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MALAYA-PARTISANEN Oder Ihr leidet

• aus DER SPIEGEL 19/1952
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An einem Tage Mitte April drückte sich Sir Gerald Templer die gold-geschmückte Generalsmütze in die Stirn, fuhr zum Rotaryklub von Kuala Lumpur und schimpfte: »Zu viel Pferderennen, zu viel Cocktail-Parties, zu viel Apathie und zu wenig aktive Unterstützung im Kampf gegen die kommunistischen Partisanen Malayas.«

An keinem Wochenende seit der Ernennung Templers zum Hochkommissar von Malaya am 15. Januar waren die Golfplätze von Kuala Lumpur, die Badestrände und Nachtklubs von Singapore so bevölkert, wie an dem Tage nach der Rede Templers. Sie war eine amüsante Abwechslung in dem düsteren Einerlei der Schreckensmeldungen. Von Morden an britischen Plantagenverwaltern und Bergwerksingenieuren durch die Partisanen hatte man in den letzten Monaten genug gehört.

Der 53 Jahre alte General und Hochkommissar mit dem standardmäßigen Schnurrbart-Gesicht des britischen Berufs-Offiziers ist nicht nur seinen Landsleuten in Malaya ein Aergernis. Im Londoner Oberhaus weckte der sozialistische Lord Stansgate peinliche Erinnerungen an Urteile des Nürnberger Militär-Tribunals gegen deutsche Generäle: Templers System, »Unschuldige für die Gewalttaten der Partisanen verantwortlich zu machen«, sei geeignet, »Schande über Großbritannien« zu bringen. Der Staatssekretär im Foreign Office, Lord Salisbury, mußte »das Gerede Lord Stansgates von Justiz und Moral« als »überspannten Gerechtigkeitssinn« bagatellisieren. Der General genieße das volle Vertrauen der Regierung Ihrer Majestät.

Im Januar hatte Templer von George VI. mit auf den Weg bekommen: »Ihre erste Aufgabe in Malaya hat also die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung zu sein.« Er stürzte sich mit der zähen, nüchternen Energie eines der erfolgreichsten Karriere-Offiziere der britischen Armee auf seine Aufgabe. Zu Hilfe kamen ihm dabei die 1945/46 als Direktor für zivile Angelegenheiten der Besatzungstruppe in Deutschland gesammelten Erfahrungen.

Seine Methode zur »Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung« ist denkbar primitiv. Er drohte den 2,8 Millionen Chinesen der Malaiischen Staaten (Gesamtbevölkerung: 6,5 Millionen, der Rest größtenteils Malayen, zum geringeren Teil Inder): »Entweder Ihr helft uns im Kampf mit den kommunistischen Partisanen oder Ihr leidet.« Anfang April machte er erstmalig praktisch klar, was er mit »Ihr leidet« meinte.

Seit Januar d. J. wird das Gebiet von Tanjong Malim - einer 5000, vorwiegend chinesische Einwohner zählenden Stadt 80 Kilometer nördlich Kuala Lumpur (siehe Schaubild) - von kommunistischen Partisanen terrorisiert. Indische Arbeiter wurden gefangen genommen und langsam zu Tode gemartert. Ihre verstümmelten Leichen wurden zur Abschreckung zurückgelassen, die Anlagen der 25 Gummi-Plantagen zum Teil zerstört. Ihr Ertrag ging in kurzer Zeit auf die Hälfte zurück. (Die Gesamtproduktion der Malaiischen Staaten an Kautschuk verringerte sich von 1950 auf 1951 um 12 Prozent, die Zinnförderung um etwa fünf Prozent.)

Es war offensichtlich, daß die Partisanen von ihren chinesischen Volksgenossen in Tanjong Malim Nachschub an Munition, Waffen, Nahrungsmitteln und Medikamenten bekamen.

Templer ließ die Bevölkerung von Tanjong Malim auf dem glühend-heißen Marktplatz des Ortes zusammentreiben. Ein

Dolmetsch teilte ihr seine Beschlüsse mit:

* Ausgehverbot für 22 Stunden am Tage,

* Schließung der Schulen,

* Stillegung der Verkehrsmittel,

* Einziehung sämtlicher privaten Lebensmittelvorräte bis auf vier Pfund Reis pro Woche.

Britische Offiziere und Soldaten krochen anschließend in jede Hütte und beschlagnahmten, was sie an darüberhinausgehenden Vorräten vorfanden. Zurück ließen sie einen Fragebogen, der von jedem Einwohner Tanjong Malims wissen will, was er von dem Privatleben und den politischen Ansichten seines jeweiligen Nachbarn hält.

Templers kommunistischer Gegenspieler ist ein alter Bekannter von ihm. Er kennt ihn von der Siegesparade Sommer 1945 in London. Damals wurde dem Führer der Nationalen Freiheitsarmee Malayas gegen die japanische Besatzung ein britischer Orden an die schmächtige Brust geheftet.

Heute hängt Chang Pengs' Steckbrief in jedem Dschungel-Dorf aus: »Liebenswürdige und ruhige Manieren, bleiche Haut mit rötlichen Flecken, spricht Englisch, Mandarinen-Chinesisch und Malaiisch, ist auf dem rechten Bein etwas steif.« Darunter ist zu lesen, daß die Malaiische Regierung demjenigen, der Chang Peng tot den Behörden ausliefert, 60 000 malaiische Dollar zahlt. Für den lebenden Chang Peng gibt es 80 000 (etwa 83 000 DM).

