Oft gestorben - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 73

CHINA / MAO Oft gestorben

• aus DER SPIEGEL 40/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Ein langes, langes Leben in alle Ewigkeit« wünschten vor drei Jahren eineinhalb Millionen jubelnde Rotgardisten auf dem Pekinger »Platz des himmlischen Friedens« ihrem greisen Polit-Gott Mao Tse-tung, »der rötesten der roten Sonnen

In der vergangenen Woche sah das amerikanische Nachrichten-Magazin »Time« die Sonne untergehen.

Der chinesische KP-Chef Mao, 75, hat -- so kabelte Jerrold Schecter für »Time« aus Moskau -- »nach kommunistischen Quellen am 2. September einen Schlaganfall erlitten«. Sein Zustand »schwanke zwischen Koma und Bewußtsein, nur der massive Einsatz der Ärzte halte ihn noch am Leben«.

Das US-Magazin ergänzte den tristen Bericht durch zusätzliche Moskau-Informationen, die als Indizien-Beweis für die Glaubwürdigkeit des Reports dienen sollten. So sei der chinesische Premier Tschou En-lai nicht wegen der gleichfalls anrückenden Sowjets, sondern wegen Maos Gesundheitskrise schon vorzeitig von der Trauerfeier für Vietnams verstorbenen Ho Tschi-minh aus Hanoi heimgekehrt.

Die New Yorker »Time«-Redaktion will außerdem wissen, daß nicht allein Tschou, sondern drei Interregnum-Chinesen den sowjetischen Premier Kossygin bei seinem Besuch in Peking empfangen habe.

Neben Tschou werden als Kossygins Gastgeber der vom Parteitag designierte Mao-Stellvertreter Lin Piao sowie der Chefstratege der Kulturrevolution und Nummer vier im Pekinger Politbüro, Tschen Po-ta, genannt. Angeblich sind alle drei im Machtkampf um die Nachfolge der dämmernden Mao-Sonne miteinander zerstritten.

Schon eine Woche vor dem Magazin hatte »New York Times«-Korrespondent Bernard Gwertzman in Moskau umlaufende Gerüchte über einen bereits verstorbenen Mao registriert. Die Hongkonger Zeitung »Ming Pao« sprach von Machtkämpfen nach schwerer Erkrankung des KP-Chefs, der an der Parkinsonschen Krankheit leide.

Für professionelle China-Beobachter lag der Chef revolutionär nicht zum erstenmal auf dem Totenbett. Seit Jahren lancieren Maos Gegner und fremde Geheimdienste Spekulationen über Krankheit und Tod des »Großen Steuermanns«. Und die China-Exegeten der Weltpresse verarbeiten den Stoff.

Maos oft monatelanges Untertauchen im gelben Riesenreich und sein gelegentliches Dauer-Schweigen belebten die Gerüchte. Sechsmal wurde Mao bisher totgesagt, nicht weniger oft als todkranker Mann geschildert: > Ende 1935, im Bürgerkrieg, meldeten alle Zeitungen Chinas: »Der rote Bandit Nummer Eins ist gestorben.« In Wahrheit hatte der Partisanen-Stratege seine noch schwache Rote Armee durch den »Langen Marsch« nach dem Norden aus der drohenden Umzingelung durch Kuomintang-Truppen in Sicherheit gebracht.

* Als Mao Anfang 1959 den Posten des Staatspräsidenten an Liu Schao-tschi abgeben mußte und sich schweigend zurückzog, erklärten ihn amerikanische und französische Kommentatoren als »wahrscheinlich liquidiert«.

* Für sechs Monate verschwand der KP-Chef im Herbst 1965 erneut aus der Öffentlichkeit und bereitete seine Rückkehr zur Macht mit Hilfe der Kulturrevolution vor. Die Hongkong-Zeitung »Star« notierte im Mal 1966, er sei »im Badeort Hangtschou verstorben«, Konkurrenz-Blätter entdeckten Ihn mit »schwerem Herzfehler« auf dem Krankenlager im Kurort Luschan.

* Die Hongkong-Zeitung »New Life Evening Post« mutmaßte 1966, der KP-Chef leide an Kehlkopf krebs.

* Kanton-Reisende berichteten Im Januar 1967, Tausende von Rotgardisten hätten in den Straßen der Stadt mit Lautsprecher-Wagen das Ableben Maos dementiert.

* Der deutsche Internist Dr. Erik Bonde-Lee, der seit 30 Jahren in China praktizierte, behauptete im FrÜhjahr 1967, Mao leide an Gehirnverkalkung; der Berliner Sinologe Domes wollte Sprachlähmungen nach einem Schlaganfall festgestellt haben.

* Der britische China-Experte Austin Coates hielt ihn auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution im Sommer 1967 für tot oder schwerkrank. Bei Auftritten vor den Massen vertrete ihn schweigend ein Double, das aber den Hunan-Akzent Maos nicht nachahmen könne.

* Im Januar 1969 sah ihn der Hongkonger »Star« erneut in Hangtschou auf dem Krankenlager, dementierte gleichzeitig Gerüchte über Maos Tod und stellte ein 14 Mann starkes Kollektiv als Nachfolger vor.

Der seit den Höhlen-Jahren von Yenan von der Gicht geplagte Chinesen-Führer hatte es nie übermäßig eilig, die verfrühten Nachrufe durch sein Wiederauftauchen zu dementieren. Mit Gespür für theatralische Wirkung wählte er dazu mit Vorliebe großartige Auftritte wie Regierungsempfänge und Opern-Premieren.

Im Juli 1966, kurz vor Ausbruch der Kulturrevolution, schwamm der Totgesagte gar vor 5000 Einwohnern der Stadt Wuhan angeblich in 85 Minuten 15 Kilometer quer durch den Jangste-Fluß -- selbst für Weltrekordler eine Fabelzelt.

Auch 1969 wünscht der seit 19. Mai für die Welt verschollene Mao zur Rückkehr ins öffentliche Leben die große Kulisse. Der aus Moskau sterbenskrank gemeldete Rivale wird, so Radio Sinkiang am vorigen Mittwoch, in der kommenden Woche an den Pekinger Feiern zum 20. Jahrestag der siegreichen Revolution teilnehmen. Langlebigkeit ist nach altem chinesischen Mythos ein Vorrecht der »Söhne des Himmels«; nur die vollkommenen Herrscher, wie die Kaiser Schun, Yao, Wen und der große Yü, wurden nach den Legende hundert Jahre alt.

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 73

Mehr lesen über