»Offenbarung eines Komplotts« - DER SPIEGEL
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»Offenbarung eines Komplotts«

Die Barschel-Desinformation in »Welt« und »Bild« geht weiter *
• aus DER SPIEGEL 46/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kieler Aufklärungshilfe zur Barschel-Affäre kam den Redaktionen von »Bild« und »Welt« erkennbar ungelegen. Über die Dokumentation des CDU-Landtagsabgeordneten Trutz Graf Kerssenbrock, der Mitte letzter Woche eine Fülle von Belegen und Indizien für die Verstrickungen des früheren CDU-Ministerpräsidenten aufgelistet hatte, berichteten die beiden Leitblätter des Axel Springer Verlags nur höchst wortkarg.

Die »Bild«-Zeitung tat das 19-Seiten-Papier mit 19 Zeilen ab. Ersichtlich geht es im Haus Springer darum, doch noch die wahren Schuldigen zu entlarven, die für maßgebliche Springer-Journalisten seit langem feststehen: die Linken, die Sozialdemokraten.

Die guten Vorsätze Kerssenbrocks, der seinen Auftrag als Fraktionsobmann im Kieler Untersuchungsausschuß nicht als »Frage der Solidarität, sondern der Fakten« gesehen hatte, nahmen sich in solcher Sicht befremdlich aus. Vertraut dagegen klang das Motto, es komme auf die »Offenbarung eines lang angelegten Komplotts« an, in das »die SPD hauptamtlich verwickelt ist« - wie es CDU-Generalsekretär Heiner Geißler Mitte Oktober in Springers »Bild am Sonntag« ausgegeben hatte.

Diese Vorgabe wurde von mehreren Springer-Zeitungen, voran »Welt«, »Bild« und »Bild am Sonntag«, so vorbildlich verarbeitet, daß - nach geläufigem Muster - auf ihre Propaganda auch die eigenen Top-Leute hereinfielen. So wertete Peter Tamm, der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, eine briefliche Anfrage des SPD-Präsidiumsmitglieds Peter Glotz nach Fragwürdigkeiten bei der Überlassung des Springer-Angestellten Reiner Pfeiffer an Barschel als »Entlastungsangriff« einer Partei, »die sich in Bedrängnis weiß«. Denn, so Tamm Ende Oktober in seinem Antwortbrief an Glotz: _____« Wenn ich heute die überraschende Aussage Ihres » _____« Fraktionsvorsitzenden Dr. Jochen Vogel in der »Welt« » _____« lese, stellt sich mir die Frage, ob nicht die SPD der » _____« Öffentlichkeit eine vollständige Aufklärung ihrer eigenen » _____« Rolle schuldet; denn immerhin hat Dr. Vogel erst jetzt » _____« eingeräumt, daß er bereits am 8. September von der » _____« Bespitzelung seines Parteifreundes Engholm wußte. »

Das Rätsel um Vogels geheimnisvolles Wissen am 8. September hätte sich leicht klären lassen, in der »Welt« war es sogar beiläufig erwähnt: Einen Tag zuvor, sechs Tage vor der schleswig-holsteinischen Landtagswahl, hatte der SPIEGEL erstmals über die »Observierung des Oppositionsführers« und die anonyme Steueranzeige gegen Björn Engholm berichtet.

Vogel fühlte sich bemüßigt, bei seinen Parteifreunden in Kiel nachzufragen. Die Herren des Springer-Konzerns aber ließ der Skandal kalt - jedenfalls so lange, bis plötzlich der Vollstrecker der vom SPIEGEL gemeldeten »dirty tricks« sich selbst und seinen Ministerpräsidenten öffentlich beschuldigte: der ausgeliehene Springer-Angestellte Reiner Pfeiffer.

