»Nur fünf Minuten Schmerz«
Wer ist hier die letzte zur Abtreibung?« fragt Natascha Muchina in die Menge, dann reiht sie sich geduldig in die Schlange ein.
Die schwangere Muchina*, 24, Mutter eines Fünfjährigen und von Beruf Apothekenhelferin, legt wie alle anderen ihren Paß auf den Torso eines Nachtschranks. Erst in einer Viertelstunde, von 7.30 bis 8.30 Uhr, beginnt in der »Abortnoje otdelenije«, der Abortabteilung des Städtischen Krankenhauses Nr. 19 an der Uliza komsomola in Leningrad der Einlaß. Doch mehr als 60 Frauen warten schon im Tiefparterre.
Es gibt nur ein paar Stühle und Bänke. Einige ganz junge Mädchen sind unter den Hilfesuchenden, die Mehrheit ist über 20, viele sind über 30 Jahre alt. Kein Freund, kein Ehemann hat sie begleitet. Geredet wird nur ganz leise. Eine * Namen von der Redaktion geändert. Schwester mit Schlappen über dicken braunen Socken und in angegrautem Kittel sammelt die Pässe der Frauen ein. Sie begrüßt dabei niemanden, niemand wünscht ihr einen guten Tag.
Das Wartezimmer hat den Charme einer verlassenen Baustelle: An den unverputzten Wänden verlaufen die Wasser- und Heizungsrohre in Kopfhöhe, weiter unten ungebündelte Elektrokabel; der Boden aus braun-schwarzen, ausgetretenen Keramikfliesen ist schmutzig.
In jeder Sonderabteilung der Leningrader Kliniken werden täglich bis zu 250 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, in der ganzen Sowjetunion kommen laut Medizinskaja gaseta auf 100 Geburten 106 legale Abtreibungen - in Wahrheit sind es viel mehr.
Die »Abortabteilung« des Krankenhauses Nr. 19 gilt als eines der besten Häuser am Platz. Die dort wirkende Ärztin Irina Michailowa* ist auf diesem Gebiet Spezialistin. Seit zwölf Jahren macht sie nichts als Schwangerschaftsabbrüche, täglich 18. Das ist das vorgeschriebene Plansoll. Ihr bisheriges Lebenswerk: 35 000 tote Föten.
Die couragierte Medizinerin Michailowa redet - entgegen den Gepflogenheiten - offen und ungeschönt: »Wir sind eine Fabrik. Wir tun, was verlangt wird, aber nichts darüber hinaus. Patientinnen sind mir absolut gleichgültig.«
Die Patientin Muchina zeigt sich geduldig - es ist ihre fünfte Abtreibung. Sie teilt mit fast allen anderen Frauen die Angst, die Dosis der Betäubungsmittel könne nicht genügen. »Oft wird auf jegliche Betäubung verzichtet«, sagt der sowjetische Sexualwissenschaftler Igor Kon, »um die Patientinnen zu bestrafen«, sozusagen als Erziehungsmittel zur Gebärfreude.
Oft fehlen aber schlicht die Narkosemittel. Bei zwei Aborten mußte Natascha Muchina die Ärztin bestechen, um in den Genuß einer ausreichenden Anästhesie zu geraten.
»Ein schmerzfreier Abbruch war bis vor kurzem nicht garantiert«, berichtet Irina Michailowa. So nahm sie denn - was damals nicht gestattet war - 50 Rubel für eine ordentliche Narkose, das war der Satz. Die Betäubungsmittel stammten aus dem Magazin des Krankenhauses. »Ein schönes Zubrot!« erinnert sich die Ärztin.
Jetzt ist das Krankenhaus auf eigene Rechnungsführung umgestellt worden: Das Gesundheitsministerium bewilligt einen Etat, davon müssen Sachkosten und Gehälter bezahlt werden. Ein Überschuß bleibt wenigstens teilweise dem Krankenhaus und den behandelnden Ärzten.
Für eine kostenfreie Abtreibung erstattet das Ministerium 17 Rubel, zuwenig, wenn die Ärzte dort nicht zügig und in Massenabfertigung arbeiten. Die Klinik kann sich ihre Leistung aber auch von den Benutzern bezahlen lassen, wofür »100 Prozent Schmerzfreiheit« (so ein Plakat im Warteraum) zugesichert wird. Preis: 41 Rubel, der Wochenlohn einer Verkäuferin.
