Nudeln und Margarine - DER SPIEGEL
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SOWJET-UNION Nudeln und Margarine

Über Nacht schlug die Bürokratie zu: Ausländer im Sowjetreich dürfen nicht mehr, wie bisher, in billigen Sonderläden einkaufen.
• aus DER SPIEGEL 30/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskaus mehrtausendköpfige Ausländergemeinde, genauer deren kapitalistischer Teil, erlebte einen Schock: Ihre Fahrer und Sekretärinnen, die wie gewohnt von der sowjetischen Außenhandelsbank die begehrten Rubel-Coupons Serie »D« (für Diplomaten) abheben wollten, kehrten am 1. Juli mit leeren Händen zu ihren Arbeitgebern zurück.

Ab sofort, so wurde ihnen mitgeteilt, gebe es D-Coupons nur noch für Diplomaten mit Dienstausweis.

Es war so recht ein sowjetischer Bürokratenstreich, bei dem keiner wußte, wer, wann, warum etwas geändert hat und wie bislang privilegierte Ausländer künftig an Butter und Brot kommen sollten. (Ähnliche Läden haben in Polen großen Unmut hervorgerufen, und ihr Angebot wurde auf reine Luxusgüter reduziert.)

Bisher genossen jene Fremden im Sowjetreich, die als Diplomaten, Geschäftsleute oder Korrespondenten ackreditiert sind und in harter Währung zahlen können, Privilegien ähnlich den Mitgliedern der Nomenklatura des Systems.

Sie konnten für so viele Dollar, Mark oder Pfund, wie sie auf dem Konto hatten, D-Coupons kaufen, die ihnen dann die Tore zu den Konsumparadiesen der Sowjet-Metropole öffneten: zu speziellen »Berjoska«-Läden, in denen von Chivas-Regal-Whisky bis zum neuesten JVC-Stereogerät, von finnischen Lederjacken bis zu österreichischen Wanderschuhen, von Jeans bis zur elektrischen Kaffeemühle alles zu haben ist, wovon der sowjetische Normalbürger sein Leben lang meist vergebens träumt. Und auch im Sowjetladen nur sporadisch vorrätige Lebensmittel sind im Sonderladen meist zu haben.

Die Preise waren, trotz happiger Erhöhungen zweimal pro Jahr, auch noch privilegiert. Vor allem Alkoholika und Zigaretten wurden zollfrei verkauft -- eine Flasche Wodka zu einem Drittel des normalen Rubelpreises.

Diese Regelung belebte den schwarzen Markt der Hauptstadt. Akkreditierte, vor allem aus Drittweltländern, erstanden Dunhill-Zigaretten in Zehntausender-Kartons und Jeans im Dutzend. Moskaus wuchernde Schickeria nahm ihnen alles dankbar ab.

Sowjetische Sekretärinnen und Übersetzer, Fahrer und Boten drängten zum Einsatz bei Ausländern. Denn ein Teil des Lohnes wurde meist in Form von Coupons gezahlt, aus denen sich dann vier- bis fünfmal soviel in Rubeln machen ließ.

Schon zu Jahresbeginn waren die westlichen Firmenvertreter verständigt worden, daß die schöne Zeit bald zu Ende gehen werde. Ihnen wurde auch auferlegt, ihre sowjetischen Angestellten nicht mehr direkt, sondern über die Ausländerbehörde UPDK in Devisenrubeln zu bezahlen.

So bereitete sich die Geschäftsgemeinde auf den Tag X gründlich vor. Sie hortete, was nicht verderben konnte. Ein Vertreter aus Japan legte die Couponbank vorübergehend lahm, indem er D-Coupons im Gegenwert von 100 000 Dollar auf einmal orderte. Finnische und dänische Versandfirmen schickten Kataloge an die Betroffenen, mit denen sie sie zum Direkt-Import solcher Produkte ermunterten, die in der Sowjet-Union unter der Bezeichnung »Defizit« laufen -- Mangelware.

Das Business war mithin vorbereitet, nicht aber die ausländischen Korrespondenten und das technische Personal der Botschaften, denen die zuständigen sowjetischen Stellen das Unheil nicht angekündigt hatten und die daher am 1. Juli überrumpelt wurden. Über Nacht wußten sie quasi nicht mehr, wie sie ihre Familien versorgen oder ihre mosernden Sowjet-Angestellten für den forthin entfallenden Coupon-Bonus entschädigen sollten.

Die Bank riet ihnen, ihre Valuta künftig in Form von Rubel-Reiseschecks abzuheben (mit saftigen Gebühren), die ihnen ja das Einkaufen in den gewöhnlichen, für Touristen gedachten »Berjoskas« gestatten würden.

Doch die, meist in den Ausländerhotels gelegen, bieten zwar so nützliche Souvenirs wie holzgeschnitzte Puppen, Schallplatten, Bildbände, Anstecknadeln und liegengebliebene Olympia-Bären an, dazu teuren Schnaps und Kaviar zum doppelten Kaufhaus-Preis, aber nichts für den täglichen Eßbedarf.

Nur ein Devisenladen in der Dorogomilowskaja-Straße in der Nähe des Hotels »Ukraina« führt auch Lebensmittel. Sein bislang knappes Sortiment wurde nunmehr hastig aufgestockt -zu Preisen, die weit über jenen des bisher auch für akkreditierte Journalisten und westliche Firmenvertreter zugänglichen Diplomaten-Supermarkts nahe der deutschen Botschaft liegen.

Die Aufregung der überraschten Fremden entlud sich in Protestbriefen und Demarchen der Botschaften. Alle Briefe und Vorsprachen blieben bis vorige Woche ohne Ergebnis, Berichte über einen Aufschub der Maßnahme bis zum Jahresende unbestätigt.

Die jählings von jeglichem Konsumterror befreiten Westmenschen im Sowjetparadies sammeln nun unfreiwillig Erfahrungen, die sicher nicht im Sinne der Erfinder der neuen Ordnung liegen:

In den Schlangen vor den Läden, wo sie nun schon auch mal um die landesüblichen Nudeln und Margarine anstehen, erfahren die Fremdlinge hautnah weit mehr über den Alltag der Sowjetbürger, als sie bisher wissen konnten -- und manchmal wohl auch wissen wollten.

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