»Oh, wie die Stimmung kippt« - DER SPIEGEL
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Radrennen »Oh, wie die Stimmung kippt«

Wie Zieten aus dem Busch stürmte die Mannschaft der Deutschen Telekom auf der diesjährigen Tour de France an die Spitze - eine Triumphfahrt, mit der niemand gerechnet hatte. Über Nacht avancierten der dänische Telekom-Kapitän Bjarne Riis und sein »Leutnant«, der Ex-DDR-Radsportler Jan Ullrich, zu nationalen Helden.
• aus DER SPIEGEL 30/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das böseste Bonmot über den deutschen Telefonriesen fiel dem Kölner Kabarettisten Jürgen Becker ein: »Man kann über die Telekom sagen, was man will - auf dem Rad sind die schnell.«

Drei Wochen lang strampelten neun Pedaleure fern der Heimat zum höheren Ruhm des alten Instituts, dann war klar: Der Rennstall der deutschen Fernmelder ist die Sensation der diesjährigen Tour de France. Das dänischdeutsche Team, konstatierte die französische Tageszeitung Le Parisien halb respektvoll, halb ungehalten, »macht alle platt«.

Niemals seit den Tagen des blonden Frankfurters Dietrich ("Didi") Thurau, der 1977 bei dem härtesten Radrennen der Welt 15 Tage das gelbe Trikot des Schnellsten trug (und in Paris als fünfter ankam), fuhren Deutsche so weit vorn mit.

Zwölf Millionen Zuschauer, die in Frankreich, Italien, Spanien, Holland und Belgien sehnsüchtig am Straßenrand auf die Helden warteten, und regelmäßig vier Millionen TV-Konsumenten haben den Lindwurm aus Chrom und Stahl, bunten Farben und krummen Rücken gesehen - viele immer wieder, Tag für Tag.

Dabeisein ist schön, siegen alles - getreu der alten Sportregel zogen diesmal die Deutschen unter ihrem dänischen Kapitän Bjarne Riis, 32, das große Los. Das hat niemand vorausgesehen, schon gar nicht der Arbeitgeber Telekom. Entsprechend groß war die Konfusion.

Jubel sind Telekom-Leute nicht gewöhnt, weder beim Strippenziehen noch beim Radfahren. Seit 1991 besteht der Profirennstall des deutschen Fernmeldeunternehmens, seit 1992 firmiert der belgische Ex-Rennfahrer Walter Godefroot, 53, als »Sportlicher Leiter« des Teams. Bis zu sieben Millionen Mark zahlte der Sponsor pro Jahr, doch die Erfolge blieben rar. Im vergangenen Jahr ließen die Franzosen nur eine halbe Telekom-Mannschaft, fünf glücklose Deutsche, an den Start und zwangen sie - Höhepunkt gallischen Hochmuts - mit atemlosen Italienern in ein Team.

Und nun das! Der Telekom-Kapitän Riis im gelben Trikot, sein deutscher »Leutnant« Jan Ullrich, 22, im weißen Leibchen des besten »Neo-Profis«, und Erik Zabel, 26, im grünen Trikot des punktbesten Sprinters. »Oh, oh«, staunt Teamchef Godefroot, »wie auf einmal die Stimmung kippt.«

Nach der Fußball-Europameisterschaft und vor den Olympischen Spielen füllten die Telekom-Radler die sportarme Zeit mit Leben und Erfolg. Das Publikum dankte es den Fernmeldern: Stärker denn je sehnt sich Deutschland einig Vaterland nach frischen Helden.

Telekom brauchte 14 Tage, um zu begreifen, was für ein Geschenk für Firma und Image seine ursprünglich weißrosa kostümierten Berufsradler dank ihres Farbenwechsels sind. Jetzt will die ehemalige Fernsprechbehörde den Sportlern das Salär wenigstens nicht kürzen. Auch im nächsten Jahr soll das Glitzerding Tour de France mit bunten Telekom-Fahrern glänzen.

Dafür stehen die Chancen nicht schlecht. Der überraschende Telekom-Erfolg nährt sich aus vielen Quellen: Im internationalen Profiradsport endete in diesem Jahr die spanische Ära des fünfmaligen Tour-Gewinners Miguel Induráin, 32 - gute Gelegenheit für talentierte Nachwuchstreter, die Deutschland aus der Konkursmasse der DDR übernommen hat. Das Rückgrat der Telekom-Mannschaft bilden Pedaleure aus Ostdeutschland, die schon als Kinder von Staats wegen aufs Rad gesetzt wurden.

