UMWELT No problem
Vorsichtig rollt der blau-weiße Tanklastwagen rückwärts an den Überseecontainer. Hydraulisch wird der Silotank mit der Aufschrift »Flüssigkeitstransport« wie eine Raketenrampe hochgekippt. Mit einem zischenden Geräusch wird die rieselnde Ladung umgepumpt.
Abgeschirmt stehen auf dem Gelände des Braunschweigkais in Wilhelmshaven weitere 400 Container. Wenn der Silowagen kommt, legt sich häufig eine dichte Wolke aus Staub und Plastik über die Pier. »So eine Sauerei hatten wir schon lange nicht mehr«, sagt ein Hafenarbeiter.
Die körnige, graubraune Fracht aus eingeschmolzenen und geschredderten Plastikabfällen ist unverkäuflich. Rund 250 Mark Zuzahlung fordert der Thyssenkonzern, um das Zeug in Hochöfen zu entsorgen. Preisgünstiger ist der Export nach Korea - wenn auch politisch etwas heikel.
Immer wieder hat nach Estland, Ungarn, Frankreich oder Spanien verschobener Abfall aus Deutschland in den vergangenen Jahren die Entsorgungsbranche in Verruf gebracht. Sogar in der Libyschen Wüste in Ägypten lagern via Italien verschobene Plastikballen mit dem Grünen Punkt.
Bereits vor zwei Jahren versprach der Geschäftsführer des verantwortlichen Dualen Systems Deutschland (DSD), Wolfram Brück, »bis 1997 alle Auslandsexporte einzustellen«. Und kürzlich versicherte Peter Liedtke, Chef der Deutschen Gesellschaft für Kunststoff-Recycling (DKR), »fast völlig auf den Export von Ballenware aus Altkunststoffen zu verzichten«. Im DSD-Auftrag tritt die DKR als »Garantiegeber« für eine sachgerechte Verwertung der jährlich im Zeichen des Grünen Punktes eingesammelten fast 600 000 Tonnen Plaste und Elaste auf.
Doch die Beteuerungen Liedtkes sind nicht viel wert. In einem Vertrag mit Nordkorea hat die DKR vereinbart, 45 000 Tonnen Agglomerate sowie 8000 Tonnen Folien aus DSD-Beständen zum Recyceln an die Volksrepublik zu liefern. Derzeit liegt der Vertrag der koreanischen Regierung wie auch in Brüssel zur Prüfung und Genehmigung vor. Noch in der vergangenen Woche behauptete eine DKR-Sprecherin: »Wir beabsichtigen nicht, nach Nordkorea zu liefern.«
Tatsächlich aber hat die DKR am 11. Juli bei der Niedersächsischen Gesellschaft zur Endlagerung von Sonderabfall bereits einen Antrag auf Ausfuhr und »Notifizierung« von gehäckselten »Agglomeraten« aus Plastikresten in die Volksrepublik via Wilhelmshaven gestellt.
Die Ausfuhr solcher »Pellets« sei kein »Export von Plastikmüll«, sagt Liedtke, da es sich um »schüttfähiges Wirtschaftsgut« handle. Zudem sei der Ausfuhrantrag für die heiße Fracht lediglich gestellt worden, »um eine Option bei inländischen Verwertungsengpässen« zu haben - Nordkorea als Ersatzkippe.
Als Nachweis für die ordnungsgemäße Verwertung des Recyclingmülls in der Volksrepublik präsentierte die DKR den Aufsichtsbehörden lediglich eine technische »Verfahrensbeschreibung« diverser Anlagen in Fernost. Den niedersächsischen Prüfern ist das zu vage. Sie haben weitere Angaben über die in Wilhelmshaven lagernden Stoffe angefordert.
Denn solche Problemabfälle können bisher schadlos lediglich bei der Stahlherstellung als Ölersatz verbrannt werden. Rund 5000 Tonnen des Brennmaterials haben sich auf dem Hafengelände als »temporäres Zwischenlager« (DKR) an der Nordsee seit gut einem Jahr angesammelt. In DKR-Depots liegen bundesweit weitere 45 000 Tonnen.
Angehäuft werden dort vor allem die daumengroßen »anplastifizierten« Pellets einer Recyclinganlage im nordrhein-westfälischen Herten, die nach Angaben der DKR für eine »rohstoffliche Verwertung« vorgesehen waren. Doch die Großanlage des Veba-Konzerns in Bottrop, in der Öl aus Plastikverpackungen zurückgewonnen wird, hat die angelieferte DKR-Ware wegen »Verunreinigungen« als nicht verwertbar zurückgewiesen.
Mit dem wirtschaftlich maroden Nordkorea ist das Duale System seit zwei Jahren gut im Geschäft: Jede fünfte Kunststoffverpackung aus dem Gelben Sack wird in dem sozialistischen Krisenland angelandet.
