ÖSTERREICH / NEUTRALITÄT Offenes Haus
Major Franz Cutic, Abwehroffizier des Militärkommandos Tirol in Innsbruck, quittierte die Meldung seines Majors-Kameraden Josef Schuhmacher knapp: »Hör auf mit dem Unsinn, du bist ja geistesschwach!«
Major Schuhmacher hatte eine unerhörte Verletzung der österreichischen Neutralität gemeldet: Auf der Brennerstraße seien zwei britische Panzerspähwagen und mehrere Begleitfahrzeuge auf Innsbruck im Anmarsch.
Noch immer ungläubig, griff Major Cutic zum Telephon. Zuerst fragte er in Innsbruck bei der Polizei und der Zollbehörde nach. Beide Ämter wußten nichts.
Inzwischen waren die Panzerspähwagen KMk 1 und KMk 2 und ihr Troß unbehelligt in die Stadt Solbad Hall gekommen. Zugführer Major Arthur Ernest Simmons und neun Dienstgrade in Uniform nahmen einen Imbiß ein.
Cutic unterrichtete, noch immer ohne Kenntnis der Feind-Position, das Wiener Verteidigungsministerium. Der Abwehrmann bekam das zu hören, was er selbst kurz zuvor Major Schuhmacher versichert hatte: »Sie sind verrückt!«
Der Militär-Treck fuhr unterdessen auf den deutsch-österreichischen Grenzort Kufstein zu, und Major Cutic versuchte sein Glück nun mit einem Anruf bei der österreichischen Zollstation am Brennerpaß.
Die Grenzer endlich wußten etwas: Jawohl, die Briten seien aufgrund eines Geheimerlasses des Wiener Innenministeriums abgefertigt worden.
Als die britischen Fahrzeuge Tirol ganz durchquert und schon die Grenze der Bundesrepublik passiert hatten, kam Cutic des Rätsels Lösung näher.
Er bekam heraus, daß der britische Konvoi tatsächlich eine Fahrterlaubnis des Wiener Innenministeriums besaß, die wiederum im Einvernehmen mit dem Verteidigungsminister ausgestellt worden war. Nur: Das Verteidigungsministerium hatte vergessen, Innsbruck von der schon Anfang Juli erteilten Genehmigung zu unterrichten.
Major Cutic erfuhr schließlich auch, weshalb die Engländer freies Geleit durch das neutrale Österreich begehrt hatten: Die Panzergrenadier-Einheit war über Frankreich nach Italien gefahren, um dort bei den Aufnahmen für einen britischen Rekruten-Werbefilm (Titel: »Das Frettchen") zu posieren. Die Rückreise in ihre deutschen Garnisonen Lemgo und Detmold aber sollte auf dem kürzesten Wege erfolgen - über Tirol.
Die österreichischen Militärbehörden verhängten über die Innsbrucker Sicherheits-Panne eine strikte Nachrichtensperre. Sie wollten vermeiden, daß ihnen die Briten-Durchfahrt in der Öffentlichkeit ebenso als Beweis unzureichender Wachsamkeit angelastet wird wie zuvor schon vier andere Fälle:
- Am 4. August 1961 verfranzte sich ein tschechischer Mig-15-Düsenjäger nach Österreich und wurde erst bemerkt, als der Pilot seine Maschine vor dem Kontrollturm des Flugplatzes Wien-Aspern ausrollen ließ.
- Am 15. August 1961 durchbrach ein gepanzerter tschechischer Acht-Tonnen-Lastwagen mit sieben Flüchtlingen an Bord den Eisernen Vorhang beim österreichischen Grenzort Gmünd. Der Wagen rollte unentdeckt bis nach Wien und wurde erst dort angehalten - wegen eines Verkehrsvergehens. Die Wiener »Presse« spottete damals: »Österreich hält gerne ein offenes Haus.«
- Am 10. September 1964 landete ein tschechisches Sportflugzeug mit zwei Flüchtlingen unbemerkt auf einem Acker in Niederösterreich.
- Am 6. November 1964 tauchte - von der österreichischen Grenz- und Flugsicherung unentdeckt - eine italienische Cessna-Sportmaschine über Innsbruck auf und warf neofaschistische Flugblätter ab.
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aber funktionierte die Geheimhaltung der britischen Brenner-Fahrt nur einen Monat. Mitte November fragte die um Österreichs Neutralität besorgte »Tiroler Tageszeitung« zornig: »Was wird unser Innenminister tun, wenn eines Tages tschechische oder russische Panzer über neutrales Gebiet fahren wollen?«
Tiroler Abwehr-Major Cutic
Nicht gewußt, wo