GESELLSCHAFT Nur Spaghetti
Vor der Druckerei in Kanada patroullierten bewaffnete Wachtposten, Anwälte der Autorin und ihres Verlages Paddington Press standen in ständiger Alarmbereitschaft: Das erste und vermutlich letzte Manuskript der Margaret Trudeau, der früheren Lebensgefährtin des kanadischen Premiers Pierre Trudeau, wurde gehütet wie ein Staatsgeheimnis.
»Wir waren noch sehr viel vorsichtiger als sonst«, sagte Dan Barber vom New York Times Syndicate, das die Serienrechte für Amerika erworben hatte. Um Raubdrucke zu verhindern, bekamen nur wenige ausgewählte Verleger das Werk zu sehen. Schriftlich mußten sie Verschwiegenheit zusichern.
Dann, Anfang April, begannen Presseorgane in 20 Ländern mit dem Abdruck der Memoiren. Seither können Millionen Leser Woche um Woche verfolgen, wie aus der höheren Tochter Margaret zunächst ein Edel-Hippie, dann eine Ministerpräsidenten-Gattin, First Lady und Mutter dreier Söhne wurde. Und als Höhepunkt der Story wird schließlich auch noch erzählt, wie und warum die photogene Brünette schließlich als Starlet und let-setterin abzischte.
Zwar ist richtig, was der Klappentext verheißt: »Die handelnden Personen sind Schlagzeilen-Macher ... die Geschichte ist wahrhaft eine Insider-Geschichte.« Doch was hilft's, wenn die Schlagzeilen-Macher nicht genau beobachtet oder beschrieben werden? Und wenn Insider-Eindrücke nicht verarbeitet werden können?
Dem Buch »Beyond Reason« fehlen die Puste und die Melodie. Denn Margaret Trudeau, geborene Sinclair, war und ist nun einmal nicht mehr als ein durchschnittliches Mädchen der Oberklasse, ausgestattet mit der richtigen Schul- und College-Adresse, mit der gängigen Protesthaltung gegen die großbürgerlichen Eltern -- und mit den für nordamerikanische Kinder feiner Leute beinahe obligaten Hasch- und Wanderjahren.
Nach dem Schulabschluß bekam sie von ihren wohlhabenden Eltern »wie viele der glücklicheren, kanadischen Studenten eine Europareise« geschenkt.
Doch Margaret hatte Berauschenderes im Sinn. Sie fuhr nach Marokko, warf ihre »konventionellen Moralbegriffe in puncto Sexualität über Bord« und zog manchen Joint durch. Auch härtere Drogen schreckten sie nicht: »Im Mondlicht der Berge (südlich von Marrakesch) ging ich auf meinen ersten LSD-Trip.«
Im Buch ist es auch ihr letzter. Denn nach knapp einem halben Jahr Marocko hat sie genug »von der Promiskuität und der Leere des Hippie-Lebens«. Sie fährt zurück nach Kanada.
Kaum angelangt, beginnt die Beziehung mit Trudeau, den sie anderthalb Jahre zuvor im Club Méditerranée Tahiti kennengelernt und zugunsten eines Wasserski-Lehrers und Lebenskünstlers gleich wieder vergessen hatte.
Nun, nach der Rückkehr des reuigen Blumenkindes, kommt die Sache in Fahrt -- und kein Lore-Roman-Leser kommt dabei zu kurz.
Allzu rührend ist, was sich die höhere Tochter vor dem ersten Rendezvous so denkt. »Warum ich? Was mache ich mit dem Premierminister von Kanada? Wie ist dieser tolle Mann wohl wirklich?«
Nach dem ersten Abendessen in ihrer Heimatstadt Vancouver wußte sie Bescheid. Als Trudeau sie zurück ins Haus ihrer Eltern brachte und »mit einem brüderlichen Kuß« nach Ottawa einlud, stand fest: »Den Mann muß ich haben.«
Auch die Schilderung des ersten Rendezvous in Trudeaus Junggesellen-Amtswohnung erfüllt durchaus die Erwartungen geübter Leser von Trivial-Literatur. »Du bist gewarnt«, sagte er, »es gibt nur Spaghetti.« Und Margaret, ganz im Stile einer Courths-Mahler-Heldin der späten 70er Jahre, dachte für sich: »Von mir aus hätte es Hundefutter sein können.«
Am 4. März 1971 heiratete der damals 51jährige Trudeau die gerade 22 Jahre alte Margaret Sinclair. Der Bräutigam hatte offenbar bis zuletzt Zweifel: »Bist du wirklich sicher, daß du das Ganze willst?« fragte er noch kurz vor der Trauung.
