»Notstand in den Familien«
Schuld war der Kreislauf. Theresia Heising sah auf einmal nur noch Schwarz vor den Augen. Daß sie in ihrer Wohnung auf den Boden knallte, hat sie schon nicht mehr gespürt.
In einem Paderborner Krankenhaus wurden die Prellungen und der Beinbruch versorgt. Nach einigen Wochen stand die Entlassung an - Frau Heising, so befand der Stationsarzt, sollte nicht zurück nach Hause, sondern ins Heim.
Damit hatte die alte Dame jedoch nichts im Sinn. Für sie stand fest: »Solange ich noch klar bei Verstand bin, kriegt mich keiner in ein Heim.« Und so hat Theresia Heising sich durchgesetzt - zwei Jahre nach ihrem Sturz lebt die 85jährige noch immer in ihrer eigenen Wohnung.
Möglich machen das die Betreuer vom Verein Ambulante Hilfe. Die kommen dreimal täglich und sehen nach dem Rechten. Blutdruck messen und Medikamente verabreichen gehören ebenso dazu wie Putzen und Einkaufen. Ein wenig schwach zu Fuß ist die Greisin nun einmal, allein auf die Straße kann sie nicht mehr.
Für die Altenpflegerin Dagmar Hentschel, 29, die gemeinsam mit ihrem Ehemann die Ambulante Hilfe in Paderborn gegründet hat, ist die Betreuung von Theresia Heising »ein wunderbares Beispiel dafür, was häusliche Pflege leisten kann«. Die Hentschels und ihre Mitarbeiter haben seit Beginn ihrer Arbeit im Jahr 1986 das Ziel: »Wir wollen Heim vermeiden helfen.«
Das wollen neuerdings viele, und es ist auch dringend nötig. Weil die Deutschen immer älter werden (siehe Schaubild Seite 116), wächst die Zahl der Alten, die zu Hause gepflegt werden müssen. In die ohnehin überfüllten Heime mag kaum noch jemand gehen - nun droht der Pflegenotstand in der Ambulanz.
Denn die 2000 öffentlich geförderten Sozialstationen in Westdeutschland, die überwiegend von großen Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas oder dem Roten Kreuz betrieben werden, kommen mit dem immensen Bedarf kaum noch klar. Dabei waren sie während der achtziger Jahre im ganzen Land als Servicezentren aufgebaut worden, um genau das zu leisten: Pflege von Alten und Kranken in den eigenen vier Wänden.
Nun sind die Sozialstationen vielerorts am Ende, die Kapazitäten ausgebucht, die Mitarbeiter ausgebrannt. In die entstehenden Lücken drängen überall private Anbieter.
Freie Pflege entwickelt sich zum Geschäft, und weil der Staat noch nicht so genau hinschaut, ist alles ziemlich bunt: Idealistische Aussteiger, die den Ackord-Betrieb im Heim oder im Krankenhaus satt haben, finden sich in Gesellschaft von Kaufleuten und Apothekern. Die wittern das große Geschäft, das Altenpflege zumeist zwar noch nicht ist, aber bald werden könnte.
Andere wollen schon heute das schnelle Geld: Sie versprechen den alten Leuten viel, halten wenig und bekommen schon mal Ärger mit dem Staatsanwalt.
Selbst die Auswüchse zeigen: Ambulante Pflege nimmt ganz neue Formen an, die Zeit der opferbereiten Gemeindeschwester ist vorbei.
Gerade ihre seriösen Nachfolger sprechen nicht mehr vom Dienen, sondern von der Dienstleistung. Sie verstehen sich als Profis, nicht als Samariter, sie wollen gute Arbeit leisten - für gutes Geld. Selbstausbeutung, in der Alternativszene weitverbreitet, wird auch dort oft nur noch als Kinderkrankheit auf dem Weg zum gesunden Unternehmertum betrachtet.
