Oft hungrig - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 34 / 50

PAZIFIK / BIKINI Oft hungrig

• aus DER SPIEGEL 53/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwölf Jahre lang probten die Besatzer Weltuntergang, jetzt wollen die Besitzer in ihre Heimat zurück: auf die Pazifik-Inseln Bikini und Eniwetok.

Am 6. Juli 1946 warf ein amerikanisches Militärflugzeug über der Lagune des Bikini-Atolls im US-Mandatsgebiet der Marshall-Inseln eine Versuchs-Atombombe ah. Von 73 ausgedienten japanischen und amerikanischen Schiffen -- darunter der frühere deutsche schwere Kreuzer »Prinz Eugen« -- sanken fünf, 54 hatten Schlagseite. Bikini brannte und wurde von radioaktiven Niederschlägen verseucht.

59 Atom- und Wasserstoffbomben explodierten zwischen 1946 und 1958 über Bikini und dem Nachbaratoll Eniwetok. Die Sprengkraft der Bomben war größer als die sämtlicher konventioneller Bomben in allen vorhergegangenen Kriegen. Sie fielen auf ein Eiland, das nur wenige Quadratkilometer groß ist -- so klein, daß der kleine Badedrell für Damen seither »Bikini« heißt. In diesem Jahrhundert, so schätzten Biologen und Physiker, werde kein Mensch die verseuchten Inseln wieder betreten können.

Anfang 1946 hatten amerikanische Militärs die Bikini-Insulaner aufs Kill-Atoll, die Eniwetok-Eingeborenen auf die Insel Ujelang verfrachtet. Auf ihren Gast-Inseln litten die Vertriebenen Not. »Wir sind oft hungrig«, klagte Insulaner Naptali, einer der etwa 300 Ex-Eniwetoker. Ujelang ist fast zehnmal kleiner als Eniwetok, die Lagune hat nur ein Sechzehntel der Fischgründe von Eniwetok. Die amerikanische Abfindung (32 Mark pro Mann und Jahr) reicht nicht zum Leben.

fm Herbst dieses Jahres stürmten die Zwangsaussiedler ein Regierungsschiff. Dwight Heine, Distrikt-Kommissar und Nachfahre der früheren deutschen Kolonialherren -- die Marshall-Inseln waren bis 1914 deutsche Kolonie -- ließ Waren für 32 000 Mark ranschaffen und löste damit das Regierungsboot aus.

Schlimmer noch geht es den 277 Bikini-Emigranten auf dem Felsriff Kill. Das winzige Pazifik-Eiland hat keine Lagune, mithin kein vor dem Ozean geschütztes Fischfang-Revier. Wegen der rauhen See konnte in diesem Jahr vier Monate lang kein Schiff anlegen. Kili-Pfarrer Josaia: »Sobald die Wissenschaftler finden, daß keine Radioaktivität mehr auf Bikini ist, kehren wir zurück.«

Die Wissenschaftler stellten fest, daß Bikini wieder bewohnbar ist. 1964 hatte die Universität von Washington Spezialisten des Instituts für Strahlenbiologie in geheimer Mission nach Bikini und Eniwetok geschickt. Aber erst 1967 veröffentlichten die Biologen ihren Forschungsbericht.

Fazit: »Tiere und Pflanzen haben die Atom-Hölle überlebt. Radioaktivität gibt es kaum noch.«

Die Ratten des Pazifik-Atolls beispielsweise waren 1964 von gleicher Größe und Gefräßigkeit wie früher. In Muskeln und Knochen der grauen Meerschwalben zeigten sich keinerlei radioaktive Rückstände mehr. Im 60-Meter-Krater einer Wasserstoffbombe auf Eniwetok schwammen sogar mehr Fische als in der alten Lagune.

Die atomaren Feuerbälle verbrannten sämtliche Kokospalmen, doch die übrigen Pflanzen auf der einst spärlich bewachsenen Insel wucherten so stark, daß sich die amerikanischen Wissenschaftler nur mit Buschmessern ins Innere des Atolls durchschlagen konnten. Radioaktive Isotope von Zink, Kobalt, Eisen und Caesium hatten -- als Spurenelemente -- die Pflanzen üppig sprießen lassen.

Gleichwohl zögert Washington, die Eingeborenen auf ihr Atoll zurückkehren zu lassen. Die Amerikaner fürchten, daß Maos Propagandisten die Wiederbesiedlung aufputzen würden: als Beweis für ihr Dogma, daß Amerikas Bomben wirkungslos sind.

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 50