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Post Nur noch blau

Der Kaufrausch der Ostdeutschen, gepaart mit Mangel an Personal und Technik, hat die Post in der Ex-DDR ins Chaos gestürzt.
• aus DER SPIEGEL 1/1991
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Freude kam auf bei Postkunden in Deutsch-West und Deutsch-Ost, als dem Moloch Stasi vor Jahresfrist die Luft ausging. Nach dem Aus für die Ost-Schnüffler, so hofften Briefschreiber und Päckchenpacker in beiden Deutschländern, würden ihre Sendungen die Adressaten nun wesentlich schneller erreichen als zuvor.

Die Hoffnung trog. Mehr als ein Jahr nach dem Fall der Mauer und der Auflösung des Mielke-Ministeriums dauert die Postzustellung von Deutschland nach Deutschland oft länger als zu Zeiten Walter Ulbrichts und Erich Honeckers.

Briefe von West nach Ost sind häufig Wochen unterwegs, in umgekehrter Richtung noch länger, und Zeitungen erreichen die Adressaten in der Regel erst, wenn die gedruckten Nachrichten schon Zeitgeschichte sind.

Schuld sind ungehemmter Mitteilungs- und Kaufdrang, kombiniert mit vorsintflutlicher Technik.

Allein in den ersten neun Monaten des Jahres 1990 beförderte die Post 132 Millionen Briefsendungen von Ost nach West. Im gesamten Jahr 1989 waren es nur 77 Millionen gewesen. »Mit diesem Ansturm hatte doch keiner gerechnet«, entschuldigt Uta Grahl, die in Leipzig die fünf Postämter der Stadt koordiniert, das allerorten herrschende Chaos.

Bei vielen Ossis wabert noch immer altes Mißtrauen: Die Stasi, orakelte Mecklenburgs CDU-Ministerpräsident Alfred Gomolka, 48, in einem ADN-Interview im November düster, schnüffle immer noch heimlich in der Post.

Doch die für die Postkontrolle zuständige Abteilung M des Ministeriums für Staatssicherheit ist aufgelöst, die Stuben der Schnüffler, in denen Erich Mielkes Helfer bei der Post in Weihnachtsgrüßen und Liebesbriefen nach subversiven Gedanken fahndeten, sind geräumt.

Im Frühjahr 1990 hatte sich der gesamtdeutsche Postverkehr zunächst entspannt. Die privaten Paketsendungen aus dem Wohlstandswesten in die ruinierte Ostrepublik gingen in der ersten Jahreshälfte um 40 Prozent zurück.

Mit der Währungsunion am 1. Juli aber stiegen die Paketsendungen wieder steil an - um 300 Prozent gegenüber 1989. Der Grund: Die Ostdeutschen haben die westdeutschen Versandhäuser entdeckt. Bei denen ordern Hunderttausende von Kunden in den ländlichen Bezirken der Ex-DDR zuhauf, was sie jahrzehntelang entbehren mußten - vom Leichtmetallregal bis zum Lady-Revolver. In der Vorweihnachtszeit sah Postlerin Grahl in Leipzig »nur noch blau": Der größte Posten der Pakete stammte von einem Versandhaus aus dem bayerischen Fürth.

Für die Zustellung mangelt es der Post im deutschen Osten an Personal und Transportmitteln bis hin zum einfachen Paketkarren. Gingen Ost-Briefträger zu Zeiten Honeckers morgens mit einer Tasche los, schleppen sie jetzt ungewohnte Lasten. »Was unsere Leute leisten müssen, geht auf keine Kuhhaut«, sagt Klaus Möller, Abteilungsleiter für Postzustellungen in Schwerin.

Die Knochenarbeit wird schlecht bezahlt. Ein Briefträger in Leipzig verdient mit 900 Mark brutto bei 43,75 Arbeitsstunden pro Woche gerade 40 Prozent dessen, was seine Kollegen in Hamburg und Hannover bekommen.

Bei dem Lohn blieben selbst Arbeitslose lieber zu Hause, als sich bei der Ostpost zu verdingen, klagt Horst Isensee, Personalrat der Leipziger Hauptpost.

Das postsozialistische Chaos wird durch eine Folge der ostdeutschen Revolution vom Herbst '89 noch verstärkt: Vielerorts haben die kommunalen Parlamente Straßen umbenannt.

Nicht zuletzt bringt der Anschluß für die Postler in den fünf neuen Bundesländern auch erhöhte Anforderungen an den Kundendienst mit sich. Die Zustellung per Nachnahme etwa war in der DDR bis zur Wende unbekannt. Und ihre Pakete mußten sich die Ostbürger bei zentralen »Paketzustellanlagen« in den Stadtteilen abholen.

Den unfreundlichen Brauch gibt es noch immer: Die blechernen Zustelldeponien bestehen aus Hunderten von Schließfächern. Der Briefträger überreicht nur einen Schlüssel.

Den verwechseln gestreßte Postboten in der Eile schon mal. So erhielt beispielsweise ein Rentner im Sächsischen statt eines erwarteten Baumkuchens aus Bautzen eine aufblasbare Gefährtin aus Flensburg, diskret verpackt.

Besserung hat die Generaldirektion Postdienst der Deutschen Bundespost (GDP) für das neue Jahr gelobt. Vom 1. Januar an sollen der Norden und Nordwesten der ehemaligen DDR, weite Teile Mecklenburgs und Sachsen-Anhalts über die Flughäfen Hamburg-Fuhlsbüttel und Hannover-Langenhagen an das Nachtluftpostnetz der Deutschen Bundespost angeschlossen werden, vom 1. April an werden große Gebiete Sachsens und Thüringens über den Flughafen Leipzig beliefert. Briefe sollen dann innerhalb von zwei Tagen eintreffen.

Das neue Tempo wird die Ostkundschaft allerdings auch etwas kosten. Bislang zahlt sie für den Normalbrief 50 Pfennig, für die Drucksache bis 100 Gramm 70 Pfennig. Das Gefälle nutzen clevere Westfirmen, um vor allem Werbebroschüren en masse preiswert zu befördern. Der Vorsitzende des Verbandes der Postbenutzer, Wilhelm Hübner, 62, rechnet mit einer Gebührenerhöhung auf westdeutsches Niveau zum 1. April.

Solche Pläne mag GDP-Sprecher Reinhold Groß nicht dementieren. Mit einer Angleichung der Brief- und Paketgebühren auf westdeutschen Standard in den fünf neuen Ländern im Jahre 1991 sei, so der Postmann, »auf alle Fälle« zu rechnen. o

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