Das gilt auch für die Hentschels in Paderborn. Angefangen haben sie als Heim-Aussteiger in einem Kellerbüro; ein Jahr lang konnten sie sich kein Gehalt zahlen und mußten von Erspartem leben. Inzwischen haben die Hentschels mehr als 30 Mitarbeiter und können sich vor Anfragen kaum retten - bis zu 100 Pflegefälle stehen auf ihrer Warteliste. Weil sie in Paderborn nicht noch weiter expandieren wollen ("Man verliert sonst den Überblick"), haben sie Ende vergangenen Jahres im benachbarten Büren eine Zweigstelle eröffnet.
Vergleichbare Karrieren sind keine Seltenheit mehr, doch wie viele freiberufliche Pfleger es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Die Bundesregierung konnte auf eine Anfrage der FDP-Abgeordneten Ingrid Walz vor zwei Jahren nur mitteilen, daß solche Zahlen »nicht vorliegen«.
Daran hat sich bislang nichts geändert. Interessenvertreter wie Ursula Zawada vom Düsseldorfer Visitas-Institut für private Pflege sprechen von bis zu 50 000 Freiberuflern - »und der Boom«, sagt die gelernte Krankenschwester, »hat gerade erst begonnen«.
Experten haben solche Entwicklungen kommen sehen, seit die Bonner Unionsregierung 1982 den »Vorrang der offenen Hilfe« gegenüber »Anstalten, Heimen oder gleichartigen Einrichtungen« im Bundessozialhilfegesetz festschrieb: eine schöne Maxime, die allseits begrüßt wurde. Doch die Taten blieben aus.
Nach Erkenntnissen von Margret Dieck, wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin, erweist sich die Bundesrepublik im Vergleich mit Frankreich, England, Schweden und Holland als »das Land auf unterer Qualitätsstufe« in der ambulanten Versorgung. Gemessen am internationalen Standard, kritisiert die Altersforscherin, sei hierzulande vor allem »die fast völlige Vernachlässigung hauswirtschaftlicher Hilfeleistungen« zu bemängeln.
Das Kölner Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) mahnte bereits 1985: »Unter der Prämisse, daß nicht noch sehr viel mehr Heimplätze gewollt sind, ist es nötig, die ambulanten Dienste massiv auszubauen.« Das KDA rechnete vor, eine »Verdoppelung oder Verdreifachung« des vorhandenen Angebots sei erforderlich.
Passiert ist kaum etwas. Ein Modellversuch, bei dem 16 ausgewählte Sozialstationen vier Jahre lang personell verstärkt und wissenschaftlich beobachtet worden sind, datiert noch aus der Zeit des früheren Bonner Familienministers Heiner Geißler. Der CDU-Sozialpolitiker stellte für das Projekt zehn Millionen Mark zur Verfügung - nicht eben viel.
Rhetorisch trug Geißler um so dicker auf. Mit dem Modellversuch werde ein »wichtiger Beitrag für mehr Mitmenschlichkeit« geleistet, denn die Sozialstationen seien »ein Kristallisationspunkt praktizierter Nächstenliebe«. Eine abschließende Studie liegt intern längst vor, harrt aber, drei Ressortchefs nach Geißler, noch der Veröffentlichung.
Der Inhalt kann den Auftraggebern kaum schmeicheln, daraus machen die Verfasser Franz Brandt und Werner Göpfert-Divivier vom Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft kein Hehl. Schuld an der Misere in der Ambulanz, so die Wissenschaftler, seien insbesondere christdemokratische Politiker mit ihrer »These, es komme vor allem darauf an, die Pflege- und Hilfsbereitschaft des engeren sozialen Umfeldes zu aktivieren«.