Da empörten sich die aufgescheuchten Springer-Blätter - nicht über die Engholm-Verfolgung, sondern über deren Aufdeckung: »Was hat der SPIEGEL mit Barschel gemacht, was hat die SPD im Kontakt zu Pfeiffer mit Barschel gemacht...«, fragte die »Welt«. Die Hausstrategie stand schnell fest: »Im Bermuda-Dreieck zwischen Staatskanzlei, SPD und SPIEGEL ging Barschel unter«, schrieb der stellvertretende »Bild«-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje Mitte Oktober in einem gleichgesinnten Branchendienst.

Pfeiffers Stellenwert bei Springer wurde heruntergespielt. Für ein Zeitungsprojekt sei er nur »einer von 35« gewesen, argumentierte der Bonner »Bild«-Chef Wolfgang Kenntemich. In Wahrheit sollte Pfeiffer der Politik-Chef der neuen Zeitung werden.

Als das Projekt abgeblasen wurde, erwog Springer-Direktor Gerd Rattmann Pfeiffers Engagement als Politik-Chef bei »Bild«, bevor sich der Redakteur für den Wahlkampf-Abstecher in Barschels Kieler Staatskanzlei entschied. Was an journalistischen Karrieren bei Springer möglich ist, läßt der unglaubliche Umstand ahnen, daß die Berufung eines Reiner Pfeiffer zum politischen

Chef bei Westeuropas größter Tageszeitung ("Bild«-Auflage: 5,1 Millionen) immerhin für denkbar gehalten wurde.

Doch auch Pfeiffers weiterer Weg nun im Dienste Barschels, blieb bei Springer nicht, wie »Welt«-Kommentator Enno von Loewenstern in einer Fernsehdiskussion glauben machen wollte, verborgen. Unaufgefordert schickte der Barschel-Helfer nach Hamburg Erfolgsberichte über die »Demontage des Oppositionsführers«, von denen Rattmann hinterher sagte, sie hätten ihn »angeekelt«. Doch zu Warnungen, Maßnahmen oder Konsequenzen konnte sich der frühere »Bild«-Ressortleiter Rattmann nicht aufraffen.

Unter Ladehemmung litt auch der stellvertretende »Bild«-Chefredakteur Gerhard Mumme, dem Pfeiffer, mit einem schriftlichen Hinweis ("weitere Informationen hat H. Pfeiffer, Landesregierung Kiel"), Unterlagen über seine ekelhafteste Aktion zukommen ließ: die Verdächtigung, daß Engholm Aidskrank sei.

Statt als Journalisten dem anstößigen Treiben des Barschel-Mitarbeiters nachzugehen, prüften die »Bild«-Leute den Fall im Sinne rechter Propagandaexperten: Das Rufmord-Material gegen SPD-Engholm war ihnen »zu dünn«; deshalb verwerteten sie es nicht. Den Skandal in der Staatskanzlei aufzugreifen, der dick genug für einen Presse-Scoop gewesen wäre, kam ihnen gar nicht in den Sinn.

Der Vorgang spiegelt die enge Verbundenheit gleichgesinnter Unions- und Springer-Leute auf höchster Ebene, etwa zwischen Vorstandschef Tamm und Kanzler Helmut Kohl. Als Uwe Barschel einen Pressemitarbeiter für das Wahljahr 1987 suchte, setzte er sich wie selbstverständlich mit Tamm zusammen. Den dann von Rattmann empfohlenen Kollegen Pfeiffer (Springer-Monatsgehalt: 9000 Mark) akzeptierte Barschels Staatssekretär Gerd Behnke fast unbesehen. Denn eine Springer-Empfehlung, so Behnke vor dem Kieler Untersuchungsausschuß, sei für ihn »soviel wert wie zehn Referenzen« gewesen.

Daß vielen Springer-Redakteuren bei soviel gutem Einvernehmen wenig an der Wahrheit über den hauskonformen Pfeiffer und den Hausfreund Barschel gelegen ist, leuchtet ein. Pfeiffers einziger Verstoß gegen die Konzernsitten war schließlich sein Absprung bei Barschel - da griff »Bild« ein Wort des Barschel-Anwalts Erich Samson in einer Schlagzeile auf: »Ratte«.