Kaum hatte sie ihrem Priester ihren »vorehelichen Sex« gebeichtet, ist es soweit: In einer von den Bunten Blättern aus aller Welt liebevoll geschilderten Zeremonie heiratet der kluge Erfolgspolitiker die erwachende Schöne.
Die Geschichte des Scheiterns der Glamour-Ehe beginnt wenig später. Und diese Geschichte, dafür bürgt Frau Trudeau, unterscheidet sich kaum von den stereotypen Abläufen von Ehedramen, die den Scheidungsrichtern zwischen Hamburg und Ottawa bestens vertraut sind:
Trudeau sieht -- mehr oder weniger bewußt, mehr oder weniger zwangsläufig seine Margaret vorzugsweise in der Rolle der Ehefrau, der Mutter und der First Lady. Sein Tagesprogramm, seine Routine und seine Arbeit sind, das stellte sich bald heraus, kaum in Einklang zu bringen mit dem Traum des Twens, der »sich selbst verwirklichen will« -- was immer das heißt -- und ein möglichst freies, emotional bestimnites Leben will.
Beengt vom Protokoll, eingeengt durch die sie stets verfolgenden Sicherheitsbeamten und Reporter und ohne rechte Lust, sich in das strikte Leben des Mittfünfzigers zu fügen, begann sie schon bald Hasch zu rauchen und sich nach dem vermeintlich wahren Leben zu sehnen.
Abgesehen von einer kurzen Liebe zu dem jungen Franzosen aus dem Club Méditerranée und ein, zwei angedeuteten Abenteuern vor der Ehe schläft Margaret laut Margaret erst kurz vor ihrer Trennung von Trudeau mit einem anderen Mann. Diese Affäre wird dann zum Anlaß für den endgültigen Bruch.
Voyeure kommen auch bei dieser wildesten Affäre des Buches zu kurz. Originalton Margaret: »Am Abend vor dem Tennisturnier verliebte ich mich. Vier Jahre lang hatte ich nicht einen anderen Mann angesehen. Es kam plötzlich, es war phantastisch. Er war ein sehr vitaler Amerikaner, ein Mann aus den Südstaaten, dessen Name keine Rolle spielt. Ich war wie besessen, wir tanzten den ganzen Abend lang.«
Dafür aber finden Liebhaber von Sottisen über die Größen des Jahrzehnts einige Passagen. Leonid Breschnew, erfahren die Leser von der früheren First Lady, ist ein »harter, brüsker Mann«. Der sowjetische Premierminister Alexej Kossygin dagegen hat »sanfte Augen«. Bei der Verabschiedung der Staatsgäste Trudeau -- entgegen dem Protokoll hatte Kossygin Frau Trudeau ins startbereite Flugzeug geleitet -- weinte der Premier sogar heimlich mit Margaret (laut Margaret) ein paar Tränen: »Ich fühlte, daß unsere Tränen ein unausgesprochenes Gebet für Frieden und Freundschaft waren.«
Weniger gut schneidet Richard Nixon ab. Er war bei einem Staatsbankett so gehemmt, daß ihm nur die Geschichte des (unglücklichen) Sexlebens der Panda-Bären aus dem Zoo von Washington einfiel.
Zwei Männer unter der Politprominenz fand Frau Trudeau offenbar halbwegs sexy: Fidel Castro und Prinz Charles von England. Der Prinz habe ihr beim Tanz statt in die Augen tief ins Dekolleté geschaut. Als sie ihn dabei erwischte, sei er errötet.