Da aber dürfte nicht mehr viel zu holen sein. Die Hauptlast der Pflege tragen schon jetzt die Angehörigen, selbstbestimmte Wohnformen wie die Bielefelder Hausgemeinschaft »Alt und Jung« sind noch die Ausnahme. Von den 1,65 Millionen Pflegebedürftigen in der Bundesrepublik leben 1,2 Millionen zu Hause. Würden alle Pflegefälle von Fachkräften betreut, stünde nach einer KDA-Berechnung gerade mal eine Minute pro Person und Tag zur Verfügung.
Die absurde Statistik zeigt: Die Mehrheit der siechen Alten bekommt nie einen professionellen Helfer zu Gesicht. Was sich in den Familien abspielt, sagt KDA-Sprecher Reinhard Dierl, »ist oft der nackte Notstand, einfach katastrophal«.
Zwar kümmern sich die meisten Familien zu Beginn nach Kräften um pflegebedürftige Angehörige. Sie scheuen keine Mühe, um die alten Menschen in der vertrauten Umgebung zu behalten.
Doch mit der Zeit kommen gewöhnlich die Probleme. »Viele pflegende Familienangehörige sind körperlich und seelisch überfordert«, warnt etwa die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege.
Meistens sind es die Frauen, denen die tägliche Arbeit für die Eltern oder die Schwiegereltern abverlangt wird - auf Kosten der Kraft, die sie für sich selbst, ihre Kinder und ihren Ehemann aufbringen können. »Familienpflege«, so die Bundesarbeitsgemeinschaft, »kann bis zur Zerrüttung der eigenen Familie führen.«
Bisweilen wird es kriminell. Manche Kinder überlassen ihre gehbehinderte Mutter oder ihren verwirrten Vater so vollständig sich selbst, daß die alten Leute an Krankheiten und Auszehrung zugrunde gehen. Sichtbar wird das Elend oft nur dann, wenn es die Angehörigen nicht länger vertuschen können.
Der Anblick, der sich Ärzten und Polizisten in solchen Fällen bietet, ist grauenhaft. Häufig liegen die Alten mit offenen Wunden in ihren eigenen Exkrementen, umgeben von Müll und verrottenden Speiseresten. Die Söhne und Töchter, die an dem Elend schuld sind, zeigen gewöhnlich auch vor Gericht nur wenig Reue - was sie angerichtet haben, ist nicht mehr in ihre Wahrnehmung gedrungen.
Wie das geschehen konnte, ist oft kaum begreiflich. Vor dem Landgericht Essen kam es 1989 zu einem Prozeß gegen ein Ehepaar, das die 67jährige Mutter des Mannes einfach hatte verkommen lassen.
Nach Angaben des Obduktionsarztes wog die alte Frau zuletzt nur noch 23 Kilogramm, Wirbelsäule und Oberschenkelknochen lagen teilweise blank, die offenen Wunden waren von Maden befallen. Kommentar des Sohnes: »Es war nicht total sauber, aber sauber.« Wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurden er und seine Ehefrau zu je fünf Jahren Haft verurteilt.
Ambulante Hilfe kann solche Auswüchse vermeiden. Doch trotz aller privaten Anbieter bleibt der Mangel groß. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn Alte, oft von einem Tag zum anderen, aus dem Krankenhaus entlassen werden.
Wer die anschließende Pflege übernimmt, bleibt häufig offen - die Familie wird's schon richten. »Die Krankenhäuser setzen die Angehörigen in vielen Fällen massiv unter Druck«, heißt es beispielsweise in einem internen Papier der städtischen Altenberatungsstelle in München. Die Folge: »Frustration, Aggression, Verzweiflung von pflegenden Angehörigen nehmen wahrnehmbar zu.«
Manche allerdings scheuen auch einfach nur die Kosten. Vor allem die alten Menschen selbst können oft nicht begreifen, daß Pflege einen Wert hat, der sich nach Mark und Pfennig berechnen läßt. Harald Meibeck, Gründer eines privaten Pflegedienstes in Hamburg, mußte die Erfahrung machen: »Es gibt immer wieder Leute, die gammeln lieber in ihrer Wohnung vor sich hin, als daß sie ihre Spargroschen angreifen.«
Auch die Zahlungsmoral der Betreuten ist oft nicht die beste. Meibeck, der rund 80 freie Mitarbeiter beschäftigt, rechnet deshalb nur noch über eine Inkasso-Firma ab: »Das kostet zwar«, sagt der gelernte Krankenpfleger, »aber dafür habe ich nicht dauernd den Ärger am Hals.«
Geprägt durch Kriegs- und Nachkriegszeit, sehen die Alten ihre Rücklagen zumeist als eiserne Reserve an, die nur in schlechten Zeiten angetastet werden darf. Daß die eigene Pflegebedürftigkeit schon der Notfall sein soll, möchten sie nicht wahrhaben.
