UNGARN / FREMDENVERKEHR Offene Pußta
Die Ungarische Volksrepublik des Aufstand-Liquidators János Kádár plant für 1964, was bisher noch kein anderer kommunistisch regierter Staat zu unternehmen wagte: Die Genossen in Budapest wollen für Urlauber aus dem Westen den Visumzwang abschaffen.
»Ungarn war vor dem Krieg ein berühmtes Reiseland, ebenso berühmt wie Österreich«, umschreibt Dr. János Marton, stellvertretender Leiter des staatlichen ungarischen Reisebüros Ibusz, die Bestrebungen seiner Regierung. »Warum sollte es nicht wieder Reiseland werden?«
Noch verheimlichen freilich Ungarns Staat und Partei ihre Absicht, um der harten Währungen willen eine Aufweichung der roten Doktrinen zu riskieren. Aber schon läßt sich erkennen, wie sich Zentimeter um Zentimeter der Eiserne Vorhang an der österreichisch ungarischen Grenze hebt:
Für die Zeit vom 28. Juni bis 22. Juli öffneten Budapests Grenzer die westungarische Stadt Sopron (Ödenburg) für den Reiseverkehr. Anlaß dieser Überraschungsgeste: die Soproner Kultur-Festwochen.
Jeder Tourist aus dem Westen, der einen gültigen Paß vorweisen konnte, durfte 24 Stunden lang volksdemokratische Luft atmen. Die ungarischen Behörden waren derart am Erfolg dieses Experiments interessiert, daß sie sogar ihre »Schwarzen Listen« unberührt ließen. Niemand wurde zurückgewiesen.
So gelang der Versuch über Erwarten: Mehr als 30 000 Besitzer westlichen Hartgeldes schlüpften über drei Wochen lang durch das Loch im Eisernen Vorhang und bescherten den Odenburgern ein temporäres Wirtschaftswunder.
Die Touristen-Tage von Odenburg waren als Generalprobe eines auf lange Sicht berechneten Unternehmens gedacht, das den chronisch leeren Devisensäckel Ungarns füllen und den Pußta -Staat zum Musterreiseland des Ostblocks machen soll.
»Die traurige Lage der Hotellerie setzt jedoch unserem Fremdenverkehr Grenzen«, notierte das Budapester Gewerkschaftsblatt »Népszava«, und Géza Lézár, Leiter der Abteilung Gastgewerbe im Ministerium für Inlandshandel, sekundierte trübe: »Leider haben wir noch große Sorgen.«
Die Budapester Regierung beschloß deshalb, die ungarische Fremdenverkehrsindustrie bis zum Herbst 1964 zu modernisieren. Schon wurde Ausländern erlaubt, am Plattensee, dem Hauptanziehungspunkt des ungarischen Fremdenverkehrs, gegen harte Devisen eigene Grundstücke zu Preisen zu erwerben, die nach westlichem Maßstab höchst verlockend sind.
Fast gleichzeitig richteten die Ungarn eine neue, schnelle Schiffsverbindung Wien - Budapest ein. Mit dem Tragflächenboot »Sirály« (Möwe) kann man seither im 60-Kilometer-Tempo donauabwärts in viereinhalb Stunden die ungarische Metropole erreichen.
Die Budapester Tourist-Pläne sehen außerdem vor:
- Die Betten-Kapazität der Budapester Hotels soll bis Herbst 1964 von 3000 auf 4200 gesteigert werden,
- die Zahl der Campingplätze wird
von 11 auf 30 erhöht,
- zwei Autobahnen - eine vom Grenzort Hegyeshalom über Tata nach Budapest und eine von Sopron zum Plattensee - werden gebaut,
- die Pußtagebiete Hortobágy bei Debrecen und Bugag bei Kecskemét sollen als Touristen-Alternativen zum Plattensee großzügig ausgebaut werden.
Um aber an die begehrten Westdevisen heranzukommen, müssen Ungarns Funktionäre noch ein Dilemma lösen: Von den 463 000 Ausländern, die Ungarn im vergangenen Jahr besuchten, waren über zwei Drittel Gäste aus dem Osten. Touristik-Planer Dr. Marton strebt jetzt »ein ausgeglichenes Verhältnis der Besucherzahlen aus Ost und West an«.
Bislang weiß er freilich noch nicht, wie es Ungarn gelingen soll, die volksdemokratischen Freunde auszusperren, um für die kapitalistischen Urlauber Platz zu schaffen.