Offene Hand - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 65

DDR-ANERKENNUNG Offene Hand

• aus DER SPIEGEL 29/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bonns Koalition fand den Fall, wie Regierungssprecher Ahlers erläuterte, »bedauerlich«. Außenminister Willy Brandt war angewidert und sprach von »ekelhaftem Antisemitismus«. Kanzler Kiesinger gestand die Schlappe ein: »Diese Entwicklung Im Nahen Osten war seit geraumer Zeit abzusehen.«

Die Entwicklung, die mit der Anerkennung der DDR durch Nassers Ägypten letzte Woche noch nicht beendet ist, hatte am 30. April begonnen. Damals proklamierte der »Revolutionäre Kommandorat« der Republik Irak als erste Regierung eines nichtkommunistischen Staates die volle diplomatische Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik. DDR-Außenminister Otto Winzer, 67, reiste nach Bagdad, bedankte sich mit dem »Ausdruck tiefer Genugtuung« und prophezeite: »Weitere Staaten werden diesem Beispiel folgen.«

Und es folgten

* am 8. Mai das Königreich Kambodscha,

* am 27. Mai die Demokratische Republik Sudan,

* am 5. Juni die Syrische Arabische Republik,

* am 30. Juni die Volksrepublik Südjemen.

Die SED jubelte: »Internationale Autorität der DDR weiter gefestigt« ("Neues Deutschland"). Zumindest wurde international geläufig, daß die Waffen stumpf geworden sind, mit denen die Bonner Republik bald 20 Jahre lang ihren Alleinvertretungsanspruch gegen die Ansprüche der DDR auf internationale Anerkennung verteidigt hat.

Was die Araber vor allem wollen, ist Militärhilfe für den Revanche-Krieg gegen Israel -- und die ist in Bonn nicht zu haben, sondern allein bei den DDR-Freunden in Moskau. Und womit die Bundesrepublik den Regierungen Südjemens und Kambodschas hätte drohen können, war weder für die Volksrepublik noch für das Königreich bedrohlich: Abbruch der diplomatischen Beziehungen, die nach der Bonner Hallstein-Doktrin all jene Länder treffen soll, die Ostdeutschland als Staat anerkennen.

Längst ist Adenauers Vergeltungsstaatskunst im Nahen wie im Fernen Osten unglaubwürdig geworden. Seit seine Bonner Nachfolger im Osten Europas diplomatisches Neuland entdeckten und mit den DDR-Partnern Rumänien und Jugoslawien Botschafter austauschten, gebricht es der Droh-Doktrin an simpler Logik.

Schon 1960 hatte der Außenamtsprofessor Wilhelm Grewe, um dieser von ihm geschätzten Logik willen, vor Ausnahmen von der Hallstein-Regel gewarnt. Denn danach »würde der Bundesrepublik schlechterdings jedes überzeugende Argument fehlen, um Kairo, Neu-Delhi und Djakarta zu verwehren ... diplomatische Beziehungen mit zwei deutschen Staaten zu unterhalten«.

Kambodscha wie Südjemen entgingen denn auch der Hallstein-Konsequenz. Die Bundesregierung, nur noch bedingt abwehrbereit, rief lediglich ihre Botschafter heim und ließ die Beziehungen »einfrieren« -- so die Verlegenheitsvokabel« die Bonn anstelle der überkommenen Hallstein-Doktrin setzte.

Bei den restlichen Ländern auf der Anerkennungsliste aber versprach nicht einmal diese Tiefkühl-Therapie Erfolg: Dort gibt es nichts mehr einzufrieren, seit diese Staaten als Reaktion auf Bonns Botschafteraustausch mit Israel ihrerseits der Bundesrepublik die Freundschaft kündigten.

Spätestens seit dieser Zeit witterten Ulbrichts Außenpolitiker ihre Chance, aus dem Hallstein-Getto auszubrechen. Sie schickten Schauspieler und Sportler, Mediziner und Musiker in den Orient. Außenminister Otto Winzer, der emsige, wenngleich kränkelnde Altgenosse aus dem (West-) Berliner Arbeiter-Bezirk Reinickendorf, organisierte als Handlungsgehilfe seiner Partei den Kontaktfahrplan -- wann immer ihm das Politbüro, das allein die Richtlinien der DDR-Außenpolitik bestimmt, Order gab.

Wenn es darum ging, was sich die DDR ihre neuen Freundschaften kosten lassen soll, durfte der Außenminister aus dem »Winzer-Stübchen« am Marx-Engels-Platz (Ost-Berliner Volksmund) allenfalls mitreden. Denn auch in Wirtschaftsfragen hat das letzte Wort die Parteispitze. Via Winzer ließen die Politbürokraten 150 nahöstliche Entwicklungsprojekte finanzieren, und sie gewährten den Arabern langfristige Handeiskredite im Gesamtwert von etwa 300 Millionen Westmark. Zum Vergleich: Bonn zahlte seit 1963 Nassers Ägypten Kapitalhilfe von 230 Millionen Mark, garantierte Ausfallbürgschaften in Höhe von insgesamt 750 Millionen, bot Syrien für den Bau eines Staudamms 350 Millionen und überwies dem Sudan 32 Millionen Mark.

Was die DDR finanziell nicht zu leisten vermochte, ersetzte sie leicht durch stramme Bekenntnisse zum arabischen Nationalismus und durch Ausfälle gegen Israel. So verlangte Otto Winzer »die Anerkennung aller Rechte des arabischen Volkes von Palästina einschließlich seines legitimen Rechts auf Selbstbestimmung«, mithin die Vertreibung der Juden, und befand, »daß Israel rassistisch, expansionistisch und aggressiv ist«. Und über Radio Damaskus tonte es ostdeutsch: »Tod den Zionisten.«

Den Rest besorgte Moskau: Wann immer Araber diplomatischen und militärischen Beistand gegen Israel begehrten, forderten die sowjetischen Unterhändler Beistand für den deutschen Protegé. Und als die DDR den neuen Freunden dann gar noch Schmerzensgeld für Verluste an westdeutscher Wirtschaftshilfe in Aussicht stellte, empfingen Sudanesen und Jemeniten, Syrer und Iraker und schließlich auch die Ägypter die roten Brüder aus dem Norden mit offenen Armen -- und offener Hand. Der Libanon in Nahost, Mali und Ghana in Schwarzafrika stehen griffbereit.

Die Genossen in Ost-Berlin errechnen unterdessen Ertrag und Aufwand der ersten Anerkennungswelle. Im Außenministerium am Marx-Engels-Platz bucht Hausherr Winzer den Gewinn. Im Finanzministerium an der Leipziger Straße aber muß DDR-Schatzmeister Siegfried Böhm die Spesen addieren.

Die Partei-Zentrale am Werderschen Markt bilanziert: Prestigezuwachs und Bonner Ärger, ließ ein ZK-Funktionär wissen, »kosten uns in den nächsten sechs Jahren überschlägig fünf Milliarden«.

* Mit dem Generaldirektor der Arabischen Liga, Mohammed Abd el-Chalik Hassuna, in Kairo.

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 65