RUMÄNIEN Offene Aussprache
Das Leben hat bewiesen«, so schwärmte Polens Vizepremier Jagielski auf der Ostblock-Wirtschaftskonferenz Ende Juni in Moskau, »daß die Einheit, Geschlossenheit und Solidarität unserer Gesellschaften die beste Garantie für unseren Vormarsch sind.«
Vorigen Mittwoch geriet dieser Vormarsch jäh ins Stocken: Rund 100 000 Block-Bürgern war sogar der Rückmarsch in ihre Vaterländer verlegt -- sie blieben an der rumänischen Grenze hängen. Manche mußten tage- und nächtelang ohne Proviant in ihren Autos kampieren. alle ohne Benzin.
Denn die rumänischen Tankstellen hielten sich strikt an eine am 1. August in Kraft getretene Verordnung, daß Kraftstoff an Ausländer, auch an solche aus dem Osten Europas, nur noch gegen Gutscheine abzugeben sei, die mit West-Devisen erworben wurden.
Für Rumänien-Besucher aus Westeuropa war das nie anders. Der Restriktion fielen allein Touristen aus Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei und der DDR zum Opfer, die ihren Urlaub an der rumänischen Schwarzmeerküste oder nach Durchreise durch den Ceausescu-Staat in Bulgarien verbringen wollten oder schon verbracht hatten.
Daß Ostblock-Reisenden im Ostblock-Ausland kostbare Konsumgüter versagt werden, weil man sie nur gegen harte Devisen aus dem sonst so verteufelten Westen erwerben kann, sind sie gewöhnt: DDR-Touristen dürfen das -nach kommunistischen Begriffen
Schlaraffenland eines sowjetischen »Berjoska«-Ladens nur besichtigen, weil ihre Ost-Mark dort keine Kopeke wert ist. Selbst am Büfett ihres eigenen Flughafens Schönefeld gilt nur die Mark der Deutschen Bundesbank, und zur Messe werden in Leipzig ganze Restaurants für Devisenzahler reserviert.
All diese schönen Dinge des Lebens sind so lebensnotwendig nicht. Ohne Treibstoff jedoch gibt es keine Heimkehr vom Balkan mehr. Hereingelassen nach Rumänien wurde nur noch, wer einen vollen Tank und (bei Transit) 14 Dollar vorwies -- vorigen Donnerstag waren das zwei Ost-Wagen. Folge: Tausende stillgelegter Kraftfahrzeuge verstopften die Straßen im rumanischen Grenzgebiet. Zollbeamte zapften Ausreisenden den Sprit bis auf zehn Liter aus dem Tank.
Emissäre der jeweiligen Botschaft im nahen Budapest eilten zu den Grenzübergängen und beschworen ihre Landsleute umzukehren. Ungarische Funktionäre erschienen mit Aktentaschen voller Dollarscheinen, die sie großzügig an ungarische Staatsbürger verteilten. Nothilfe-Organisationen brachten Lebensmittel und Medikamente,
Wie sonst nur unmittelbar vor Sowjet-Interventionen, tauschten kommunistische Bruderstaaten harsche Protestnoten aus. SED-Organ »Neues Deutschland« riet DDR-Touristen, nicht mehr per Auto durch Rumänien zu fahren, Warschau riet überhaupt von einer Reise dorthin ab, Prag leitete seine Bürger nach Jugoslawien um.
Zögernd begannen die Rumänen am Freitag, wieder rumänisches Geld anzunehmen -- doch nur bis Freitag dieser Woche. Dann gilt für jeden ausländischen Benzinkäufer unnachsichtig die Währung aus dem Westen. Die Schuld schob Bukarest den Bruderstaaten zu, die ihre Reisenden ungenügend vorbereitet, sprich: nicht mit harten Devisen ausgestattet hätten.
Den Boykott der Brüder leistet sich Rumänien, weil es als einziger Ostblock-Staat vom Erdöllieferanten UdSSR nicht versorgt wird: Es fördert selbst den raren Stoff. 13,7 Millionen Tonnen im vorigen Jahr. Nur reicht das nicht -- verbraucht wurden 16,4 Millionen für den eigenen Bedarf, weitere zehn Millionen braucht Rumäniens petrochemische Industrie für devisenträchtige Exportproduktion.
Die Differenz muß Bukarest zu steigenden Preisen im Nahen Osten dazukaufen, wobei 5,5 Millionen in Persien georderte Tonnen ausgefallen sind. Aus der UdSSR kommt so gut wie nichts, und wenn, dann nur gegen Westgeld. Zudem ist Rumäniens eigene Ölförderung um sechs Prozent gesunken -- alle bekannten Lagerstätten mit insgesamt 210 Millionen Tonnen sind in spätestens 15 Jahren erschöpft.
Die ernste Lage zwang die Regierung zu drastischen Sparmaßnahmen. Der Benzinpreis wurde verdoppelt, Super stieg auf 1,28 Mark. Privatautos dürfen nur noch an jedem zweiten Wochenende benutzt werden, Dienstwagen sonntags nie. Die Zahl der zugelassenen Taxis wird halbiert.
So mochte der selbstbewußte Rumänen-Führer Ceausescu auch nicht mehr seinen devisenwerten Treibstoff an Bürger jener Länder abgeben, die ihr eigenes Öl (gegen unkonvertierbare Transfer-Rubel) aus Rußland beziehen. Am 9. Juni forderte sein Parteiorgan »Scinteia« die UdSSR auf, mehr Öl an Blockstaaten zu liefern, die nicht genug haben -- also auch an Rumänien.
Vorigen Mittwoch, als der Benzin-Boykott losbrach, flog Ceausescu zu Sowjet-Chef Breschnew, der sich auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres, in Simferopol. erholte, und trug ihm seine Vorstellungen von »wirtschaftlicher Zusammenarbeit« vor während Breschnew auf seiner Doktrin einer »weiteren Stärkung« des Blocks beharrte. Die Aussprache war »offen«, das heißt kontrovers. Noch selben Tags reiste Ceausescu wieder ab.
Das polnische Parteiorgan »Trybuna Ludu« feierte den Rumänen auf Seite eins, weil Breschnew ihm den Lenin-Orden aushändigte (den er Ceausescu allerdings schon voriges Jahr zu dessen 60. Geburtstag verliehen hatte).
Auf Seite drei derselben Ausgabe beschuldigte »Trybuna Ludu« die rumänischen Genossen eines beispiellosen »Vertragsbruchs«.