DDR Offene Worte
Der DDR-Bürger Holger M., 25, sagt es ungewohnt direkt: »Wenn ich so am Bahnhof Friedrichstraße den Einreiseverkehr sehe und unsere Berliner Nachtbars im Zentrum, dann meine ich, sind wir keineswegs sicherer als andere.«
Niels Sönnichsen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten an der Ost-Berliner Charite und Vorsitzender der Aids-Beratergruppe beim DDR-Gesundheitsministerium, sieht das genauso, er sagt es nur professoraler: »Die bisher abzusehende weltweite Entwicklung der Aids-Infektion wird in der nächsten Zeit auch in der DDR zu einem Anstieg sowohl der Aids-Infizierten als auch der Aids-Kranken führen.«
Erstmals räumt Sönnichsen öffentlich ein, was bisher in der DDR allenfalls in Fachkreisen zugegeben wurde: daß Aids sich im real existierenden deutschen Sozialismus sowohl durch »sexuelle Kontakte männlicher homosexueller DDR-Bürger mit Infizierten anderer Länder« als auch durch »unterschiedliche Kontakte (nicht nur sexuell) mit infizierten heterosexuellen Bürgern, besonders aus gefährdeten afrikanischen Ländern«, ausbreitet.
Die offenen Worte des jungen Ostdeutschen und des Chef-Experten der DDR für Aids gehören zu einer breiten Kampagne, mit der die Staatspartei SED jetzt das eigene Land überzieht - nach dem Muster der Bonner Aids-Aufklärerin Rita Süssmuth. Noch ist die Situation im SED-Staat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern außerordentlich günstig: Nur vier DDR-Bürger waren nach Sönnichsens Angaben bis zum 8. Dezember an Aids erkrankt, genauso viele wie schon im Juni 1987, die Zahl der Infizierten bezifferte der Haut-Professor im DDR-Fernsehen bis zu diesem Zeitpunkt auf 39 Ostdeutsche, die vier Erkrankten inklusive. Eher beiläufig fügte Sönnichsen an: »Hinzu kommt eine wechselnde Zahl von ausländischen Bürgern.«
Genau die aber sind es, die das Politbüro der SED zu einer spektakulären Kehrtwende bei der Aids-Bekämpfung veranlaßt haben. Am 1. September, wenige Tage vor Erich Honeckers Reise in die Bundesrepublik, verfügte das oberste Gremium der Partei in einem umfänglichen Beschluß, die bisher zögerliche Informationspolitik aufzugeben und statt dessen auf umfassende Aufklärung der DDR-Bevölkerung zu setzen.
Die 22 Herren des Spitzenklubs der ostdeutschen Staatspartei hatten sich überzeugen lassen, daß bei der immer durchlässiger werdenden West-Grenze ihres Staates in beiden Richtungen Aids auch für die DDR eine landesweite Gefahr werden könnte. »Die weltweit derzeit einzige Möglichkeit« dagegen, begründet Renate Baumgarten, Chefärztin der Infektionsklinik am Ost-Berliner Krankenhaus Prenzlauer Berg, die plötzliche Offensive der Offenheit, »besteht in der Aufklärung, auch bei uns«.
Sönnichsen erhielt den Auftrag, alles über Aids in einer Broschüre zusammenzufassen - bis hin zur Anleitung »Wie man ein Kondom richtig benutzt«.
Das 48 Seiten starke Sönnichsen-Werk - Titel: »AIDS - Was muß ich wissen? Wie kann ich mich schützen?« - wurde ein Hit in bereits zweiter Auflage.
Sönnichsen informiert mit medizinischer Gründlichkeit und Akkuratesse;
er erklärt den Begriff Aids, beschreibt Herkunft, Wirkungsweise und Ausbreitung des Virus sowie gefährliche und ungefährliche Sexualpraktiken und erläutert die Maßnahmen, die das DDR-Gesundheitsministerium bisher zum Schutz vor Aids getroffen hat, von der Meldepflicht bis zur medizinischen und psychologischen Hilfe in den inzwischen in allen DDR-Bezirken eingerichteten Konsultationszentren.
