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Nützlicher Verräter

Die geheimen Geständnisse von Saddams einstigem Schwiegersohn und Rüstungsminister kommen Bagdad jetzt gelegen.
• aus DER SPIEGEL 10/2003
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Die Flucht war filmreif: In einer Kolonne dunkler Luxuslimousinen, die Fenster verhängt, setzte sich Hussein Kamil, Generalleutnant und Iraks Rüstungsminister, am 8. August 1995 nach Jordanien ab.

Dabei im riesigen Tross des Schwiegersohns von Saddam Hussein waren Frau und Kinder sowie Kamils Bruder und dessen Frau, gleichfalls eine Tochter des irakischen Staatschefs. Um für den Auslandsaufenthalt gut gewappnet zu sein, hatte die Reisetruppe Goldschmuck im Wert von zehn Millionen Dollar im Gepäck.

Es war nicht die einzige Vorsorge des umsichtigen Militärs. Kamils eigentliches Kapital war in zehn Jahren zusammengetragenes Wissen um Bagdads geheime Rüstungsprogramme. Als Hauptverantwortlicher für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen wusste er wie kaum ein anderer um die Fabriken, Lager und Verstecke von Atom-, Bio- und Chemiewaffen.

Die westlichen Geheimdienste, darunter der Bundesnachrichtendienst, der schnell Zugang zu Kamil erhielt, überraschte der Überläufer mit seinem Detailwissen. Und noch heute erinnern sich Uno-Inspektoren, die gleichfalls Kamil befragten, an eine Begegnung zwischen dem Iraker und dem damaligen Chefinspektor Rolf Ekeus. Die Uno-Experten hatten kaum den Palast betreten, in dem die jordanische Regierung Kamil untergebracht hatte, da enttarnte er einen Ekeus-Dolmetscher als eigenen Agenten.

Mit spektakulären Hinweisen auf die laufende Produktion von Massenvernichtungswaffen konnte Kamil zur Enttäuschung der eingeflogenen Geheimdienstler nicht dienen. Im Gegenteil: Der hofierte Überläufer entlastete den Diktator sogar. Direkt nach dem Krieg seien beispielsweise jene Nährböden und Chemikalien, nach denen die Inspektoren so verbissen suchten, vom Irak selbst vernichtet worden.

Den Hinweis hielten die Uno-Inspektoren unter Verschluss. Sie wollten Saddam, aufgeschreckt durch ihre Zusammenarbeit mit Kamil, zur Preisgabe weiterer Rüstungsgeheimnisse bewegen. Vergebens. Erst eine vom US-Magazin »Newsweek« jetzt verbreitete Meldung brachte den Vorgang an die Öffentlichkeit - und könnte nun Bagdads Herrscher zur Entlastung dienen.

Gegenüber dem SPIEGEL bestätigte Ekeus diese Meldung. Der Schwede ist davon überzeugt, dass der Irak damals tatsächlich über keine Massenvernichtungswaffen mehr verfügte. Seine Leute hätten ganze Arbeit geleistet. Ekeus: »Wir haben zwei Jahre lang systematisch große Mengen zerstört.«

Aber Kamil hatte auch gestanden, dass Saddam detaillierte wissenschaftliche Aufzeichnungen sowie sämtliche Baupläne für ABC-Waffen verstecke. Auf Microfiches und Computerdisketten, so Kamil, sei alles gespeichert, was für die Wiederaufnahme der Produktion gebraucht werde.

Offen blieb der Beleg für die laut Kamil erfolgte Vernichtung der Stoffe. Diesen Nachweis, so Ekeus, sei Saddam schuldig geblieben. Unter dem Druck der militärischen Militärmaschinerie will Bagdad jetzt die eingeforderten Unterlagen nachreichen.

Kronzeuge Kamil kann zu den Vorgängen nicht mehr befragt werden. Enttäuscht vom Westen, war er im Februar 1996 den Amnestie-Versprechungen seines Schwiegervaters Saddam gefolgt. Die Reise in die Heimat überlebten Kamil und sein Bruder nicht lange.

Drei Tage nach der erzwungenen Scheidung von den Saddam-Töchtern ließ Saddam die Verräter erschießen.

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