RAKETENABWEHR Nur Gebrabbel
Vom Bus aus konnte Tom Knappe die gigantischen Buchstaben auf den Hügeln erkennen: »Hollywood«. Wie oft hatte er das bereits auf Bildern gesehen, aber dennoch wenig Neigung verspürt, das ferne Land kennen zu lernen. Amerika erschien ihm »wenig spannend«. Nun war er da, und es war spannend - aber auch weit schlimmer, als er sich das in seinen »schlimmsten Träumen« vorgestellt hatte.
Denn Knappe, 33, saß in einem vergitterten Gefängnisbus, als er durch Hollywood fuhr. Er trug einen orangefarbenen Overall. Hände und Füße waren in stählerne Fesseln gelegt. Er erinnerte sich an ähnliche Bilder aus dem Fernsehen: Timothy McVeigh, der Bombenleger von Oklahoma City, ebenfalls in Ketten und in orangefarbener Gefängniskleidung.
Auf der langen Fahrt vom Untersuchungsgefängnis in der Nähe der kalifornischen Wüstenstadt Bakersfield zum Bundesgericht in Los Angeles stellte sich der Pazifist und Greenpeace-Aktivist mehr als einmal die Frage, »ob ich hier eigentlich im Kino bin«.
Eine eher harmlose Protestaktion gegen den Testabschuss einer Rakete vom Luftwaffenstützpunkt Vandenberg, Teil einer Greenpeace-Kampagne gegen die Raketenabwehrpläne des amerikanischen Präsidenten, entwickelte sich für den Dresdener Chef einer Veranstaltungsagentur sowie des »Sommercafé Parktheater« zu einem Horrorfilm, der ihn nun nicht mehr loslässt.
An diesem Montag wird eine Bundesrichterin entscheiden, wann sich Knappe und 16 Mitangeklagte unter anderem gegen den Vorwurf eines Bundesstaatsanwalts verteidigen müssen, in eine militärische Sperrzone eingedrungen zu sein. Alle Anklagepunkte zusammengerechnet, drohen den Angeklagten je sechs Jahre Haft sowie 250 000 Dollar Geldstrafe.
»Der absolute Wahnsinn, ein Witz«, protestiert Anwältin Katya Komisaruk, die für Greenpeace die Arbeit der Verteidiger koordiniert. Die Behörden forderten eine Strafe von solch »unverhältnismäßiger Härte« nur, um »die Friedensbewegung einzuschüchtern und abzuschrecken«.
Anwältin Komisaruk verfügt über einschlägige Erfahrungen. 1987 hatte sie einen Computer der Satellitenüberwachung auf dem Testgelände des Luftwaffenstützpunkts Vandenberg zerstört und die Aktion der »Weißen Rose« gewidmet, der Erinnerung an die deutschen Geschwister Scholl. Ihr Urteil damals: fünf Jahre Haft, von denen sie zwei absitzen musste.
Nun betreut sie vor allem Gleichgesinnte. Ihr Klient Knappe hatte nicht damit gerechnet, dass die Strafe so hart ausfallen könnte, und ist nun »völlig schockiert«. Er sagt: »Wir sind ja nicht hier, um die Vereinigten Staaten abzuschaffen.« Inzwischen hat er »allerdings das Gefühl, dass man uns genau das unterstellt«.
Knappes Weg vor das kalifornische Gericht führte durchs Wasser. Eher zufällig war er vor fünf Jahren begeisterter Taucher geworden. Bei einem späteren Tauchurlaub in Ägypten hatte er einen ehemaligen Taucher der Hamburger Feuerwehr kennen gelernt, der für Greenpeace arbeitete und von dem deutschen Tauch-Team der Öko-Organisation erzählte. Knappe, für den das Tauchen inzwischen »wie eine Sucht« ist, durfte schon kurze Zeit später bei Greenpeace-Übungen im Hamburger Hafen mitmachen - unter realistischen Bedingungen bei Sichtweite null. Seit zehn Monaten erst ist er in der Bewegung.
Seine Taucheinsätze für die Ökoaktivisten faszinierten ihn - allerdings eher wohl als eine Art Abenteuerurlaub und weniger als ambitioniertes politisches Engagement, für das gelegentlich auch mal ein bitterer persönlicher Preis zu zahlen ist: »Winke, winke, und weg bist du für die Polizei«, lautete das Fazit seiner ersten Tauchdemonstrationen. Im französischen Cherbourg schwamm der selbsterklärte »Adrenalin-Junkie« bei einer Aktion gegen einen mit Atommüll beladenen japanischen Frachter im Hafen. Die Franzosen notierten nach der Aktion Knappes Personalien - mehr nicht.