Oft überwindet nur der Wunsch, trotz Gebrechlichkeit in der eigenen Wohnung bleiben zu können, die lebenslang geübte Sparsamkeit. Zum Beispiel bei Paula Gießelmann: Ende vergangenen Jahres hatte sich die 90jährige Bielefelderin den Oberschenkelhals gebrochen, nach drei Wochen in der Klinik war sie so schwach, daß sie nicht nach Hause zurückkehren konnte.
Statt in ein Heim zu gehen ("Solange ich noch kriechen kann, will ich da nicht hin"), entschloß sich Paula Gießelmann, eine neuartige Kurzzeitpflege-Einrichtung auszuprobieren. Die hatte ihr Vermieter, die Baugenossenschaft »Freie Scholle«, gerade eröffnet - ein bundesweit bislang einmaliges Modell.
Nach drei Monaten Pflege war Paula Gießelmann soweit wieder hergestellt, daß sie in ihre im zweiten Stock gelegene Wohnung zurückkehren konnte. Dort lebt sie - unterstützt von den Altenhelfern der Freien Scholle - nahezu selbständig; sogar Treppen steigen kann sie zur Not wieder allein. 13 000 Mark mußte sie für ihre Rehabilitation bezahlen, nur 3000 Mark hat davon die Krankenkasse übernommen.
Trotzdem freut sie sich darüber, daß sie dank ihrer Rücklagen keine Sozialhilfe beantragen mußte. Denn das wäre ihr »überhaupt nicht recht« gewesen: »Auf Stütze angewiesen zu sein, das ist doch eine Demütigung.«
Vielen Alten bleibt sie nicht erspart. Allein die »Hilfe zur Pflege« nach dem Bundessozialhilfegesetz erhalten derzeit mehr als eine halbe Million Menschen; jährliche Kosten dafür: etwa neun Milliarden Mark. Die Zahl derer, die aus Scham erst gar keinen Antrag stellen und sich mühsam durchschleppen, geht in die Hunderttausende.
Das soll sich bald grundlegend ändern. Mit einer gesetzlichen Pflegeversicherung, wie sie von Bundessozialminister Norbert Blüm (CDU) gegen den erbitterten Widerstand der FDP propagiert wird, würde der Gang zum Sozialamt in vielen Fällen überflüssig. Die Pflegebedürftigkeit, bislang nach Blüms Auffassung ein »klassischer Fall der Unterversorgung«, bekäme einen festen Platz im Sozialsystem und damit im Bewußtsein der Menschen - wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit.
Das derzeitige Blüm-Modell unterscheidet erheblich Pflegebedürftige, Schwerpflegebedürftige und Schwerstpflegebedürftige. Ihnen sollen, je nach Einstufung, Pflegeleistungen im Wert von 750 Mark, 1500 Mark oder 2250 Mark im Monat zustehen. Alternativ dazu sollen sie, zur Unterstützung pflegender Familienmitglieder, Bargeld in Höhe von 400 Mark, 800 Mark oder 1200 Mark bekommen können.