Wie weit die Verdrängungswünsche im Pressekonzern gehen, ließ vor gut zwei Wochen ein Leitartikel von »Welt«-Chefredakteur Manfred Schell erkennen. Als »besonders schäbig« tadelte Schell den Kieler Finanzminister Roger Asmussen, der über falsche Barschel-Angaben zur anonymen Steueranzeige gegen Engholm »vor dem Untersuchungsausschuß ausgepackt« habe, statt

sich mit Barschel ins Benehmen zu setzen.

Bisweilen gelang die Verdrängung auch typographisch. »Polizei irrte sich«, meldete »Bild« Ende Oktober zum Wanzen-Fall in einer 23 Millimeter hohen Überschrift: »Barschel entlastet«. Als sich die »Bild«-These dann als falsch erwies und feststand, daß Barschel entgegen seiner Aussage am 8. September von seinem Autotelephon mit Pfeiffer gesprochen hatte, korrigierte »Bild« sich zwei Millimeter hoch, versteckt im Text: »Barschel doch belastet«.

Die Berichterstattung blieb merkwürdig, aber konsequent - immer auf der gleichen Linie. Anfang letzter Woche orakelte »Welt«-Chef Schell in einem Kommentar auf Seite eins: Der Kieler SPD-Sprecher Klaus Nilius habe dem Genossen Engholm schon im Februar geraten, »öfter in den Rückspiegel« zu sehen - was Schell mit möglichen frühen »Verbindungen« zwischen Pfeiffer und Nilius in Zusammenhang brachte.

Im SPIEGEL hätte Schell schon vor zwei Monaten lesen können, daß der Februar-Tip für Engholm, zu prüfen, »ob immer jemand hinter ihm herfährt«, nicht heimlich von Pfeiffer gekommen war, sondern dienstlich von einer - namentlich bekannten - Beamtin der Sicherheitsbehörden. Denen waren die Engholm-Beschatter aufgefallen, so daß terroristische Umtriebe zunächst nicht ausgeschlossen wurden.

Bei Berücksichtigung dieser Umstände hätte sich für Kommentator Schell die an den Vorgang geknüpfte Wiederholung der unbeirrbaren »Welt«-Spekulation verboten, »daß das Komplott nicht gegen Engholm, sondern gegen Barschel inszeniert worden sein könnte«.

Davon ließ sich Loewenstern, seit letzter Woche stellvertretender »Welt«-Chefredakteur, auch nicht abbringen, als Kerssenbrock seinen »Zwischenbericht aus dem Untersuchungsausschuß« herausgab - offenbar in der Absicht, den ständigen öffentlichen Desinformationen entgegenzuwirken. Sprachlich falsch, aber unverfroren kommentierte Loewenstern dazu: _____« Aber natürlich sprechen erdrückend viele Indizien » _____« massiv gegen eine Schuld Barschels und dafür, daß » _____« jedenfalls der SPD-Sprecher Nilius, der nach eigenem » _____« Eingeständnis seit Juli mit Pfeiffer kungelte und nach » _____« Engholms Angaben («... hat Herr Nilius sich etwa so zu » _____« mir geäußert, daß wir mal öfter in den Rückspiegel sehen » _____« sollten") offenbar schon im Februar mit ihm gekungelt » _____« hat. »

Als rühmliche Ausnahme im Springer-Konzern ließ das »Hamburger Abendblatt« die Kriterien eines soliden bürgerlichen Journalismus nicht vermissen. Am Freitag letzter Woche kritisierte es Erich Samson, den Anwalt der Barschel-Familie, dessen Komplott-Thesen die Schwesterblätter kritiklos aufgegriffen hatten. Der Professor konstruiere fleißig, so das »Abendblatt«, »Zusammenhänge, die nur auf seinem Papier, nicht aber angesichts der Tatsachen Bestand hatten«.

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