Und auch die deutschen Polizeibeamten, die den Castor-Transport nach Gorleben sichern sollten, erschienen dem Demonstranten Knappe, der an Brückenabschnitten zum Einsatz kam, nicht unfreundlich: »Wir verstehen, was ihr macht, aber Dienst ist Dienst. Also verschwindet.«
Nach solchen Erfahrungen musste er auch nur zehn Minuten nachdenken, als ihn am 10. Juli ein Anruf in seinem Dresdener Büro erreichte: »Tauchaktion Amerika, wärmeres Gewässer, willst du mit?«
Schon einen Tag später saß er mit seinem Tauchkameraden Matthias Pendzialek, 34, aus Seevetal bei Hamburg, in der Lufthansa-Maschine nach Los Angeles. Erst nach der Landung informierten ihn die örtlichen Aktivisten, worum es ging: Einsatz vor dem Luftwaffenstützpunkt Vandenberg. Von dort würde am 14. Juli eine Rakete starten, die 4800 Meilen weiter über dem Pazifik von einer anderen Rakete abgefangen und zerstört werden sollte. Knappe und seine Freunde hofften, den Abschuss wenn nicht stoppen, so doch verzögern zu können.
Gegen 19.40 Ortszeit sollte die Zielrakete für das Killergeschoss abheben. Die
Greenpeace-Truppe, 17 Männer und Frauen insgesamt, 15 Greenpeace-Aktivisten, dazu ein Journalist, ein Fotograf, darunter elf Ausländer, waren in ihren vier Zodiac-Schlauchbooten schon gegen 14 Uhr in Richtung des scharf bewachten Luftwaffenstützpunkts geprescht. Aber Küstenwache und Militärpolizei hatten die Demonstranten ständig im Visier. »Die ahnten«, so Knappe, »dass wir nicht zum Angeln fahren.«
Hubschrauber überflogen die Greenpeace-Boote, ihre Besatzung rief den Aktivisten über Lautsprecher Befehle zu, von denen der im Englischen ungeübte Knappe »nur Gebrabbel« verstand. Etwa 200 Meter vor der Küste warf er den Anker und tauchte gemeinsam mit Pendzialek ab. Mehr als 60 Minuten warteten sie im Wasser, dann gab der Bootsführer das Signal: »Aktion abbrechen«.
Die Amerikaner hatten ihre Rakete gezündet - aber verspätet, weil die Air Force, nach eigenem Bekunden, unterkühlte, an der Küste gelandete Greenpeace-Schwimmer per Hubschrauber evakuieren musste.
Knappe und Pendzialek wurden denn auch erwartet. Uniformierte Polizisten und FBI-Beamte richteten Scheinwerfer auf die Schlauchbootinsassen und forderten sie auf, das Boot nacheinander mit »erhobenen Händen« zu verlassen.
»Die führten sich auf, als hätten sie Greenpeace mit der Roten Armee verwechselt«, ärgert sich Knappe noch heute. An Händen und Füßen gefesselt wurden die Demonstranten ins Gefängnis gebracht.
Dort erhielten sie weder eine Rechtsmittelbelehrung noch umgehenden Kontakt zu einem Anwalt, was amerikanische Gesetze eigentlich vorschreiben. Erst nachdem das von Greenpeace alarmierte deutsche Konsulat in L. A. die Gefangenen telefonisch im Knast erreicht hatte, war Knappe erleichtert: »Es war schön zu wissen, dass sich jemand um mich kümmert.«
Das war auch nötig, denn die Greenpeace-Aktivisten werden von der Bundesstaatsanwaltschaft der »Verschwörung« angeklagt. Sie forderte, angesichts der zu erwartenden hohen Strafen, die Ökotruppe in Untersuchungshaft zu behalten.
Nachdem eine Bundesrichterin diesen Antrag abgelehnt hatte, legte die Staatsanwaltschaft Revision ein. Eine andere Richterin bestätigte jedoch die Entscheidung. Gegen je 20 000 Dollar Kaution wurden Knappe und seine Mithäftlinge vorläufig auf freien Fuß gesetzt. HELMUT SORGE
* Am 14. Juli auf dem kalifornischen Stützpunkt Vandenberg.