Neun Jahre alt war der gebürtige Rostocker Jan Ullrich, als er zum erstenmal ein Siegertreppchen erkletterte. Den jugendlichen Siegertyp krallten sich Stasi-Minister Erich Mielkes Funktionäre und ließen ihn fortan für ihren Sportclub Dynamo Berlin strampeln. Nach der Wende, die Ullrich als 15jähriger erlebte, siedelte das Talent nach Westdeutschland über und wurde im vorigen Jahr Profi.

Das Team, die Zuschauer und die Medien mögen den munteren Jungen mit den Sommersprossen, dem wachen Blick und dem Ring im Ohr, er macht sich gut. Mühelos hat er die Regeln des Gewerbes gelernt: Man darf »kein Versager sein« und muß dem Kapitän selbstlos helfen, auch wenn das weh tut. Denn: No fight, no money.

Die Bonner Chefs der Telekom haben in der letzten Woche gelernt, daß diese eherne Profiregel eine dialektische Kehrseite hat: No money, no fight. Bjarne Riis, seit elf Jahren im Geschäft, zögert die Vertragsunterzeichnung für 1997 möglichst lange hinaus. Jan Ullrich unterschrieb und wird im nächsten Jahr mit 600 000 Mark Festgeld honoriert, Prämien gehen extra.

Davon kassiert das Telekom-Team nach der Ankunft in Paris etliche hunderttausend Mark, die christlich unter allen Helden geteilt werden. Der Träger des gelben Trikots verzichtet traditionsgemäß auf seinen Anteil, auch auf die Extra-Prämie des Siegers.

Im nächsten Jahr, so hoffen die Radsportfans, könnte das Talent Jan Ullrich die Tour gewinnen - als erster Deutscher in der 93jährigen Geschichte des Rennens. Bisher hat nur der Berliner Kurt Stöpel 1932 einen zweiten Platz erkämpft. Damals machten nicht separatistische Basken, sondern Bären die Paßstraßen der Pyrenäen unsicher.

Gewöhnlich wird in den Bergen die Tortour de France entschieden. Bjarne Riis, schon lange in der Funktion des »Wasserträgers« dabei, wußte das vorher, Jan Ullrich hat es schnell gelernt. Das Herz des Neo-Profis schlägt in Ruhe nur 36mal pro Minute. Das sind optimale Voraussetzungen für die Quälerei bergan, das große Herz pumpt dann mit 180 Schlägen.

Ullrich gilt Sportärzten und -funktionären als »kompletter Athlet«. Er kann in der Ebene und beim Zeitfahren einen »großen Kranz treten«, soll heißen: mit 48, 50 oder sogar mehr Stundenkilometern vorankommen, notfalls ohne den Windschatten der Konkurrenten. Bergan wird er später müde als sie, und im Sprint einer Massenankunft steht er seinen Mann.

Solch einen Radfahrer - fit bergauf, bergab, zuletzt auch im Ziel - hat Deutschland seit Jahrzehnten nicht hervorgebracht. Unterstützt von einer motivierten und kraftvollen Mannschaft, hätte Ullrich in den nächsten Jahren echte Chancen, sich - und Telekom - als Sieger in der »Tour der Leiden« zu plazieren.

»Wenn du ein, zwei Jahre gefahren bist«, sagt der diesjährige Deutsche Meister Christian Henn, 32, »dann weißt du, ob du ein ganz Großer wirst oder nicht. Wenn nicht, kannst du für andere fahren oder aussteigen.« Denn niemand, so hat ein anderer Telekom-»Wasserträger« erkannt, schätzt die Leute mit dem verhinderten Talent: »Wenn du fünf Jahre lang immer nur an dich selbst denkst, dann bist du im sechsten Jahr arbeitslos.«

Riis und Ullrich demoralisierten ihre Gegner immer dann, wenn die Serpentinen kamen. Beide, sagt Tourbeobachter Rudi Altig, einst selber Träger des gelben Trikots, fahren notfalls eine Stunde lang »im roten Bereich«. In Hautacam, hoch über dem Wallfahrtsort Lourdes, sah Sieger Riis aus, als hätte man ihn vom Galgen geschnitten.

Doch nichts ist, sagen die Radfahrer, so erfolgreich wie der Erfolg: Er beflügelt die Sieger, macht den Helfern Beine und öffnet dem Sponsor das Portemonnaie.

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