Für die Praxis zeichnen sich allerdings bereits erhebliche Probleme ab. Zwar fordert Blüm »eine stärkere Unterstützung der ambulanten Pflege«, um einen »Sog in die Heime« zu vermeiden. Doch die Verantwortung für den Ausbau der Ambulanzen schiebt der Minister auf Kommunen und Wohlfahrtsverbände ab, die schon jetzt überfordert sind.
Das Dilemma ist offensichtlich: Wenn - wie erwünscht - die Nachfrage nach fachkundiger Pflege steigt, bricht der ohnehin überlastete Markt der ambulanten Dienste vollends zusammen.
Fatale Folgen hat es deshalb, daß private Anbieter eher behindert als gefördert werden. Aus einem Gebot des Sozialhilfegesetzes, das die Zusammenarbeit »mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften des öffentlichen Rechts sowie den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege« empfiehlt, wird oft kurzerhand eine Benachteiligung der Privatpflege abgeleitet.
Die Krankenkassen etwa, die auf ärztliche Verordnung bestimmte Leistungen wie Wundpflege oder das Spritzen von Insulin bezahlen, knausern besonders gern, wenn sie mit privaten Anbietern abrechnen sollen. Schuld daran, sagt Ursula Pfäfflin-Wagner, die sich im Deutschen Berufsverband für Altenpflege um Freiberufler kümmert, sind häufig die »Machtstrukturen der Wohlfahrtsverbände«.
Die funktionieren ganz simpel: Wenn ein privater Anbieter einen Abrechnungsvertrag mit einer Krankenkasse beantragt, erkundigt sich die Kasse bei den Spitzen der örtlichen Wohlfahrt, ob dafür denn Bedarf besteht. Die Antwort lautet gewöhnlich nein, denn die Freiberufler werden vor allem als Konkurrenz betrachtet. Folge: Der Private bekommt keinen Vertrag, wie groß der tatsächliche Bedarf auch sein mag.
Die Benachteiligung führt oft geradewegs in die Existenzkrise. Der Frankfurter Krankenpfleger Heinrich Werle, 59, hat den Eindruck: »Die Kassen nutzen unser Helfer-Syndrom schamlos aus.« Den Schritt in die Selbständigkeit würde Werle »nicht noch mal machen«, und auch von Kollegen weiß er: »Die denken oft ans Aufhören, einer hat bereits eine Kneipe eröffnet.«
Andere weichen auf pfiffige Nebenjobs aus. So hat die Altenpflegerin Rita Brandes, 32, die sich 1988 in Hildesheim selbständig gemacht hat, Ende vergangenen Jahres einen Waschservice für Babywindeln aufgemacht. Mit dem Erfolg ist sie sehr zufrieden: »Der Laden läuft.«
Weniger gut geht es ihr im Hauptberuf. »Mir sind bis jetzt nur Steine in den Weg gelegt worden«, klagt die Altenpflegerin Brandes. So mußte sie mehr als zwei Jahre mit Hilfe eines Rechtsanwalts um die Kassenzulassung kämpfen, bis sie schließlich eine vorläufige Bescheinigung erhielt. Trotzdem bekommt sie prinzipiell weniger Geld als die Sozialstationen der Wohlfahrtsverbände - für eine Pflegestunde beispielsweise 21,60 Mark anstelle von über 24 Mark.
Ähnliche Probleme hat Ulrike Wencke, 33, in Hamburg. Die Diplom-Pädagogin und gelernte Altenpflegerin hat sich 1989 nach jahrelanger Heim-Erfahrung zusammen mit zwei Partnern selbständig gemacht. Bei Patienten, deren Pflege vom Sozialamt bezahlt wird, bekommt sie 27,90 Mark pro Stunde, die Wohlfahrtsverbände hingegen erhalten 30 Mark.
