleme auf Dauer menschenwürdiger zu lösen versprach als die derzeit herrschenden Gewalten: menschenwürdiger, was die Masse der Menschen, nicht menschenwürdiger, was die herrschenden Cliquen und ihre Nutznießer anlangt. Da China im Wettkampf der Systeme gegen Indien und Pakistan gewonnen zu haben schien, durfte Ho Tschi-minh nicht auch noch in Südvietnam siegen.
Der Krieg in Vietnam ist so einzigartig, weil er die stärkste Militärmacht der Erde im vergeblichen Einsatz gegen das Vordringen einer Gesellschaftsordnung zeigt, die mit den Problemen der Region (oft blutigen) Ernst gemacht, die eine Alternative, und vielleicht die einzig mögliche, entwickelt, die mit der feudalen Ausbeutung Schluß gemacht hat. Der Zusammenstoß resultiert aus amerikanischen Denk- und Verhaltensweisen, fast ist kein Präsident vorstellbar, Kennedy eingeschlossen, der die moralische Kraft aufgebracht hätte, ihm zu entgehen.
Nun, da Johnson den Krieg verloren hat, will Nixon es immer noch nicht wahrhaben. Seine immer wieder beteuerte Strategie des Abzugs hat sich »in jüngster Zeit immer deutlicher als Strategie des praktisch endlosen Verbleibens in Indochina entpuppt« ("Süddeutsche Zeitung"). Die Unvereinbarkeiten des Chef-Denkers Kissinger liegen jetzt Im offenen Konflikt miteinander, die einfachsten Fragen bleiben ohne Antwort: Will Nixon Vietnam auch dann verlassen, wenn sich herausstellt, daß Thieu und Ky ohne die Amerikaner nicht bestehen können? Oder hat er gar nie beabsichtigt, ganz abzuziehen, wollte er immer fünfzig- bis hunderttausend Mann Luftwaffe zur Abdeckung des Militärregimes zurücklassen? Oder will er nur noch mit Müh und Not die nächsten Präsidentschaftswahlen im Herbst 1972 erreichen, und nach ihm die Sintflut?
Es scheint so, als hätten der Fehlschlag in Laos und die nationale Demütigung des My-Lai-Prozesses alle Konzepte durcheinandergewirbelt. Dieser Krieg, wenn denn einer, war ein Verbrechen. Die ihn begonnen und fortgeführt haben, werden zwar nie auf einer Angeklagten-Bank Platz nehmen. Aber sie haben jeden Grund, alle Calleys zu begnadigen.