»Der Service ist besser«, kommentiert die Ärztin Michailowa die kapitalistische Variante, »die Patientinnen müssen nicht laufen, sie werden in den OP geschoben und auch wieder hinaus. Das ist alles.«
Etwa jede dritte Frau entschließt sich in den Leningrader Kliniken, selbst zu bezahlen. Natascha Muchina verzichtet auf einen besseren Service. Nach einer halben Stunde - es ist kurz vor acht Uhr - wird sie aufgerufen, sich registrieren zu lassen. Im Flur mahnt ein Anschlag: _____« Frauen, die zur Operation kommen, sollen zu Hause » _____« geduscht haben, sollen nicht geschminkt sein, müssen die » _____« Nägel geschnitten haben. »
Natascha Muchina bleibt geduldig. »Ich wohne mit Mann und Kind auf 16 Quadratmetern einer Gemeinschaftswohnung zusammen mit sechs anderen Parteien. Für 19 Bewohner nur eine Toilette, kein Bad, keine Dusche.« Das ist kein Einzelfall, vielmehr lebenslanges Horrorstück für etwa jeden fünften Einwohner von Leningrad.
In der Registratur empfängt Frau Muchina einen großen Kleidersack aus naturfarbenem Leinen, daran hängt eine Blechmarke mit der Nummer 36. Ohne einen Blick auf die Patientin zu verschwenden, notiert die Schwester auf einem Laufzettel Sacknummer und jene Habe, die gleich im Sack verschwinden wird: Rock, Pulli, Lederstiefel, Regenjacke.
Das Original der Liste geht samt Paß an die Patientin zurück, der Durchschlag wird zur Krankenakte geheftet, die nun fast vollständig ist. Glanzstück dieser bürokratischen Prophylaxe ist der Anamnesebogen, die »Medizinische Karte des Schwangerschaftsabbruchs«, ein grünes Din A-4-Faltblatt vom Gesundheitsministerium der UdSSR. Auf dem Fragebogen muß der Grund für den Abbruch angegeben sein: »Kein Kinderwunsch, Wohnverhältnisse, Ausbildung, kein Krippenplatz, materiell nicht ausreichend versorgt, viele Kinder, kein Mann (Zutreffendes unterstreichen).«
Persönlich ist Natascha Muchina noch nie nach ihren Beweggründen gefragt worden. Die Ärztin Michailowa: »Ich frage nie. Das hält doch nur auf. Wie jede russische Frau sehe ich zu, daß ich meine Arbeit ganz schnell schaffe; ich habe zwei Kinder, einen Mann, einen Haushalt.« Also alles Makulatur statt der »medizinischen Dokumentation«, die das Faltblatt als Grund der Fragerei angibt, auch für die Bürokraten-Frage, wes Geschlechts die Schwangere sei. In den allgemeinen Polikliniken der UdSSR, wo zuerst einmal die Schwangerschaft festgestellt wird, rät man jenen vom Abort ab, denen das zum ersten Mal passiert. Resultat dieser Überzeugungskünste: 90 Prozent aller ersten Schwangerschaften werden abgebrochen - fast alle illegal.
Die zum staatlichen Eingriff Entschlossenen müssen in der Poliklinik Blutgruppe und Rhesusfaktor ermitteln lassen, das Blut wird auf Syphilis, Gonorrhöe und Aids geprüft. Das kostet nichts außer viel Zeit, verbracht in Warteschlangen. Nur mit den Untersuchungsbefunden sowie einer Röntgenaufnahme, die nicht älter als zwölf Monate ist, kann man sich dann zur Abtreibung einschreiben lassen.
Natascha Muchina hat sich diese Tortur erspart: Sie wandte sich an eine private Kooperative, die seit vorigem Jahr dieselben Tests durchführen darf. Innerhalb eines Tages hatte Frau Muchina alle notwendigen Papiere beisammen. Das kostete sie 20 Rubel.
Bis Ende 1988 durften die Genossenschaften auch selbst abtreiben. In Inseraten der Zeitung Moskauer Abend bot eine Kooperative die Absaugmethode bis zur sechsten Schwangerschaftswoche an: Für 55 Rubel, inklusive aller notwendigen Dienstleistungen, wurden die Frauen binnen drei Stunden alle Sorgen los, eine Prozedur, die beim Staat unentgeltlich mehrere Tage dauert. Die Ärztin Tamara Agajan, die dort arbeitete, schaffte 22 Abtreibungen in einer Stunde. Angeblich wegen zu hoher Komplikationsraten hat sich der Staat sein Abort-Monopol jetzt zurückgeholt: Offenbar bemüht um Bevölkerungszuwachs, sucht er die Schwangeren abzuschrecken.