Für das Geld muß Ulrike Wencke einiges an Leistung bringen. Ein Pflegetag beginnt beispielsweise um 7.30 Uhr in der Wohnung einer 91jährigen Patientin: Zuerst schaltet sie den Heißwasserboiler ein, um Waschwasser vorzubereiten - ein Bad gibt es in der Wohnung nicht. Dann weckt sie die alte Frau, bringt sie zur Toilette, wäscht sie in der Küche und zieht ihr frische Sachen an. Auch der Verband wegen eines Geschwürs am Unterschenkel muß gewechselt, die Haut eingecremt werden. Das alles braucht viel Geduld und Ermunterung, denn so ganz gelenkig ist die alte Dame nicht mehr.
Zum Frühstück gibt es eine Scheibe Rosinenbrot in kleinen Stückchen, dazu Kaffee und ein Glas Multivitaminsaft. Zwischendurch wechselt die Pflegerin das vom nächtlichen Urinieren nasse Bettzeug und reinigt das Nachthemd im Waschbecken.
Nach dem Frühstück leistet sie der alten Dame für eine Weile einfach nur Gesellschaft - auch das ist Arbeit, denn die extreme Schwerhörigkeit der Patientin erlaubt eine Verständigung nur mittels Zettel und Gestik. Anschließend spült die Betreuerin das Geschirr, bringt den Müll weg und stellt Joghurt und Obst für eine Zwischenmahlzeit bereit. Um kurz nach 10 Uhr verläßt sie die Wohnung und begibt sich zur nächsten Patientin.
Verdient hat Ulrike Wencke bis dahin 79 Mark brutto, mit einer sogenannten B-Verordnung der Krankenkasse über 23,20 Mark und zwei Pflegestunden, die das Sozialamt mit je 27,90 Mark vergütet. Von solchen Sätzen muß sie nicht nur Mehrwert-, Umsatz- und Einkommensteuer zahlen, sondern auch die Büromiete sowie Arbeitszeit und Material für die Verwaltung des Betriebes finanzieren.
Warum die ohnehin subventionierten Wohlfahrtsverbände für gleiche Leistungen mehr Geld bekommen, ist nicht recht erklärlich. Die verantwortlichen Politiker flüchten sich, mangels sachlicher Begründungen, gern ins Grundsätzliche. So hält der Hamburger Sozialsenator Ortwin Runde (SPD) »das freie Spiel der Marktkräfte für die falsche Anwort auf die Probleme in der ambulanten Pflege«. Runde fürchtet, daß die Freiberufler »nicht den Qualitätsstandards genügen«.
Womöglich täuscht sich der Senator. Die Berliner Altersforscherin Dieck beispielsweise sieht »keine Hinweise dafür, daß die Privaten schlechter pflegen«. Deshalb fordert die Wissenschaftlerin: »Wir müssen weg von dieser Kumpanei zwischen öffentlicher Hand und Wohlfahrtsverbänden.«
Das verlangen inzwischen auch Gerichte. Die Stadt Hannover etwa hatte zeitweilig ihre Krankenhäuser angewiesen, Patienten ausschließlich in die Pflege der Sozialstationen zu entlassen und Freiberufler schlicht zu ignorieren. Das darf die Stadt nach einem Landgerichtsurteil vom vergangenen Jahr jetzt nicht mehr - unter Androhung eines Ordnungsgeldes von 500 000 Mark.
Um Querelen mit Kassen und Behörden aus dem Weg zu gehen, spezialisieren sich einige Pflegedienste auf handverlesene Privatpatienten. So verlangt die Stuttgarter Pflegedienst-Chefin Andrea von Ruepprecht, 35, die nach kleinen Anfängen im Jahr 1986 inzwischen 40 festangestellte Mitarbeiter beschäftigt, mindestens 35 Mark pro Stunde. Eine Vollzeitbetreuung ist ab 450 Mark am Tag zu haben; das Angebot gilt bundesweit, die Pfleger kommen gleich für ein oder zwei Wochen ins Haus.
