US-FERNSEHEN Nummer eins
Durchtrieben« sei er, »wie ein Fuchs«, sagen Kenner und rühmen seinen »brillanten Weitblick«, seine »kluge Umsicht« und seine »Hartnäckigkeit« bei geschäftlichen Unternehmen.
Die ihn weniger gut kennen, tun ihn als »exotischen Einzelkämpfer« ab, der zwar »risikofreudig«, aber »zügellos« sei und seinen Spitznamen »Die große Klappe des Südens« zu Recht trage.
So beschrieben wird ein Mann, der, nachdem er das amerikanische Kabelfernsehen revolutioniert hat, antreten wollte, »Präsident zu werden": Ted Turner, TV-Unternehmer und Profisportklubbesitzer aus Atlanta im amerikanischen Südstaat Georgia.
Der 46jährige Turner versorgt 34 Millionen US-Kabelfernseher mit einer bunten Mischung aus Westernfilmen, Sportprogrammen und Nachrichten. Turners »Superstation WTBS« strahlt vor allem alte Hollywood-Kamellen aus und überträgt die Spiele der Turner-Teams »Hawks« (Basketball) und »Braves« (Baseball). Über seinen zweiten Kanal hält er seine Mitbürger auf dem laufenden: Sein »Cable News Network« (CNN) sendet 24 Stunden lang Nachrichten.
Die TV-Sender brachten dem einstigen Gewinner der Hochseeregatta »America's Cup« im vergangenen Jahr zwar einen Gewinn von zehn Millionen Dollar ein, aber nicht den Einfluß, von dem Turner einst geträumt hatte.
Doch den will sich Turner jetzt anderweitig verschaffen. Vorletzte Woche gab »Captain Zügellos« seinen Plan bekannt, Amerikas seriöseste Fernsehgesellschaft, die Columbia Broadcasting Corporation Inc. (CBS), mit der Turner Broadcasting Corp. zu vereinen.
Wenige Wochen nach der Übernahme der Fernsehgesellschaft ABC durch eine wesentlich kleinere Gesellschaft will abermals eine Medienmaus einen Elefanten schlucken. Sollte Turners Plan gelingen, wäre es die abenteuerlichste Firmenhochzeit in der an Zusammenschlüssen nicht gerade armen amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Denn Turner bietet den Aktionären des finanziell gesunden CBS-Unternehmens ein windiges Geschäft an: Sie sollen die Übernahme ihres Konzerns auch noch selbst finanzieren.
Für jeden CBS-Anteilschein im Wert von derzeit etwa 110 Dollar bietet Turner eine Aktie seines Stammunternehmens sowie neugedruckte Schuldverschreibungen, mutmaßlich mit seinem Abbild und einer Laufzeit zwischen 5 und 20 Jahren. Wert des Papierbündels (laut Turner): 175 Dollar. Wenn den Aktionären »Habgier über alles geht«, könnten sie den Vorschlag »annehmen«,
glaubt Investment-Broker Edward Atorino. Turner plant nämlich, CBS zu verkleinern. Er will die CBS-Zeitschriften und Schallplatten, die 13 Radiosender, die Spielwarenabteilung und eine der fünf CBS-eigenen TV-Stationen schnellstens losschlagen. Mit den Erlösen aus dem Verkauf dieser CBS-Unternehmen will Turner den 5,4-Milliarden-Dollar-Handel finanzieren und auch die höheren Profite ausschütten.
Denn Turners Hauptinteresse gilt vor allem dem angesehenen Nachrichtenressort des TV-Unternehmens.
Die dort produzierten Dokumentarserien, wie die Vietnam-Analyse, die zum Westmoreland-Prozeß führte, das politische Magazin »60 Minutes« und die »CBS Evening News«, derzeit verlesen und verantwortet von Dan Rather, sind Amerikas Konservativen seit langem suspekt. Und zu denen zählt sich auch der Südstaatler Turner.
»Sie können Dan Rathers Boß werden«, hatte Jesse Helms, der ultrarechte republikanische Senator aus North Carolina, Anfang dieses Jahres in einem Rundbrief einer Million konservativer Wähler verheißen und zu einem »nationalen Kreuzzug« aufgefordert. Briefschreiber Helms: »Investieren Sie in CBS-Aktien«, um der »liberalen Parteilichkeit« des »stärksten Anti-Reagan-Senders« ein Ende zu machen.
Das von Helms unterzeichnete Schreiben trug den Briefkopf eines Unternehmens namens »Fairness in Media« (FIM), das von langjährigen Helms-Vertrauten mit dem Ziel gegründet worden war, den »uralten Traum der Konservativen« zu verwirklichen, »eine eigene Fernsehgesellschaft zu besitzen«, welche die gesamte TV-Nation erreichen würde.
Zweimal beriet sich Turner mit Helms und dessen FIM-Kollegen. Eine Komplicenschaft mit den Rechtsrepublikanern aber bestritt Turner. Er wolle schlicht »die Nummer eins« im US-Fernsehgeschäft werden, sein Übernahme-Angriff habe »absolut nichts mit einer ideologischen Gruppe« zu tun.
Ein erklärendes Schreiben an Senatoren und Abgeordnete, das Turner vergangenen Donnerstag zustellen ließ, liest sich allerdings so, als sei es von der FIM-Clique diktiert worden. Die Manager der Networks, so der Brief-Text, hätten die TV-Nation »durch die freizügige und exzessive Darstellung von Gewalt und Sex« in den Sendern »beleidigt«.
Im Kampf um ihre Eigenständigkeit geben die CBS-Manager nicht so schnell auf. Da das finanziell starke Unternehmen sich einen Kredit in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar gesichert hat, ist nicht ausgeschlossen, daß CBS versuchen wird, die Turner-Übernahme zu blockieren, indem es mehr als ein Drittel des Aktienbestandes in eigenen Besitz nimmt. Nach New Yorker Firmenrecht könnte sich dann die Maus nicht mit dem Elefanten vereinen.
»In den nächsten Wochen hören Sie nichts mehr von mir«, versicherte Turner Ende vorletzter Woche und flog anderntags zu den Filmfestspielen in Cannes. Dort wird er womöglich von der Abwehrmaßnahme hören, die CBS zum Abbau des eigenen Börsenwerts plant:
Die Galionsfiguren des Unternehmens, Nachrichtensprecher Rather und Falsett-Barde Michael Jackson, sollen neue Verträge bekommen, die eine sofortige Kündigung ermöglichen, sollte Turner den Konzern übernehmen können.