Eingefädelt hat den Entsorgungsdeal der Müllmakler Albert Schinasi, der über beste Kontakte zu China und Nordkorea verfügt. »Der Grüne Punkt war für uns ein wirklicher Glücksfall«, sagt Schinasi. Seine Firma Général Industrie mit Sitz in einem modernen Technologiepark des südfranzösischen Aix-en-Provence hat mit der Entsorgung deutschen Verpackungsmülls seit 1995 einen geschätzten Umsatz von 15 Millionen Mark verbucht.
In seinem Pariser Büro hinter dem Eiffelturm empfängt Schinasi gern seine deutschen Gäste aus der Entsorgungsbranche und lädt zum Austernessen in die nahen Restaurants. »Wir sind keine Müllmakler«, sagt der Chef des achtköpfigen Familienbetriebs, »wir sind nur die Berater in Exportfragen.«
Mit seinem DKR-Partner, der Otto Entsorgung in Köln (5000 Beschäftigte), arbeitet Schinasi seit drei Jahren zusammen. Damals vermittelte er »Ballenware aus mixed plastic« nach China. Experten des deutschen TÜV hatten nach den DSD-Regeln für Auslandsexporte die Verwertungsanlagen der Chinesen zuvor als technisch geeignet »zertifiziert«.
Als Peking 1995 aus innenpolitischen Gründen die Grenzen für deutsche Plastikimporte dichtmachte, kümmerte sich Müllmakler Schinasi um Ersatz: Er überzeugte die Nordkoreaner in langwierigen Gesprächen von dem auch für sie günstigen Müllhandel.
Im Februar 1996 und im Mai dieses Jahres inspizierten Vertreter des TÜV Rheinland die Daily Necessities Plastics Factory im koreanischen Pjöngjang. Die für die Produktion von »Kanistern, Bottichen und Folien« ausgelegte Anlage, heißt es in dem Bericht der TÜV-Inspektoren, sei trotz »fehlender Schichtbücher« und einer »nicht demonstrierbaren Schredderanlage« für die Entsorgung von DSD-Material geeignet.
Über die deutschen und holländischen Seehäfen schipperten die Plastikdampfer seitdem in die fernöstliche Volksrepublik. Ein Teil des Materials wurde tatsächlich zu Kunststoffrohren, Dachabdeckungen für den Hausbau oder Bewässerungssystemen in der Landwirtschaft verarbeitet.
Der größere Teil ging aber gegen harte Devisen von Nordkorea via Hongkong gleich weiter an chinesische Aufkäufer. Der Restabfall landete offenbar auf nordkoreanischen Deponien.
»Wir haben weltweit eine der besten Recyclingindustrien«, rühmt Sung-Ho Chang, Wirtschaftskonsul der nordkoreanischen Botschaft in Paris. Im Vertrauen auf die deutschen Lieferungen habe die volkseigene Firma Ponghwa General Corporation in über »50 Aufarbeitungsanlagen« mit über »25 000 Arbeitsplätzen« investiert.
Chang hat auch den neuen Vertrag mit der DKR ausgehandelt und schon unterschrieben. Er hofft auf eine »problemlose Abwicklung« der nötigen Ausfuhrgenehmigungen durch Bonn und die EU, da »alle deutschen Gesetze eingehalten« würden.
Eine Probelieferung von zehn Tonnen der Wilhelmshavener Plastikpellets ist - ohne Genehmigung einer deutschen Behörde - bereits in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang recycelt worden. »No problem, good material«, sagt Chang.
Das sehen Fachleute ganz anders. Denn die sogenannten Spritzgußanlagen in Nordkorea können die verunreinigten Agglomerate gar nicht verarbeiten. »Das ist schon bei uns unmöglich«, sagt der Kunststoffachmann Wolfgang Beier vom Berliner Umweltbundesamt, »warum sollte das im Ausland gehen?«
Der Müll von Wilhelmshaven ist nach Ansicht von Kritikern zudem hochgradig verseucht: In dem teilweise ungewaschenen oder nur gering erhitzten Plastikmix haben sich offenbar sich nicht nur hochpathogene Erreger von Tetanus oder Botulismus gebildet, aus den an den Packungen haftenden Speiseresten entstehen auch Schimmelpilze und Clostridien, deren Toxine zu den »für Menschen giftigsten Stoffen gehören«, so der Bremer Umweltchemiker Uwe Lahl. Die DKR hält ihre Ware dagegen für sauber.
Die Gammelware an der Küste beschäftigt inzwischen auch die Bonner Umweltministerin Angela Merkel. In einem Brief an seine Kollegin kritisiert der Hamburger Senator für Umweltschutz, Fritz Vahrenholt, den »ökologisch nicht vertretbaren Export« nach Nordkorea.
Die Ausfuhr der »Recyclate mit Gefahren für die menschliche Gesundheit« entspräche auch nicht »der von Deutschland gern in Anspruch genommenen Vorreiterrolle im globalen Umweltschutz«.