Kundschaft gibt es genug. Auf eine Anzeige in einer überregionalen Tageszeitung meldeten sich mehr als 70 Interessenten in Stuttgart. Davon »können wir vielleicht drei annehmen«, sagt die gelernte Krankenschwester und Altenpflegerin Ruepprecht. Für ihren Erfolg weiß sie vor allem eine Erklärung: »Wir haben unsere Klientel, weil wir teuer sind.«
Die Aussicht auf einen lukrativen Markt hat neuerdings auch bei fachfremden Berufsgruppen Interesse an ambulanter Betreuung geweckt. So schwärmte der Deutsche Apotheker-Verein (DAV) auf einer seiner Wirtschaftstagungen von einem »Pflegemarkt, der erhebliche und lang anhaltende Wachstumsimpulse verspricht«.
Um daran teilzuhaben, empfahl der DAV ein sogenanntes Homecare-Konzept. Im Mittelpunkt dieses Modells steht die Kundenberatung mit dem Ziel, die »Versorgung der Patienten mit spezifischen Arzneimitteln und Pflegeprodukten« zu verbessern - wohl kaum zum Schaden der Apotheker.
Manche Mitglieder der Zunft sind bereits aktiv geworden. So gab die Bad Kreuznacher Apothekerin Eva Göbel in einer Fachzeitschrift den Tip: »Ein Blick auf die Rezepte gibt hervorragende Hinweise, ob Heimpflege im Spiel ist« - eine datenschutzrechtlich nicht unbedenkliche Methode der Verkaufsförderung.
Noch härter gehen Drücker-Vereine zur Sache, die sich zunehmend auf Alte spezialisieren. So häuften sich zeitweise in München die Bürgerbeschwerden über ein als gemeinnützig eingetragenes »Senioren-Hilfswerk in Deutschland e.V.«, das als Vereinszweck insbesondere die »Unterstützung alleinstehender Senioren durch Altenpflege, Einkaufshilfen, Putzhilfen usw.« angab.
Unter Hinweis auf das edle Ziel warb das Senioren-Hilfswerk an Münchner Haustüren Fördermitglieder, die sich gewöhnlich zu Spendenzahlungen zwischen 120 Mark und 600 Mark im Jahr verpflichteten.
Daß diesen Fördermitgliedern, häufig selbst im Greisenalter, durch die Beitragszahlung keinerlei Anrecht auf Pflege oder Putzhilfe erwuchs, stand zumeist nicht im Zentrum der Werbegespräche.
Als die Aufsichtsbehörde, das Münchner Kreisverwaltungsreferat, aufgrund von Beschwerden im vergangenen Jahr Einsicht in die Unterlagen des Senioren-Hilfswerks verlangte, erwies sich dessen Finanzgebaren als äußerst dubios. Die Behörde kam intern zu dem Schluß: »Es besteht der Verdacht, daß der Verein sich mittels der Sammlungserträge rechtswidrig bereichert.« Jede weitere Sammlungstätigkeit wurde daraufhin von Kreisverwaltungsreferent Hans-Peter Uhl untersagt.
Die Vereinsoberen dürfte das kaum beeindrucken, sie können ihre Aktivitäten unter anderem Namen in die nächste Stadt verlagern. So tauchte der Gründungspräsident des Senioren-Hilfswerks, der Kaufmann Günter Wunderlich, als Schriftführer eines neuen Vereins auf, der als »Deutscher Senioren Bund e.V.« beim Amtsgericht im niederbayerischen Ebersberg registriert worden ist.
Der Münchner Ordnungsbeamte Uhl gerät darob in Rage: »Wir laufen diesen Leuten mit hängender Zunge hinterher, aber uns fehlen die gesetzlichen Mittel zum schnellen Handeln.«
Das müssen derzeit auch die Behörden im Rheinland erfahren. Dort ermitteln Staatsanwälte gegen ehemalige Funktionäre des Vereins »Behinderten- und Altenpflege Hilfsdienste e.V.« (BAD) in Sinzig und des »Vereins für individuelle Schwerbehindertenbetreuung und -beratung e.V.« (VIS) in Bonn.