»Mein Vater«, habe er dann gescherzt, »hat mir schon immer gesagt, ich sollte fest in die Augen meiner Tanzpartnerin sehen, wenn sie ein Kleid mit tiefem Ausschnitt trägt.« Margaret will erwidert haben: »Wäre ich nicht im dritten Monat schwanger, wäre überhaupt nichts zu sehen.«
Um ihre Augen ging es Fidel Castro, den Trudeau und seine First Lady 1976 besuchten. Der Máximo Lider sei ein »unglaublich romantischer Mann« und verehre Frauen.
Bei ihr äußerte sich diese Vorliebe so: »Meine Augen«, sagte Fidel -- laut Margaret -- »sind nicht sehr stark. Um sie stärker zu machen, sehe ich jeden Tag in die Sonne. Das ist sehr hart. Aber wissen Sie, was ich noch härter finde? Einen Blick in das Blau Ihrer Augen.«
Allzu blauäugig gerät der Trudeau die Geschichte ihrer Verbindung zu den Rolling Stones, die der Boulevard-Presse der westlichen Welt fette Schlagzeilen wert waren. Weder in Toronto« wo sie die Rock-Stars traf, noch in New York, wohin sie mit ihnen reiste, kam es laut Frau Trudeau zu der Sex-Orgie, die ihr von den Reportern der Massenblätter nachgerühmt wurde.
Die Reporter, die ihr in jenen Tagen und später auflauerten, verachtet und haßt Frau Trudeau von ganzem Herzen -- vielleicht auch mit einigem Recht. Denn zu welchen journalistischen Glanz- und Elendstaten die Zunft tatsächlich fähig ist, bewiesen die letzten Wochen, als sich das englische Sensationsblatt »The Sun« und die kongeniale »Bild«-Zeitung der Geschichte annahmen.
Da war die Story des Buches schon nach Kräften angeschärft. Eine Begegnung mit Jordaniens König Hussein etwa lief laut »Sun« -- »Bild« so ab: Der König lud sie zum Abendessen in seine Hotelsuite ein. Margaret Trudeau: »Ich ging vorher zum Friseur und kaufte mir schwarze Reizwäsche, Strapse und Netzstrümpfe.« Sie blieb angeblich die Nacht über im Apartment des Königs, während seine Leibwächter die Tür bewachten.
Diese Enthüllungen stammen laut »Sun« aus dem Munde der Straps-Trägerin selbst -- eine Behauptung, die nicht recht überzeugt, denn ausgerechnet die Frau des Königs war, das behauptet die Trudeau seit Jahren, ihre engste Freundin, deren Unfalltod sie getroffen habe.
»Das Ganze ist Quatsch, eine ausgemachte Schweinerei«, sagt Rechtsanwalt Steve Martindale, Berater, enger Freund und Verkäufer der Trudeau. Ihm kommt der Rummel ("Was soll man dagegen machen?") vielleicht nicht einmal ungelegen. Nachdem er das millionenschwere Vertragswerk -- allein die Serienrechte dürften eine Million Dollar einbringen -- mit den Verlagen und Zeitschriften ausgehandelt hatte, machte er sich an ein neues Projekt: Die Geschichte seiner Margaret, die 1978 glücklos in zwei erfolglosen Filmen dilettierte, soll nun in Hollywood verhökert werden.
Ungewiß bleibt dagegen, wie Margarets Lebensbeichte die Wahlchancen ihres Mannes beeinflußt, der am 22. Mai überaus schwierige Parlamentswahlen zu bestehen hat. Nachdem kanadische Zeitungen mit dem Vorabdruck des Buches begannen, berichteten die Redaktionen über viele Trudeau-freundliche Anrufe ihrer Leser. Auch sein Abgang aus späten Wahlversammlungen ("Es ist spät und ich möchte nach Hause zu den Kindern") werde stets mit freundlichem Applaus bedacht.
Sukey Howard, Vizepräsidentin von »Paddington Press": »Als Trudeau vor ein paar Wochen den Wahltermin festlegte, wußte er genau, wann die Sache herauskommen würde.«
Was danach kommt, wußte »Bild": Trudeau werde sich -- so soll er einem englischen Freund anvertraut haben -- nach dem Wahltag scheiden lassen.