Öl oder Dollar - DER SPIEGEL
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RUMÄNIEN Öl oder Dollar

Mit seinem Benzinkrieg gegen die Ostblock-Länder sucht Rumänien womöglich nur einen Vorwand, um aus dem Comecon auszutreten.
• aus DER SPIEGEL 33/1979
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Wenn es um Geld geht, hört die Freundschaft auf, auch unter Genossen. Diese Erfahrung machte der ungarische Vizeminister für Binnenhandel Molnár vorige Woche in Bukarest.

Rumänien ließ den Gast aus Budapest wissen, daß die Verordnung vom 1. August, wonach Touristen aus den sozialistischen Ländern Benzin nur noch gegen Westgeld bekommen, in Kraft bleibt.

Bukarest will den Benzin-Erlaß nur dann aufheben, wenn die Ost-Regierungen jeden Liter Sprit, den ihre Bürger in Rumänien kaufen, mit US-Dollar oder mit Öl pauschal begleichen -- Rumänien springt mit seinen Freunden um wie Ost-Berlin mit Bonn, wenn es um Wegezölle geht.

Verärgert reiste Molnár wieder ab, denn kein sozialistisches Land hat 01 oder Devisen für den Tourismus übrig.

Den Rumänen-Führer Ceaucescu kümmert das wenig -- die Ost-Touristen braucht er nicht, aber das Benzin. Die Freundschaft mit dem Ostblock will er nur solange, wie sie ihm nützt. Mit dem Benzin-Krieg gegen seine Comecon-Partner sucht Ceaucescu womöglich einen Vorwand, aus der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft auszutreten.

Nach Unabhängigkeit vom Ostblock strebt Rumänien, seit Moskau den Balkanstaat vor 15 Jahren zum Gemüsegarten des sozialistischen Lagers degradieren wollte: Rumänien sollte Agrarland bleiben und die Bruderstaaten lediglich mit Lebensmitteln versorgen. Bukarest widersetzte sich.

Bald darauf leistete Rumänien auch politischen Widerstand: Plötzlich erinnerte Nationalist Ceaucescu an rumänische Ansprüche auf Sowjet-Bessarabien. Als einziges kommunistisches Land hielt Rumänien nach dem Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten an diplomatischen Beziehungen zu Israel fest.

Den Überfall der Pakt-Staaten auf die CSSR geißelte Ceaucescu als »schamlose Verletzung der nationalen Unabhängigkeit der tschechoslowakischen Republik«. Voriges Jahr forderte er Moskau heraus: Er bereitete dem chinesischen Regierungs- und Parteichef Hua in Bukarest einen triumphalen Empfang.

Auf dem Gipfeltreffen der Warschauer-Pakt-Staaten im vorigen November in Moskau kam es dann beinahe schon zum Bruch: Die Sowjets verlangten. daß der Warschauer Pakt die ägyptisch-israelischen Friedensverhandlungen geschlossen verurteilt -- doch Ceaucescu unterschrieb die Resolution nicht.

Der Kreml forderte seine Verbündeten auf, ihre Militärausgaben zu steigern -- Rumänien lehnte ab und erhöhte das Kindergeld auf Kosten des Rüstungsetats.

Sowjet-Marschall Kulikow, Oberkommandierender der Warschauer-Pakt-Truppen, verlangte uneinge-* im August 1978 in Bukarest.

schränkte Befehlsgewalt über die Ostblock-Armeen. Ceaucescu: »Wir werden niemals zulassen, daß eine rumänische Einheit oder ein rumänischer Soldat Befehle von außen erhält.«

Schließlich wollte Moskau die Bruderländer verpflichten, der Sowjet-Union im Falle eines Krieges mit China militärisch zu helfen. Ceaucescu: Bukarest stehe nur »bei einer imperialistischen Aggression in Europa« zu seinen Pakt-Pflichten.

Der Kreml revanchierte sich: Als die trotzigen Balkan-Genossen am 1. Dezember 1978 den 60. Jahrestag der Schaffung eines »einheitlichen Nationalstaates« feierten, schickte Breschnew kein Glückwunschtelegramm. Chinas Hua dagegen wünschte den Rumänen alles Gute.

Ceaucescu dankt es ihm: Anfang dieses Jahres weigerte er sich, Pekings »Strafaktion« gegen Vietnam einseitig zu verurteilen, und forderte statt dessen die »Wiederherstellung der Souveränität« aller Staaten in Südostasien, also auch den vietnamesischen Rückzug aus Kambodscha.

Der eigenwillige Rumäne konnte sich solche Alleingänge leisten, weil seit 1958 keine sowjetische Garnison im Land steht und Bukarest seit 1962 auch keine Manövertruppen des Warschauer Paktes mehr nach Rumänien hereinläßt. Straflos lockert Ceaucescu Schritt für Schritt die Bindungen an den Ostblock und nähert sich dem Westen an.

Obwohl der Comecon von seinen Mitgliedern verlangt, zwei Drittel ihres Außenhandels untereinander abzuwickeln, ist der rumänische Handel mit den Bruderstaaten auf 37 Prozent abgesunken. So kaufte Rumänien etwa seine vier Atom-Reaktoren nicht in der Sowjet-Union, sondern in Kanada. Die sowjetischen Anlagen waren den Rumänen zu unsicher.

Als erstes Ostblock-Land nahm Rumänien direkte Verhandlungen mit der EG auf. Damit durchbrach Bukarest die Comecon-Richtlinie, wonach erst ein Abkommen zwischen den beiden Wirtschaftsgemeinschaften unterschrieben sein muß, ehe die einzelnen Länder mit der EG verhandeln dürfen.

Auch Bukarest wünscht so ein Rahmenabkommen, doch soll es nicht das Recht der sozialistischen Staaten einschränken, mit der EG und ihren Mitgliedsländern direkt Verträge zu schließen.

Vor allem aber schlägt Rumänien den sowjetischen Wunsch ab, die gesamte Comecon-Wirtschaft von Moskau aus zentral zu planen. »Während der letzten Jahre«, rügte das Bukarester Parteiorgan »Scinteia« Moskaus Absichten, »sind falsche Standpunkte aufgetaucht, welche die souveräne Leitung der Wirtschaft durch die Partei jedes Landes erschüttern.«

Bis dahin hatten sich die Rumänen immer nur verteidigt. Mit dem Benzin-Beschluß jedoch ging Bukarest erstmals zur Offensive über, ohne sich direkt mit Moskau anzulegen.

Denn der Treibstoff-Krieg auf dem Balkan trifft die UdSSR nicht: Nur wenige Sowjet-Bürger machen Urlaub im Ausland, kaum einer fährt mit dem Wagen nach Rumänien.

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