Nachdem schon 1987 der Verdacht aufgekommen war, daß bei VIS Spendeneinnahmen zweckentfremdet worden sind, untersagte der Regierungspräsident in Köln die weitere Werbung von Fördermitgliedern. Im selben Jahr wurde in Sinzig, knapp jenseits der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz, der Verein BAD gegründet - nach Polizeierkenntnissen »von vornherein« als »weiteres Standbein für private Entnahmen«.
Ein besonders beliebter Tummelplatz für Drücker ist seit der deutschen Vereinigung die ehemalige DDR. Dort haben Angst und Unsicherheit, die der soziale Umbruch mit sich bringt, auch die Alten erfaßt.
Nicht ohne Grund. Die ambulante Versorgung, die laut einer Studie der Stuttgarter Beratungsgesellschaft für soziale Unternehmen und Einrichtungen (BSU) zu SED-Zeiten »mindestens so gut wie in Baden-Württemberg« war, ist inzwischen vielerorts noch unter westdeutsches Niveau gesunken. So sind von den 45 000 Hauswirtschaftspflegerinnen der Volkssolidarität, einer als ideologisch weitgehend unbelastet geltenden Massenorganisation, weniger als die Hälfte noch im Einsatz.
Als Patentlösung sollen nun auch in den neuen Ländern allerorten Sozialstationen aufgebaut werden - zum Ärger vieler Freiberufler. Monika Held, Vorsitzende des Berufsverbands Hauskrankenpflege, klagt beispielsweise darüber, »daß die Wohlfahrtsverbände sofort überall ihre Claims abgesteckt haben«.
Viel Freude werden sie vorerst nicht damit haben. Der Geldmangel ist groß, das Chaos auch. So beschreibt Dietmar Beuchel, evangelischer Pfarrer und Vorsitzender einer neuen Sozialstation in Potsdam, als »einschneidendste Erfahrung«, daß monatelang »keine Klarheit über die Finanzierung« bestand.
Selbst wenn Hilfe kommt, ist es nicht immer die richtige. Pfarrer Beuchel etwa erhielt eines Tages zwei Tiefkühltruhen statt der begehrten elektrischen Schreibmaschine. Erst nach Wochen stellte sich heraus, daß die Kühltruhen für eine Organisation gedacht waren, die Essen auf Rädern anbietet.
Bundesseniorenministerin Hannelore Rönsch, die für die Altenhilfe im Osten politisch verantwortlich ist, spricht lieber von Erfolgen als von Pannen. Sie verweist darauf, daß dort »dem Aufbau von Sozialstationen Vorrang eingeräumt« werde. Rund 700 seien bisher gegründet worden.
Gern streicht Christdemokratin Rönsch zudem heraus, daß in den neuen Ländern von Anfang an nach dem Grundsatz verfahren werden soll: »Soviel stationäre Hilfe wie nötig, soviel ambulante Hilfe wie möglich« - eine Maxime, die sich im Westen weithin als leere Versprechung erwiesen hat.
Daß es auch im Osten nichts werden wird, zeigt bereits der Haushaltsplan der Ministerin: Die 40 Millionen Mark, die sie im laufenden Jahr aus ihrem Etat für den Aufbau der Sozialstationen in der Ex-DDR zur Verfügung stellt, wirken eher wie ein Almosen. Allein für Sachsen hat die Stuttgarter BSU einen Finanzbedarf von jährlich 257,8 Millionen Mark errechnet.
Die Altenpflegerin und Fachautorin Theresia Brechmann, die mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in der Ambulanz hat, droht bereits mit einem letzten Mittel: »Man muß die Bundesregierung wegen unterlassener Hilfeleistung verklagen.«