»Null Bock auf Risiko« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 117

»Null Bock auf Risiko«

• aus DER SPIEGEL 15/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Sommer, Sie haben angekündigt, daß die Telekom bei der Suche nach neuen Wegen für die Managerentlohnung vorangehen will. Was haben Sie vor?

Sommer: So wie wir bei vielen anderen Punkten vorangehen, wollen wir auch bei der Festsetzung der Gehälter neue Wege gehen. Beim Controlling haben wir bereits modernste Meßverfahren, nachdem wir den Ballast der Behörden-Struktur abgeworfen haben. Das ist der Vorteil einer jungen Firma, und so zeitgemäß wollen wir künftig auch bei den Gehaltsstrukturen sein. Denn die sind reif für eine Reform - überall in Deutschland. Aber im Moment haben wir andere Prioritäten, wir müssen erst einmal den Börsengang bewältigen.

SPIEGEL: Was ist denn reformbedürftig bei der Festlegung der Vorstandsgehälter?

Sommer: Die meisten Einkommenssysteme in Deutschland zielen zu sehr auf langfristige Absicherung und vernachlässigen die Erfolgskomponente. Viele Manager haben null Bock auf Risiko, weil es sich in Deutschland nicht auszahlt. Ich meine, wer gute Leistungen für ein Unternehmen erbringt, soll belohnt werden, wer schlechte Leistungen zeigt, soll dies beim Gehalt spüren.

SPIEGEL: Wie wollen Sie denn festlegen, was eine tolle Leistung ist?

Sommer: Das ist weniger schwierig, als manche denken. Mit modernen Controlling-Instrumenten kann man jeden Prozeß bewerten. Es reicht jedenfalls nicht, den Erfolgsbonus nur an der erzielten Dividende oder am Aktienkurs zu bemessen, das ist eine viel zu enge Methode.

SPIEGEL: Verfehlen solche Bonussysteme nicht ihren Sinn, wenn sie nur auf ein bereits üppig bemessenes Grundgehalt draufgezahlt werden?

Sommer: Sicher ist in vielen deutschen Vorständen der feste Gehaltsbestandteil zu hoch. Der müßte zugunsten eines höheren variablen Anteils gesenkt werden. Auf jeden Fall ist eine stärkere Orientierung am Shareholder value, dem Wohlergehen der Aktionäre, notwendig. Und diese Ansicht setzt sich bei den Managern der jüngeren Generation immer mehr durch.

SPIEGEL: Darin steckt aber auch viel sozialer Sprengstoff, wie sich jetzt bei AT&T in Amerika zeigt. Denn der Börsenwert eines Unternehmens steigt meistens, wenn die Firma Mitarbeiter entläßt und dadurch produktiver arbeitet.

Sommer: Umgekehrt ist es richtig. Ein Vorstand, der nicht ständig an die Steigerung des Unternehmenswerts denkt, gefährdet doch langfristig viel mehr Stellen. Arbeitsplätze werden nicht abgebaut, weil ein Vorstand zu sehr auf den Aktienkurs schielt, sondern weil er zu spät an den Unternehmenswert gedacht hat. Das ist doch genau das Dilemma bei der Telekom. Wir müssen heute so viele Stellen streichen, weil in alten Post-Zeiten an Shareholder value überhaupt nicht gedacht wurde, nun müssen wir Vergangenheitsbewältigung leisten.

SPIEGEL: Besteht nicht die Gefahr, daß Vorstände ihre Bezüge auf dem Rücken der Mitarbeiter steigern?

Sommer: Rein theoretisch könnte ein Vorstand in seinen letzten Amtsjahren enormes Geld verdienen, wenn er den Forschungsetat drastisch kürzt und so kurzfristig den Ertrag steigert. Aber wenn ein Manager nach dem Motto »Nach mir die Sintflut« verfahren kann und dafür belohnt wird, ist das Bonussystem falsch.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 117

Mehr lesen über