Norbert Blüm,
60, Arbeitsminister, versuchte sich an einer Reform der Bonner Tischsitten. Als dienstältester Minister durfte er am vorigen Donnerstag für den erkrankten Bundeskanzler erstmals eine komplette Kabinettssitzung leiten (Blüm: »Daß ich das noch erleben durfte!"). Dann verlangte der Stellvertreter, jeder Minister möge aus den vorliegenden 25 Entwürfen zu Gesetzen und Verordnungen die Vorlagen seines Hauses erläutern - eine Übung, auf die Helmut Kohl mangels politischer Bedeutung der Routinepapiere in der Regel verzichtet. Reformer Blüm: »Wir beginnen mit dem Kollegen Borchert.« Der Landwirtschaftsminister schwieg erschrocken. Dann forderte der Alsob-Kanzler den anstelle des verreisten Außenministers neben ihm sitzenden Staatsminister Helmut Schäfer zu einem Report über die internationale Lage auf. Der versuchte, mit lockeren Sprüchen zu entkommen: »Heute ist wohl der Tag der Vertreter.« Blüm: »Wie meinen Sie das? Höre ich da einen abfälligen Unterton heraus? Herr Staatsminister, Sie gefährden Ihr Fleißkärtchen.« Gelächter, Schluß der Blümschen Fragestunde.