Null Vorteile - DER SPIEGEL
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JOBS Null Vorteile

Eine Firma in Franken schafft Arbeitsplätze durch Abbau von Überstunden. Ein Sonderfall? Oder ein Modell für die deutsche Industrie?
• aus DER SPIEGEL 15/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit Oktober steht der gelernte Maschinenschlosser Klaus Bezold fast jedes Wochenende an seinem Arbeitsplatz beim Wälzlagerhersteller INA im fränkischen Herzogenaurach. »Am Vereinsleben in meiner Heimatgemeinde Forchheim«, klagt er, »kann ich kaum noch teilnehmen.«

Den Verlust an Geselligkeit könnte Bezold vielleicht noch verschmerzen. Aber daß ihm sein Arbeitgeber Monat für Monat 300 Mark weniger überweist, das trifft den Familienvater empfindlich.

Ein schwacher Trost bleibt Bezold immerhin. Durch sein Solidaropfer finanziert der Facharbeiter indirekt den Arbeitsplatz seines Kollegen Armin Krech, 23.

Der junge Werkzeugmacher wollte sich finanziell verbessern und heuerte deshalb im vergangenen Sommer bei der INA-Gruppe (drei Milliarden Mark Umsatz, 22 000 Beschäftigte) an. Daß er samstags in die Firma muß, stört ihn nicht besonders. »Meine Freundin geht noch zur Schule«, erzählt er, »deshalb hat sie samstags auch nicht frei.«

Bezold und Krech sind Pioniere eines neuen, extremen Arbeitszeitmodells: Seit Oktober vergangenen Jahres arbeiten rund 320 Beschäftigte in der Metall- härterei und -zieherei der INA-Zentrale in Herzogenaurach von sonntags 22 Uhr bis zum folgenden Samstag um 22 Uhr - im Dreischichtbetrieb, nonstop, rund um die Uhr. Fast jedes Wochenende müssen die Mitarbeiter auch samstags oder sonntags ran.

Die begehrten Überstundenzuschläge fallen weg. Dafür gibt es eine komplette Woche frei. Als Gegenleistung will die Geschäftsleitung bis zum Sommer 2000 gut 600 neue Arbeitsplätze schaffen. Auch soll bis dahin niemand entlassen werden.

Im strukturschwachen Franken, wo seit 1990 fast 40 000 Arbeitsplätze wegfielen, wird das neuartige Schichtmodell seither als Allheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit gepriesen. »Wir wollten ein Zeichen setzen«, rühmt INA-Geschäftsführer Siegfried Bergmann sein »Bündnis für Arbeit«. »Bild« feierte das neuartige Schichtsystem als »Jobwunder von Herzogenaurach«.

Doch bei den Gewerkschaften stößt Bergmanns Coup auf heftigen Widerstand. »Die Betriebsräte wurden erpreßt, um bei INA eine fast schon kriminelle Auslastung der Kapazitäten durchzudrücken«, rügt der Münchner IG-Metall-Tarifexperte Richard Polzmacher. »Wir wurden vor die Wahl gestellt, dem Modell zuzustimmen«, bestätigt INA-Betriebsrat Reiner Woltmann, »oder die Arbeitsplätze an andere deutsche Standorte oder ins Ausland zu verlieren.«

Das hatte sich IG-Metall-Chef Klaus Zwickel ganz anders vorgestellt, als er vor zwei Jahren vorschlug, Überstunden künftig nur noch durch Freizeit auszugleichen. Allein in der Metallindustrie, rechnete Zwickel vor, könnten so bis zu 80 000 neue Jobs entstehen, über alle Branchen hinweg sogar bis zu 800 000 neue Arbeitsplätze.

Seither richten immer mehr Firmen sogenannte Arbeitszeitkonten ein: Überstunden werden gutgeschrieben - und in nachfrageschwachen Zeiten abgefeiert. Die Unternehmen sparen auf diese Weise die hohen Überstundenzuschläge ein, Jobs werden in der Regel nicht geschaffen.

Das ist bei INA anders - und deshalb wird das Jobwunder ein Einzelfall bleiben: Die Firma erlebt einen beispiellosen Auftragsboom. Ihr neuentwickelter Nockenwellenversteller senkt den Schadstoffausstoß von Automobilen drastisch und entpuppt sich als echter Verkaufsschlager. Mit dem alten Arbeitszeitmodell war diese Nachfrage nicht zu bewältigen. »Durch das neue Schichtsystem«, freut sich der INA-Geschäftsführer Bergmann »können wir nun mit denselben Maschinen 20 Prozent mehr Ausstoß erzeugen.«

Das Nachsehen haben altgediente INA-Werker wie Klaus Bezold. »Die neue Regelung bringt mir null Vorteile«, kritisiert der Facharbeiter. Doch auch er sieht inzwischen ein, daß seine Betriebsratskollegen keine andere Wahl hatten, als dem umstrittenen Schichtsystem zuzustimmen. »Sonst wären die zukunftsträchtigen Jobs in andere Werke abgewandert«, meint Betriebsrat Woltmann resigniert.

Mit seinem raffinierten Schichtmodell geht das Unternehmen allerdings ein hohes Risiko ein. Überstunden sind für die Firmen Puffer, um Nachfrageschwankungen auszugleichen. Das INA-Modell ist dagegen starr: Stockt der Boom in der Automobilindustrie, haben die INA-Werke zu viele Beschäftigte an Bord.

Doch auch für diesen Fall hat Geschäftsführer Bergmann schon eine Lösung parat. Sinkt die Nachfrage, erläutert er, »wird die wöchentliche Arbeitszeit abgesenkt und mit den Betriebsräten neu verhandelt«.

Der INA-Chef ist fest entschlossen, das Arbeitszeitmodell auch auf andere Werke des Familienunternehmens zu übertragen. Im Werk Gunzenhausen verlaufen die Verhandlungen allerdings etwas zäh. Dort wehrt sich die Belegschaft noch, die Nutzungsdauer der Maschinen auf 144 Stunden pro Woche hochzufahren.

Zur Strafe sollen die renitenten Arbeitnehmer nun langsam ausgegrenzt werden. In einem internen Vermerk von Anfang März weist Bergmann seine Kollegen an, »keine Produktionsverlagerung mehr ins Werk Gunzenhausen vorzunehmen«. Zukunftsträchtige Produkte, heißt es in dem Schreiben weiter, »gehen künftig an deutsche Werke mit einem uneingeschränkten Schichtbetrieb oder ins Ausland«.

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