Null-null-sieben - DER SPIEGEL
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WISCHNEWSKI Null-null-sieben

Nach seinen erfolgreichen Bemühungen um die Freilassung der salvadorianischen Präsidententochter Ines Duarte hat der SPD-Troubleshooter Hans-Jürgen Wischnewski wieder Spaß an der Politik gefunden. *
• aus DER SPIEGEL 45/1985
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Als Hans-Jürgen Wischnewski in Havanna eintraf, setzte er Fidel Castro in Erstaunen. Der kubanische Revolutionsführer hatte gehört, der sozialdemokratische Companero aus Bonn habe Probleme mit einem Oberlehrer namens Hans-Jochen Vogel gehabt und sei deshalb von seinem Amt als Schatzmeister der SPD zurückgetreten. Nun aber war von Ärger keine Spur. »Ich sehe«, stellte Castro erleichtert fest, »Sie sind wieder voll in Ihrem Element.«

Das ist er in der Tat - auch wenn er, wieder daheim in Köln, von der zwölftägigen Zickzack-Tour durch Zentralamerika berichtet. Das war zwar ein »Scheiß-Streß«, aber Wischnewski hat ihn, wie immer, sichtlich genossen. Zumal die Mission erfolgreich war: Ines Guadalupe Duarte (35), die Tochter des salvadorianischen Präsidenten Jose Napoleon Duarte, ist wieder frei.

Am 10. September war sie zusammen mit ihrer Freundin Ana Cecilia Villeda linksgerichteten Guerrilleros in die Hände gefallen, die das Regime ihres Vaters stürzen möchten. Nach sechs Wochen kehrte sie zurück. Mit ihr wurden 23 regierungstreue Bürgermeister freigelassen, die die »Befreiungsfront Farabundo Marti« (FMLN) im Frühjahr gekidnappt hatte. Dafür ließ die Regierung von El Salvador 25 Untergrundkämpfer frei.

Wie das alles zustande kam, hat Wischnewski ("Sie werden es nicht glauben, aber bei mir herrscht Ordnung") in einem Aktenordner gesammelt. Ganz obenauf: ein Dankschreiben des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Der nämlich hatte den Sozialdemokraten mit besten Wünschen auf die Vermittlungstour geschickt, um seinem christdemokratischen Freund Duarte zu helfen.

Noch nicht abgeheftet: eine Glückwunschkarte Hans-Jochen Vogels ("Gratuliere ich Dir sehr herzlich zu dem wichtigen Beitrag, den Du geleistet hast") sowie diverse Zeitungsausschnitte. Besonders stolz aber ist der SPD-Politiker über ein Telegramm von Henning Dodenberg, Bonns Botschafter in El Salvador. Kernsatz: Die Vermittlungsbemühungen Wischnewskis »haben die Austauschverhandlungen einen ganz entscheidenden Schritt vorangebracht«.

Als der durch die Karibik düste, fühlte er sich wie in alten Zeiten als Feuerwehrmann rund um den Globus unterwegs.

Den Weg zu Castro hatte ein Brief des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt angebahnt. Der hatte Wischnewski ermuntert, die guten Beziehungen des Kubaners in Mittelamerika zu nutzen.

Duartes Botschafter in Bonn, Juan Ricardo Ramirez-Rauda, hatte ebenfalls den »ganz konkreten Wunsch geäußert, ob wir nicht auch mit Castro reden können«. Und kurz vor Wischnewskis Abflug erreichte dessen Frau ein Anruf Heiner Geißlers. Der CDU-Generalsekretär hatte Duarte empfohlen, Wischnewski als Trouble-shooter einzuschalten. Das hinderte den CDU-Mann freilich nicht, nach erfolgreicher Mission des SPD-Mannes auf einem Nicaragua-Tribunal gegen dessen Partei vom Leder zu ziehen.

In der nicaraguanischen Hauptstadt Managua, seiner zweiten Station, konnte Wischnewski auf alte Bekanntschaften zurückgreifen. »El Cerocerosiete de Alemania«, der »Null-null-sieben aus Deutschland«, wie ihn seine sandinistischen Freunde unter Verdrehung seiner Stamm-Zimmernummer ("Sieben-nullnull") im Interconti von Managua nannten, traf den Innenminister, »meinen Freund«, Tomas Borge.

Borge erinnerte sich gern eines gemeinsamen Altstadt-Bummels durch Köln und daran, daß Wischnewski ihm bei der christliberalen Regierung Termine verschafft hatte.

Selbst die Wortführerin jenes FMLN-Kommandos, das über die Freilassung der Präsidenten-Tochter zu entscheiden hatte - die Ärztin Ana Guadalupe Martinez -, erwies sich als alte Bekannte des Sozis. Als sich die beiden in Nicaragua in einer spärlich möblierten Baracke gegenübersaßen, wurden erst einmal Erinnerungen ausgetauscht.

Trotz solcher Beziehungen gab es Probleme auf beiden Seiten. Die rechtsgerichteten Militärs in El Salvador warfen dem Präsidenten Duarte vor, er gebe den linken Rebellen nach, nur weil seine Tochter in der Patsche sitze.

Aber auch die Linken hatten ihre Probleme. Als sie eine Namensliste der Guerrilleros präsentierten, die aus den salvadorianischen Gefängnissen freigepreßt werden sollten, befanden sich darauf auch Namen bereits getöteter Rebellen. Wischnewski: »Damit wollten sie eine öffentliche Diskussion entfachen, daß dort Leute umgebracht werden.«

Wischnewski gehört zu den wenigen, die mit beiden Seiten Tacheles reden können. Seinen Freund Borge hat er schon einmal veranlaßt, ein Verbot der oppositionellen nicaraguanischen Zeitung »La Prensa« wiederaufzuheben: »Entlasse endlich deine Zensoren.«

Ähnlich offen spricht er mit dem Christdemokraten Duarte. Auch da hat er einen guten Grund: »Als der noch nicht Präsident war, habe ich ihn schon im Kanzleramt empfangen.«

Seinem Harmoniebedürfnis entspräche es eigentlich, daß nach seiner Mission in der Karibik der Bürgerkrieg dort zu Ende ginge. So einfach freilich, weiß er, liegen die Dinge nicht. Ein Ende des Krieges kann selbst das Vermittlungsgenie Wischnewski nicht herbeireden.

»Geredet wurde«, kommentiert er selbstkritisch, »nur über die Humanisierung des Krieges.«

Trotzdem hat ihn die Reise nach Zentralamerika in der stillen Erkenntnis bestärkt, daß er eigentlich unentbehrlich sei. Eine Zeitlang habe er ernsthaft den Gedanken erwogen, im Jahre 1987 nicht wieder zu kandidieren.

Nun aber will Hans-Jürgen Wischnewski seine Kölner Genossen wissen lassen, daß er, in aller Bescheidenheit, doch wieder antritt.

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