Null Prozent - DER SPIEGEL
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Seelsorge Null Prozent

Weil die herkömmliche Telephonseelsorge nur von wenigen Jugendlichen beansprucht wird, ist in West-Berlin ein spezieller Hilfsdienst für Twens und Teenager eingerichtet worden.
• aus DER SPIEGEL 39/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer montags und freitags nach sechs Uhr abends die Berliner Nummer 313 6021 wählt, der wird per Du angeredet -- von einem, der sich »Mondo X« nennt.

Gedanken an »Mondo Cane«, den Italo-Schocker der 60er Jahre, sind gleichwohl verfehlt. Denn die Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung, die sich nur als Reinhard, Nils oder Gabriele vorstellen, wollen beweisen, daß diese Welt keine Hundewelt ist. »Der einsame Unbekannte irgendwo«, so übersetzt »Mondo«-Mitarbeiter Pastor Nils Gerke, 28, den aus Italien übernommenen Begriff, »soll wissen, daß jemand bereit ist, ihm in allen Teilen zu dienen« -- getreu den internationalen Richtlinien der in der Telephonseelsorge arbeitenden, meist kirchlich orientierten Institutionen, zu denen seit Anfang September auch Berlins »Mondo X« zählt.

Die neun Mitarbeiter der seit 1956 tätigen »Telefonseelsorge Berlin (Lebensmüdenbetreuung) e. V.« wollen erreichen, daß junge Hilfsbedürftige öfter als bisher das telephonische Beistandsangebot wahrnehmen. Denn von den rund 9000 West-Berliner Hilferufern des Jahres 1971 waren nur zehn Prozent Jugendliche unter 25 Jahren -- obschon die »Mondo«-Gründer, unter ihnen drei junge Pfarrer, aus den Nöten und Fragen dieser immerhin fast tausend Anrufer auf größeres Bedürfnis schließen. Pastor Gerke: »Wir glauben, daß viele uns nicht angewählt haben, weil auf sie das Wort »Telephonseelsorge' zunächst abstoßend wirkt.

Die ehrenamtlichen Telephon-Dienstler übernahmen deshalb als erste ihrer Zunft in Deutschland eine in Italien wie Frankreich bereits erfolgreich arbeitende, speziell für Jugendliche entwickelte Form fernmündlicher Lebenshilfe. Erfahrungen mit den Schwierigkeiten Jugendlicher haben die Mitarbeiter bereits aus ihrer herkömmlichen Beratung. Häufigste Probleme: bei den bis 17jährigen ungewollte Schwangerschaften; bei den 17- bis 25jährigen psychische Störungen -- zum Beispiel Depressionen, ausgelöst durch Partnerschaftsnöte; bei allen Jugendlichen und Heranwachsenden Neigung zum Selbstmord sowie Alkohol- und Rauschgift-Krisen.

Durch Hergabe von Tips und Kontaktadressen wollen die »Mondo"Mannen »Hilfe zur Selbsthilfe« leisten. Neben ihrem Telephonapparat haben die Berater eine »große Informationsmappe« (Gehrke) mit Hunderten von Adressen parat: Studenten- und Jugendorganisationen, schulpsychologische Dienste, Berufsberatungsstellen und sonst unauffindbare, meist private, nur manchmal kirchliche Hilfsverbände für Fixer und entflohene Heimzöglinge, für Straffällige und Schwangere, Wohnungslose und Examensängstliche, aber auch Scheidungswillige und Kontaktarme.

In leichteren Fällen versuchen die Helfer selbst therapeutisch zu wirken und durchbrechen die Anonymität des Fernsprech-Dialogs -- im vertraulichen Zwiegespräch mit dem Ratlosen im Domizil der Telephonseelsorge am Bahnhof Zoo. Ein Treffpunkt -- alkoholfreie Kneipe im Zentrum mit Übernachtungsmöglichkeit -- ist geplant, sofern die Spenden von Kirchen, Zahlenlotto, Firmen und Privatpersonen hinreichen.

Freilich: Die am stärksten engagierte evangelische Landeskirche hat von ihren Bemühungen um rat- und trostsuchende Seelen kaum Gewinn zu erhoffen. Religiös gefärbter Zuspruch wird nur auf besonderen Wunsch verabreicht, und diesen Wunsch nach mehr seelsorgerischer Tröstung hatten nach Auskunft von Pfarrer Gerke »bisher null Prozent der Anrufen«.

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