Die Patientin Muchina begibt sich in einen langen Flur im Tiefparterre, wo inzwischen 80 Frauen warten, zwischen Müll, Lumpen und Kakerlaken. Die Frauen haben auf einer Holzbank Platz genommen, kalte Kacheln im Rücken. Sie haben den Befehl befolgt: »Zieht euch schnell aus! Beeilt euch!«
Sie haben ihre Kleidung im Sack verstaut, ihn in der Kleiderkammer unter dem prüfenden Blick der Wärterin aufgehängt und halten sich vorschriftsgemäß mit Nachthemd, Morgenmantel und Pantoffeln vor dem Operationssaal bereit. Sie haben nichts bei sich als Tasse, Löffel und vielleicht Lektüre sowie (verbotene) Kosmetik.
Es ist kurz vor neun Uhr, Rush-hour. Eine Krankenhausschwester brüllt die ersten Frauen mit ihren Familiennamen heran: »Iwanowa, Saizewa, Kusnezowa. Beeilt euch! Ein bißchen hurtig! Heute gibt es noch viel Arbeit!« Und zu den anderen: »Rückt schnell auf! Beeilt euch!«
Natascha hat Glück, denn in diesem ersten Haus am Platz arbeiten Fachärzte, keine Sanitäter ("Feldscher"), die in der Provinz meist den Eingriff vollziehen. In den vier Abteilungen des Krankenhauses Nr. 19 schaffen 15 Ärzte von 9 bis 14 Uhr über 200 Aborte am Tag.
Natascha Muchina wartet eine Stunde, dann wird sie mit neun anderen Frauen ins Zimmer 15 geschickt. Der Aufgang zum zweiten Stock wird gerade renoviert; die Frauen im Bademantel tapern durch Farblachen und Mörtelreste vorbei an werkenden Malern und Maurern. Die verordnete Hygiene ist spätestens jetzt dahin.
Zimmer 15: zehn Holzbettgestelle (es gibt auch Säle für 20 Frauen). Zwei Frauen teilen sich einen Nachtschrank, alle zehn ein winziges Waschbecken. Kein Bad, keine Dusche, nur ein Toilettenraum mit vier Plätzen. Zwei Klosetts sind verstopft, blutige Einlagen quellen aus viel zu kleinen unhygienischen Eimern.
Vor allen Zimmergenossinnen fragt eine Schwester: »Wie viele Geburten, wie viele Frühgeburten, wie viele Abtreibungen, wie viele hiervon legal, kriminell, spontan?« Als Natascha nicht gleich versteht, wird sie angefahren: »Bist du taub, Muchina? Antworte, gab es Komplikationen nach den Abtreibungen, oder nicht?« Es gab welche, die sie verschweigt.
»Willst du ein Attest?« Sie will wie fast alle anderen kein Attest mit der Diagnose »Abort« oder, verschleiert formuliert, »Blutungen der Gebärmutter«. Mit dem Papier würde sie zwar drei Tage krankgeschrieben, aber gleichzeitig am Arbeitsplatz entlarvt.
»Nur daß man des Abortes wegen die Arbeit auf zwei, drei Wochen unterbrechen muß, das ist gewiß unangenehm«, schrieb in den zwanziger Jahren die Edelkommunistin Alexandra Kollontai in ihrem Plädoyer für die freie Liebe. Heute erträgt eine sowjetische Frau insgeheim Abbrüche in Serie, und sie schweigt. Kaum eine bleibt über Nacht im Krankenhaus.
Nach dem letzten Verhör empfangen die Frauen in Zimmer 15 zwei Tabletten * Aufschrift: »Kinder sind die Blumen unseres Lebens«. zur Beruhigung und gegen Schmerzen, dann gehen sie in die Wäschekammer, um Operationslaken und Gummiunterlage zu fassen. Ihren Marterstuhl müssen sie sich gefälligst selbst beziehen. Sie sind auch gehalten, frisch operierte Leidensgefährtinnen zu deren Bett zu geleiten.