Die roten Flecken auf Chang Pengs Gesicht sind Signale seines oft prophezeiten Todes. Er leidet an Tuberkulose. Das rastlose, entbehrungsreiche Leben des Dschungels zehrt an der Gesundheit des wenig über 30 Jahre alten Partisanenhäuptlings.

Das malaiische Banditen-Dasein hat nichts mit Räuberromantik zu tun. Wenn Chang Peng nicht laufend Nachschub an Mannschaften aus den chinesischen Dörfern und Städten Malayas erhalten würde, wären seine Verbände längst zu kläglichen Haufen zusammengeschmolzen. Hunger, Beri-Beri, tropische Fieber und Darmkrankheiten zehren mehr an seinen Beständen als die gelegentlichen Verluste durch die britischen Jagdkommandos. Dabei sind nicht weniger als 25 000 Mann

reguläre Truppen, 100 000 Mann Polizei und mehrere 10 000 Mann ziviler Plantagen-Wehren unter Führung der weißen Plantagenbesitzer und -verwalter gegen sie eingesetzt.

Auf 2000 Mann beziffert man die Verluste der Partisanen seit Juni 1948, auf das Doppelte bis Dreifache die Ausfälle durch Krankheiten. (In derselben Zeit fielen auf britischer Seite 328 Soldaten und Offiziere, 947 Polizisten und 1828 Zivilisten. Hinzu kommen etwa 500 Vermißte.)

Trotzdem zählt die Partisanen-Armee ununterbrochen seit den Zeiten der japanischen Besatzung rund 5000 Mann. Chang Peng gilt als ein hervorragender Organisator und begeisternder Demagoge.

Von allen Teilen Malayas strömen die Weißen in die Inseln britischer Macht am Rande des grünen Ozeans, dessen undurchdringlicher Tropenwald stündliche Gefahr und Tod bedeutet: Singapur, Georgetown, Kuala Lumpur, Penang. Die britischen Zinn-Minen und Gummi-Plantagen sind zu Festungen geworden, die nur durch schwer bewaffnete Konvoys miteinander in Verbindung stehen. Unter den Angestellten der Bergwerks- und Plantagengesellschaften gelten die einst so gefragten Verwalterstellen als Himmelfahrtskommandos.

Aber noch lohnt sich die Gefahr. Die Gesellschaften zahlen Höchstgehälter und phantastische Produktionsprämien. Sie können es. Denn: trotz der Partisanen, trotz des Raubbaus an den Plantagen (die Privatgesellschaften haben zu Investitionen keine Lust mehr) ist Malaya immer noch mit 33 Prozent der Weltproduktion von Naturkautschuk und 40,9 Prozent der Welt-Zinnförderung der weitaus bedeutendste Dollar-Verdiener des Britischen Commonwealth (siehe Schaubild).

»Gesetz und Ordnung« in Malaya bedeuten für London rund 300 Millionen Dollar pro Jahr. Deswegen mußte Sir Gerald Templer Malayas Rotary-Club-Mitglieder anpfeifen. Ein alter Kolonial-Oberst meinte allerdings im Anschluß: »Gott mag wissen, was passiert, wenn Templer an einem Mittwochnachmittag bei einer militärischen Dienststelle anruft. Da feiern wir nämlich.«

Seit der letzten Woche erzählt man sich allerdings in den Golfklubs von Singapur, daß Templers Tage als Hochkommissar gezählt seien. Die »Kommunisten-Fresserei« paßt nicht mehr in das Konzept von Englands Außenminister Anthony Eden. Auf der Moskauer Wirtschafts-Konferenz haben Russen und Rotchinesen die verlockendsten Preis-Offerten für malayisches Gummi gemacht. Das Akzeptieren dieser Offerten würde zwar ein Durchbrechen des von den USA verordneten Ausfuhr-Verbots kriegswichtiger Rohstoffe bedeuten. Vielleicht aber ist der Kreml bereit, den demokratischen Sündenfall Englands damit zu bezahlen, daß Chang Peng in Zukunft aus Rotchina keinen Waffen-Nachschub mehr bekommt.

Daß die Russen und Engländer es mit diesem Kuhhandel ernst meinen, zeigten schon die Exportziffern Malayas im ersten Vierteljahr 1952. 43 371 t Rohgummi wurden nach Rußland verschifft. In derselben Zeit des Vorjahres nur 3200.

In Kairo weiß man, daß der Oberbefehlshaber am Suez-Kanal, General George Erskine, einen Platz in der Kurier-Maschine nach Singapur belegt hat. Erskine soll Templer in Kuala Lumpur ablösen.

[Grafiktext]

Bester Dollar-Verdiener des Britischen Commonwealth

ERZEUGUNG VON
ZINN
ÜBR. WELT 60% MALAYA 40%
KAUTSCHUK
ÜBR. WELT 67% MALAYA 33%
DOLLARBILANZ 1951
ÜBERSCHUSS
MALAYA 325 Mill.$
DEFIZIT
ÜBRIGES COMMONW. 1,14 Mrd. $
BEVÖLKERUNG
2,7 Mill. MALAYEN
2,1 Mill. CHINESEN
0,6 Mill. INDER

[GrafiktextEnde]

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