O heiliger Speculatius!
Nr. 6/2004, Titel: Vom Raubtier zum Menschen - Neue Ausgrabungen in Deutschland: Wie vor 400 000 Jahren aus dem Jäger das Kultur-Wesen wurde
Es ist doch erstaunlich, wie unsere Vorfahren mit weniger Hirn damals die Welt beherrschten! Ein Gedanke, der bei manchen Zeitgenossen aktueller denn je ist.
SCHWÄBISCH GMÜND NIKOLAOS KARATSIORAS
Haben Sie Dank für Ihren wichtigen Artikel. Vielleicht begreifen wir auch in Deutschland endlich die Bedeutung unseres vorgeschichtlichen Kulturerbes. Während in Frankreich beispielsweise die Fundstätte von Tautavel den Franzosen ein großes, höchst aufwendiges Museum wert war (das sich übrigens als Touristenmagnet gut bezahlt macht), lassen wir die älteste intakte Siedlungs- und Kulturstätte der Menschheit in Bilzingsleben verrotten und die dazugehörige kostbare Sammlung vergammeln. Bilzingsleben muss endlich Weltkulturerbe der Unesco werden, auch damit unwiederbringliche Fundstücke nicht einfach verschwinden! Hoffentlich leistet Ihr Artikel hierzu einen kleinen Beitrag.
BERLIN PROF. CARSTEN NIEMITZ FREIE UNIVERSITÄT BERLIN
Wie wäre es, wenn die Forscher, nachdem sie die Vorurteile in Bezug auf die Blödheit des Homo erectus abgebaut haben, auch aufhören würden, ein Geschlechterverhältnis, das aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheint, unreflektiert in die Steinzeit zu projizieren? Die Annahme, dass die Frauen im Lager blieben, Kinder hüteten, Essen zubereiteten, balzende Männer umschwärmten, die besonders schöne Faustkeile vorweisen konnten, oder sich gar, bei Abwesenheit ihrer Beschützer, von fremden Männern rauben ließen, wirkt arg geprägt von reaktionären Männerphantasien.
ZÜRICH SABINA HORBER
O heiliger Speculatius! Die »wissenschaftlichen« Äußerungen zur Frühgeschich-
te des Menschen sind dermaßen erheiternd, dass daraus eine Comedy-Serie gestaltet werden müsste. Das Verfallsdatum der »wissenschaftlichen« Feststellungen zum Ur- und Frühmenschen reicht immer nur bis zum nächsten Knochenfund. Zum Beispiel ist der Begriff »Horde« bisher durch keine ethnische Studie an naturnahen Stammeskulturen gerechtfertigt. Trotzdem geistert er durch die meisten Veröffentlichungen, und das Phänomen der menschlichen Unterarten wird von den diversen Ausbreitungstheorien überhaupt nicht als Problem erwähnt. Hoffnungsvoll stimmt die synoptische Darstellung von konkurrierenden wissenschaftlichen Ansichten. Denn nur durch solche »Marktüberblicke« auf Theorienangebote kommt der Lernprozess auf diesem Gebiet endlich zum Laufen.
WEDEMARK (NIEDERS.)
PETER ROZIN
Mit Spannung habe ich den Artikel über die Frühmenschengeschichte gelesen. Alles in allem fand ich ihn etwas zu knapp geraten. Zwei, drei Infos zu den Neandertalern: Das älteste Instrument (Flöte aus Schwanenknochen) und das älteste Grab, das man bislang gefunden hat, waren von ihnen. Zudem ist bekannt, dass die Neandertaler ein größeres Gehirn hatten als der gepriesene Homo sapiens (wenn man die »Überlegenheit« schon an der Hirngröße bemisst). Purer Luxus? Oder wozu haben diese ein so großes Hirn gebraucht? Dieser Gelehrtenstreit enthält deutlich Züge von Rassismus.
LAUBACH (HESSEN) LONI KLINGENFUß
In frischer und didaktisch ansprechender Art wird endlich öffentlich mit dem Zerrbild über unsere Vorfahren aufgeräumt. Die Darstellungen der verschiedenen Hominiden in den zahlreichen Fernsehproduktionen sind wegen Unkenntnis oder Voreingenommenheit der Autoren einfach ärgerlich. Hintergrund der in den USA verbreiteten Lehrmeinung scheint mir die ziemlich verbreitete Ablehnung der Evolutionstheorie zu sein. Wichtig zu betonen war, dass das gesamte Fundmaterial aus Mitteldeutschland weltweit einzigartig ist und die Kenntnis über die Evolution des Menschen revolutionierte. Deshalb ist es sehr befremdend, dass von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem entsprechenden Ministerium die längst nicht voll ausgebeutete Grabungsstätte in Bilzingsleben sowie weitere Vorhaben abgewickelt werden. Diese Abwicklung führt zur Negierung der Forschungsergebnisse.
HALLE (SAALE)
DR. GERHARD KÖRNIG
Der Titel »Vom Raubtier zum Menschen« ist irreführend. Man könnte denken, dass wir Menschen uns zu etwas anderem, besserem als bloße Raubtiere entwickelt hätten. Wir sind aber lediglich die größten Raubtiere von allen. Während zum Beispiel ein Löwe »nur« eine Gazelle erbeutet und sie auffrisst, haben wir Menschen einen ganzen Planeten erbeutet, den wir uns langsam einverleiben.
AACHEN MATTHIAS STAHNKE
* Rekonstruktion im Neanderthal Museum in Mettmann.