Unbekannt bleibt, was Natascha Muchina dann im OP erlebt. Die Details lassen sich in einer anderen Klinik beobachten, im Moskauer Krankenhaus Nr. 31 an der Lobatschewski-Straße - kein Abortarium, kein Massenbetrieb zur Abtreibung, doch der Ablauf der Eingriffe entspricht jenem in Leningrad.
Da warten die Patientinnen in Nachthemd und Pantoffeln vor dem OP, in dem zwei altertümliche gynäkologische Untersuchungsstühle stehen - die Standard-Ausrüstung guter Sowjet-Kliniken. Die Fenster sind ausnahmsweise geschlossen - auf anderen Abteilungen erfolgen sogar größere Operationen bei offener Tür.
Während an dem einen Stuhl noch operiert wird, betritt schon die nächste Patientin den Raum. Sie sieht Ärzte und Schwestern mit blutverschmierten Kitteln in vollem Einsatz. Sie sieht auf dem Stuhl eine Frau, die offenbar das Narkosemittel schlecht verträgt und mit bösen Träumen reagiert, stöhnt, zuckt. Beine und Arme sind festgebunden.
Die neue Patientin sieht hantierende Ärzte, das herausgeholte Gewebe in einer Nierenschale, sieht Spekulum, Hegar-Stifte, Kürette. Sie legt sich dennoch auf den zweiten Stuhl, hört das Klirren des OP-Bestecks und die Anweisungen des Arztes, die sie nicht versteht. Sie wartet, bis neben ihr der Eingriff vollendet ist und die frisch Operierte wieder zu sich kommt. Da injiziert der Anästhesist auch ihr die Narkose, entweder »Ketalar« oder »Sombrevin«, das sind Mittel, die starke Nebenwirkungen zeigen. Das erste wird im Westen, wenn überhaupt, nur noch zusammen mit einem Beruhigungsmittel gegeben. Sombrevin wird wegen möglicher Schockzustände in der Bundesrepublik nicht mehr verkauft.
Und dann wird ausgekratzt. Die Vakuumkürettage, weniger traumatisch für die Patientin, wird aus Mangel an Geräten erst in ganz wenigen Sowjet-Krankenhäusern ausgeführt. Wenig später liegt die Patientin mit einem Eisbeutel auf dem Bauch in ihrem Krankenhausbett, wie Natascha Muchina in Leningrad nach dem Eingriff auf Zimmer 15 der Klinik Nr. 19.
Sie ist zufrieden: »Es war eine gute Abtreibung. Ein kleiner OP, nur noch zwei Stühle und nicht mehr sechs wie beim letztenmal. Die Narkose war ausreichend, und ich konnte sie gut vertragen. Gott sei dank keine Schmerzen, keine schlimmen Träume. Auch die Schwestern waren nicht schlecht, sie haben kaum geschrien.«
Gegen 13 Uhr verläßt sie die Abteilung auf eigenen Wunsch, obwohl ein Plakat mahnt: _____« Verehrte Frauen! Denken Sie daran! Ihre Gesundheit » _____« hängt von Ihnen ab! Geben Sie auf sich acht! »
»Sinnlose Ratschläge, keine Frau kann sich daran halten!« sagt Dr. Michailowa. Natascha Muchina geht zurück über die Baustelle ins Tiefparterre. Die lange Holzbank ist fast leer. »Bis du eine Heutige?« fragt die Wärterin in der Kleiderkammer und gibt ihr den Leinensack heraus. Vorbei an einer Schlange von Frauen, die sich für den nächsten Tag zum Abbruch melden: _____« Einschreibung für den OP täglich 11-18 Uhr samstags » _____« 11-16 Uhr sonntags geschlossen. »
Laut Weltgesundheitsorganisation entfällt jede vierte der jährlich weltweit 30 Millionen Abtreibungen auf die Sowjetunion, obwohl dort nur ein Sechstel aller Erdenbürger lebt. Die Moskauer Nachrichten errechnen sechs- bis zehnmal mehr Aborte in der UdSSR als in »kapitalistischen Industriestaaten«. Die Tendenz steigt.
