Ohne Grenzen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 85 / 97

Briefe

Ohne Grenzen
• aus DER SPIEGEL 23/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohne Grenzen

(Nr. 19/1981, SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über die Krise in der Architektur)

Da ein bankrotter Berufsstand, der in entscheidenden Phasen versagt hat, aus sich selbst heraus reformunfähig ist, richtet sich Ihr Bericht im Grunde genommen an die für das Bauen und die Universitäten politisch Verantwortlichen -- hoffentlich kommt's dort richtig an und wird in strukturelle Verbesserungen umgesetzt. Sonst befinden sich die, die Sie mit Recht attackieren, in Kürze -- nun aber den SPIEGEL in der Hand schwenkend -- wiederum an der Spitze des Zeitgeistes. Die Schneider- und Friseurmentalität eines richtigen Architekten kennt keine Grenzen.

Berlin PROF. DR. MANFRED THROLL Technische Universität/ Fachbereich Architektur

Kein Bauherr hat bei der Planung seines Hauses je seinen Willen durchgesetzt,

kein Politiker hat je auf einen Bebauungsplan eingewirkt,

keine staatliche oder kommunale Stelle hat je den freien Planungsspielraum mit ihren Vorschriften bis zur Drosselung eingeengt,

kein Spekulant hat aus überhöhten Wohndichten Gewinn gezogen,

und kein Journalist hat es versäumt, das Baugeschehen stets mit sachkundiger Kritik zu begleiten.

Nein, nur die Architekten haben, in 30 Jahren von der Öffentlichkeit unbemerkt, versagt. So einfach ist das.

Bonn DIPL.-ING. JOST SCHRAMM Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer

Wer hat denn die Sau zum Eber geführt? Nicht allein die Architekten, vielmehr diejenigen mit Macht und Einfluß, die es zuließen, daß so gebaut werden konnte.

Wo eine übergreifende Idee im Staate fehlt, wird eben so gebaut. Einem Bundeskanzler, der nach eigener Aussage nichts von übergreifenden Ideen hält, sich vielmehr als Geschäftsführer sieht, ist so ein Gehäuse wie das Bundeskanzleramt geradezu angemessen.

Kiel EDMUND RUDECK

Mangelnde Ausbildung im wirtschaftspolitischen und rechtlichen Bereich S.8 läßt Architekten oft zum Spielball von Bauindustrie und Spekulanten werden, die wohl den maßgeblichen Anteil an den Betonstädten und der Vernichtung billigen Wohnraums haben.

Aachen CHRISTIAN UHL PETRA HOFF Fachschaft Architektur der Technischen Hochschule

Jede Gesellschaft erhält die Architektur, die sie verdient. Wir Architekten bauen für eine Gesellschaft ohne Gestaltvorstellungen. Beispiel: die (nicht stattgefundene) politische Diskussion über die Bundesbauten in Bonn. Unser Bauherr ist häufig eine Verwaltungsbürokratie, die sich vorstellt, daß es genügt, Hochschulen, Rathäuser oder Wohnungen nur zu maximieren, optimieren oder zu rationalisieren.

Ergebnis: Versteinerte Unterlassungssünden einer inhumanen Gesellschaft. Immer wieder die gleichen »Horrorbauten« werden gezeigt, die Kehrseiten dazu nicht, Beispiele gemeinsamen S.9 Wirkens von engagierten Bauherren und Architekten.

In Bonn gibt es auch eine wiederhergestellte Altstadt, die »human« ist. In Hamburg-Steilshoop genügt die Mehrzahl der Wohnungen auch heute hohen Ansprüchen an Wohnwert und Milieu. In Berlin-Kreuzberg gibt es zahlreiche engagierte Kollegen, die um jeden wertvollen Altbau kämpfen.

Diese Beispiele stehen für unzählige andere, die nicht sensationell sind, aber den Menschen im Mittelpunkt sehen. Darüber haben Sie nicht berichtet.

Hamburg DIPL.-ING. WOLFGANG STABENOW Architekt BDA

Alle Architekten sind Verbrecher, so lautet etwa der Tenor dieses Artikels. Sind sie das?

Die sicher in manchen Einzelheiten berechtigte Kritik leidet an der Masche der Schwarzweißmalerei. Statt zu unterscheiden zwischen positiven und negativen Aspekten, wird pauschal verurteilt. Damit ist weder den Menschen geholfen, denen die Architektur dienen sollte, noch jenen Architekten, die sich um eine bessere Umwelt bemühen.

Es soll nicht gerechtfertigt werden, was in der Vergangenheit von Architekten fehlgeplant wurde, aber es gibt auch so etwas wie eine intellektuelle Redlichkeit, die sich darum bemüht zu unterscheiden, wo Fehler gemacht wurden, wo positive Ansätze vorhanden sind.

Stuttgart PROF. DR.-ING. DR. h. c. JÜRGEN JOEDICKE Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der Universität

Resigniert oder angepaßt

Nicht der Berufsstand der Architekten hat versagt. sondern wir, die Gesellschaft, denn die Architekten gibt es nicht.

Es sind in erster Linie die technokratischen Architekten mit ihrer Architektur, die den Glauben an Technik und Fortschritt verkörpern, und Kritik daran bedeutet, an den Fundamenten unserer Gesellschaft zu rütteln.

Die Kunst in der Architektur ist nicht an sich gefährlich; nur wenn sie zur Verschleierung von Mißständen benutzt wird. Es ist also wichtig zu erkennen, in welcher Wechselwirkung die Kunst zum Bauwerk steht.

Die wenigen unbekannten Architekten, die trotz aller Hindernisse andere Wege beschreiten, verzichten damit auf öffentliche Anerkennung; sie haben Schwierigkeiten Aufträge zu bekommen S.9 oder riskieren Arbeitslosigkeit. Die große Mehrheit der schweigenden Architekten sind Arbeitnehmer, frustriert, resigniert oder angepaßt, in der Regel passiv, mit der Hoffnung, persönlich nicht verantwortlich zu sein.

Es gibt Möglichkeiten des Boykotts von unmenschlicher Architektur, wenn man dort ansetzt, wo die Wirtschaftlichkeit gefährdet wird.

Wenn niemand mehr in das »häßliche« Horten, sondern zur etwas teureren »Tante Emma« geht, muß das Konsequenzen geben.

Wir sind selber schuld, daß hier kein Holland ist. Den Holländern wurde die Bürgerbeteiligung nicht von der Königin auf einem silbernen Tablett serviert.

Berlin GABRIELLE HORWITZ ANGELIKA NAFZIGER DIETMAR SPANG Architekturstudenten

Zur Ausgabe
Artikel 85 / 97

Mehr lesen über