Als flankierenden Beitrag zum sachlich-nüchternen Aufklärungsheft aus der Charite machte die populärmedizinische Monatszeitschrift »Deine Gesundheit« Aids zum flotten Titelthema ihrer November-Ausgabe. Auch da ist Glasnost angesagt. In einer »Umfrage« unter DDR-Bürgern kommen sogar ausführlich zwei Homosexuelle mit ihren deprimierenden Erfahrungen zu Wort. »Ich bin sehr allein«, klagt der HIV-negative 27jährige Erwin N., »Homosexualität wird von vielen noch abgestempelt, nicht akzeptiert ... Ich bin ziemlich oft depressiv. Es ist sehr bedrückend für mich, mit niemandem über meine Probleme reden zu können.« Und der 31jährige Tänzer Bernd G. beschreibt seine seelische Verfassung, seit er weiß, daß er mit Aids infiziert ist.
Allerdings, zu der Frage, was außer Reden zu tun sei, ist den Ost-Aufklärern auch nicht mehr eingefallen als ihren Kollegen im Westen: Wie die überzeugte Katholikin Rita Süssmuth empfehlen die überzeugten Einheitssozis »absolute Partnertreue« und Kondome.
Diese bringen sie ihren Bürgern mit preußischer Gründlichkeit nahe. Die detaillierte Anleitung in »Deine Gesundheit« zum rechten Gebrauch der Verhüterli gipfelt in der lapidaren Forderung: »Üben Sie die richtige Handhabung des Kondoms.« Denn viele ihrer Landsleute, hat die Autorin, die Diplom-Kulturwissenschaftlerin Cornelia Fischer, erkannt, wissen im Zeitalter der Pille »nicht mehr, wie man Kondome richtig benutzt«.
Auf Information statt die sonst in der DDR-Gesellschaft allgegenwärtige Geheimniskrämerei setzt die SED bei ihrer Aids-Kampagne sogar bei der heiklen Frage der Meldepflicht. Namentlich erfaßt wird, so geht aus der Sönnichsen-Broschüre und aus dem Aids-Titel in »Deine Gesundheit« hervor, nicht nur der Infizierte selbst. Er muß, ob homo- oder heterosexuell, auch seinen Partner angeben, der dann ebenfalls zu einem Aids-Test gebeten wird. Außerdem verlangen die Gesundheitsbehörden von dem Gemeldeten »bestimmte Einschränkungen« (Chefärztin Renate Baumgarten) in seinem Sexualleben, etwa den Verzicht auf »aggressive Formen des Geschlechtsverkehrs«, sowie den Gebrauch von Kondomen. Und schließlich ist der Aids-Patient verpflichtet, jeden Arzt, der bei ihm einen Eingriff vornimmt, rechtzeitig über seine Infektion aufzuklären. Das gilt auch für seinen Zahnarzt.
Mit dem bayrischen Staatssekretär Peter Gauweiler und seinem Chef Franz Josef Strauß möchten die ostdeutschen Aids-Bekämpfer trotzdem nicht in einen Topf geworfen werden. Die Meldepflicht, verteidigt Frau Baumgarten den staatlichen Zwang, müsse zwar sein, »um die epidemiologische Situation in unserem Land einschätzen zu können«. Sie bedeute aber keineswegs, »jemanden sozial auszuklinken«. Auch Sönnichsen sieht da nach wie vor kein Problem: »Die Meldepflicht ist für den betroffenen Bürger in erster Linie eine hilfreiche Maßnahme.«
Ganz anders beim kapitalistischen Nachbarn. Renate Baumgarten: »Ich habe das bei einem Besuch in Bayern erlebt, wo Leute, als das bekannt wurde, ihre Arbeit, ihre Wohnung und ihre Freunde verloren haben.«
In der DDR, da sei die sozialistische Ethik vor, kann das natürlich nicht passieren. Denn, so die Ost-Berliner Klinik-Chefin, »Arbeitsstelle, Wohnung, da haben wir bei uns eindeutige Gesetze«.
Die haben die Bayern auch.