Der Sowjet-Sexologe Serenko meldete für 1962 drei Abbrüche auf eine Geburt. Die Leningrader Dozentin für Geburtshilfe und Gynäkologie Margarita Repina versichert der ausländischen Besucherin: »1988 gab es in dieser Stadt 75 000 Geburten gegenüber 140 000 Abbrüchen, also 1,8 Abbrüche auf eine Geburt.« Doch auf einem Fortbildungskurs vor Leningrader Kollegen am gleichen Tag verrät sie in einer offeneren Analyse realistische Zahlen: vier Abtreibungen auf eine Geburt. »Was, nur so wenig?«, fragen Zuhörerinnen.
Ein ernster sozialer Notstand in einem Land, das in den zwanziger Jahren in Sachen Sexualaufklärung als führend galt: Der Sowjetstaat legalisierte schon 1920 den kostenlosen Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche, eine Errungenschaft, die 1936 Stalins patriarchalischer Familiengesetzgebung zum Opfer fiel und erst 1955 wieder in Kraft trat. Befreiung der Liebe - warum muß dann heute eine Durchschnittsfrau in der UdSSR bis zu sieben Abtreibungen über sich ergehen lassen?
Die Antwort trug voriges Jahr bei einer Telebrücke zwischen der UdSSR und den USA eine Russin vor: »U nas seksa njet«, zu deutsch: »Bei uns gibt es keinen Sex.« Den Zusammenhang zwischen der Sowjet-Prüderie und den massenhaften Abtreibungen erläuterte der Bevölkerungswissenschaftler Wiktor Perewedenzew:
»In allen zivilisierten Ländern läßt man unerwünschte Schwangerschaften nicht zu, bei uns geht man ihnen vor allem mit dem Mittel der Abtreibung aus dem Weg. Diese barbarische Methode ist bis heute das am meisten verbreitete Verhütungsmittel.«
Der Ausweg: »Man muß die Bevölkerung mit empfängnisverhütenden Mitteln von hoher Qualität versorgen.«
In der Apotheke am Moskauer Friedensprospekt Nr. 80 wie im Stadtzentrum Gorkistraße 40 gibt es keine Antibabypillen, keine Spiralen, keine spermientötenden Cremes und Zäpfchen, keine Diaphragmen, keine Präservative, und an der Kasse steht ein Schild: »Watte nicht vorhanden.« Zwei Apotheken am Leningrader Newski-Prospekt: keine Kondome, keine Pillen oder Cremes.
Auch die homöopathische Konkurrenz an dieser Prachtstraße hat noch keine Säfte gekocht und Kräuter gemischt, die Abhilfe versprechen. Die geduldige Sowjetfrau sucht weiter und findet an der Sadowaja-Straße Nr. 32 eine Apotheke, die »Pasta gramizidinowaja«, eine spermizide Creme aus Taschkent, führt (32 Kopeken, ein halber Stundenlohn), daneben auch zwei Hormonpräparate: Trisiston aus der DDR garantiert für einen Rubel vier Wochen Ruhe, und Ovidon-Richter, ein ungarisches Medikament, bietet Sicherheit zu 96 Kopeken - ein Glücksgriff.
Denn laut Gesundheitsministerium war die Russische Unionsrepublik im Januar 1989 mit intrauterinen Pessaren zu 12,3 Prozent versorgt, mit Antibabypillen zu 1,2 Prozent. Der Mangel an Präservativen steht gar nicht erst auf der Liste: Kondome gibt es schon seit Monaten nicht. Mit Glück lassen sich ein paar auf dem schwarzen Markt erhandeln, das Stück - aus dickem, dennoch nicht unzerstörbarem Material, treffend mit dem Lehnwort »Galoschki« bedacht - zu einem Rubel.
Der Mediziner Andrej Popow in der Zeitschrift Ogonjok: »Verhütungsmittel sind in der Sowjetunion schwer zu bekommen, sie sind gesundheitsschädlich und wenig effektiv. Bei Frauen, die sich ihrer bedienen, beträgt der Anteil unerwünschter Schwangerschaften 80 Prozent.«
Andere Ärzte machen für die hohe Abtreibungsquote einfach »Serost« verantwortlich, das niedrige Kulturniveau: Es gibt keine sexuelle Aufklärung - niemals in der Schule, selten im Elternhaus. Es gibt keine informierenden Bücher und Heftchen, es fehlen die »Liebe, Sex und Zärtlichkeit«-Seiten von Bravo.
Sogar jene, die sich beruflich mit den Folgen dieser dumpfen Ahnungslosigkeit beschäftigen, sorgen nicht für Erhellung. Dr. Irina Michailowa hat ihrer sechsjährigen Tochter erklärt, sie habe das Schwesterchen »im Krankenhaus gekauft. Ich weiß, daß es falsch ist, aber zu Hause bin ich eben Mutter«.
Andere finden ihr Baby angeblich an der Straße, auf dem Spielplatz, erwerben es käuflich in der Spielwarenabteilung. Wie der Mensch entsteht, erfährt das Sowjetkind allenfalls von seinen Spielkameraden. Natascha Muchina glaubte lange allen Ernstes, ihre Mutter habe sie im Kohl gefunden, auch ihre Ärzte ließen sie im dunkeln: Erst nach der zweiten Abtreibung erläuterten sie ihr die Verhütungsmethode nach Knaus-Ogino.
Zwei Frauen im Moskauer Krankenhaus Nr. 31 auf die Frage, warum sie denn nicht verhütet hätten: »Ja, wie denn und womit?« sagt die eine, und die andere: »Die Ärztin hat mir nichts empfohlen!«
Die Ärztin Michailowa rechtfertigt sich: »Ich kann die Antibabypillen nicht empfehlen. Ich kenne Wirkungen und Nebenwirkungen zu wenig. Ich bin seit zwölf Jahren im Beruf, seit zwölf Jahren ohne irgendeine Fortbildung. Ich bin inzwischen einfach schlecht qualifiziert.«
Die Regierung, die bislang allein entschied, was ihren Untertanen bekömmlich ist, verordnete Unwissenheit und Abschreckung, um der sinkenden Geburtenrate des russischen Volkes entgegenzusteuern. »Zwei Jahrzehnte lang betrog die Führung des sowjetischen Gesundheitswesens die Bevölkerung«, meint der Experte Igor Kon: »Sie behauptete, Hormonpräparate seien schädlich für die Gesundheit.«
Auch das Massenthema Abtreibung ist tabu, darüber wird nicht geredet, darf nicht geredet werden, weil es ja »bei uns keinen Sex gibt«, folglich auch keine Schwangerschaften. Besonders Mädchen unter 18 Jahren erkaufen sich daher für zwei Wochenlöhne ihren Frieden bei den illegalen Engelmacherinnen - Babuschkas, habgierigen Krankenschwestern, unterbezahlten Ärzten, die Anonymität garantieren, keine Einverständniserklärung der Eltern brauchen, keinen Paß abfordern.
So werden denn die meisten Abbrüche gar nicht von den Ärzten in den Kliniken besorgt, sondern von medizinisch nicht ausgebildeten Personen in der Hinterstube. Wie viele? Schätzungen reichen von 50 bis 80 Prozent der offiziellen Abtreibungen im Staatskrankenhaus. Daraus folgert die Zeitschrift Ogonjok, daß »statistisch nicht jede zehnte, sondern jede fünfte minderjährige Frau einmal im Jahr abtreibt«.
Allein in Moskau gibt es zwei Spezialkliniken, die sich ausschließlich mit Komplikationen nach kriminellen Aborten befassen. Außerdem hat laut Dr. Michailowa noch jede gynäkologische Station mit den Folgen mißglückter illegaler Abbrüche zu tun.
Perestroika? Seit zwei Jahren darf kraft Gesetzes bis zum siebten Schwangerschaftsmonat abgetrieben werden. Eduard Tatulow, Gynäkologe am Moskauer Krankenhaus Nr. 31, hält das für »die bessere Lösung einer schlechten Alternative«.
Auch die 1917 versprochene sexuelle Revolution, in der die Anzahl solcher Eingriffe als eine Art Rangmaßstab empfunden wurde, hat nicht stattgefunden. Rußlands Frauen wurden um ihr Glück betrogen, ihre Gesundheit, ihre Kinder, ihre Lust.
Unter erbärmlichen Wohnverhältnissen, zur Berufsarbeit gezwungen, weil der Lohn eines Verdienenden für eine Familie nicht reicht, müssen sie meist darauf verzichten, ein entstehendes Leben auszutragen. Ihre Hoffnung auf bescheidene Zweisamkeit, die doch nur das Vergnügen der Männer bedeutet, zwingt sie immer wieder zur Abtreibung.
»Was sind fünf Minuten Schmerz in einem Leben voller Demütigungen«, sagt Natascha Muchina.