Ohne Risiko - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 61

ENGLAND / AKTIEN Ohne Risiko

• aus DER SPIEGEL 26/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der konservative Abgeordnete und Geschäftsmann Edward du Cann überraschte vor kurzem die Londoner City mit der ersten britischen Aktie, die gegen jeglichen Kursverlust gefeit sein soll. Offenbar entsprach der 37jährige mit der Ausgabe seiner »Falcon« -Papiere einem weitverbreiteten Bedürfnis; denn sowohl der sozialistische »Daily Herald« wie der konservative »Sunday Express« priesen die neue Kreation am Effektenmarkt als »neuartig, anziehend« und »einzigartig«.

Du Cann hatte vor vier Jahren seinen ersten Investmentfonds gegründet und ihm den Namen »Unicorn« (Einhorn) verliehen. Der Fonds erwarb Aktien aller Art und gab wiederum selbst Aktien aus, deren Wert auf dem angehäuften Portefeuille beruhte. Das Unternehmen, das du Cann und seine Partner mit nur 40 000 Pfund Sterling Kapital (damals 470 000 Mark) starteten, florierte so gut, daß die Firma im vergangenen Jahr einen zweiten Investmentfonds, den Falcon-Trust, auflegte.

Für diesen zweiten Wertpapierfonds legte sich du Cann einen Aufsichtsrat nach bestem City-Muster zu. Ihm gehören ein anderer konservativer Unterhausabgeordneter namens Peter Walker und obendrein ein pensionierter Admiral an, Lord Tovey, der einst als Oberbefehlshaber der Home Fleet vom Schlachtschiff »King George V« aus die Versenkung der »Bismarck« leitete.

Der Falcon-Trust legte die erste Tranche der hereinströmenden Spargelder in 170 Unternehmungen an; vornehmlich in Banken, Warenhäusern, im Fernsehen, in Zeitungen, in der Assekuranz und in der Stahlbranche. Der Fonds schüttete am Jahresende fünf Prozent Dividende aus und unterscheidet sich in nichts von den üblichen Investmentfonds.

Die Papiere der jetzigen, dritten Emission du Canns hingegen sind besonderer Art. Jede der zum Preis von drei Mark ausgegebenen Falcon-Effekten ist durch einen Aufschlag von drei Pence (15 Pfennig) für ein ganzes Jahrzehnt vor jedem Wertverlust gesichert.

Selbst wenn eine wirtschaftliche Depression die Börsenkurs ins Bodenlose stürzen würde: der Falcon-Fonds verpflichtet sich, die Papiere am 30. April 1971 ohne Rücksicht auf die Tagesnotierung zum Ausgabekurs zurückzukaufen.

Du Cann offerierte auf diese Weise ein wertbeständiges Papier, das im Gegensatz zu Staatsanleihen, Obligationen und anderen Effekten dieser Art überdies Aussicht auf fette Dividenden eröffnet: »Man kann nicht verlieren«, schrieb die »Daily Mail«.

Die Garantie ist lediglich in zweifacher Weise eingeschränkt:

- Kriegsrisiken aller Art sind ausgeschlossen;

- das Recht auf Rückgabe zum Emissionskurs ist nicht übertragbar, außer an Leibeserben oder von einem Treuhänder auf einen anderen.

Du Cann hatte sich die Garantie mit Hilfe seines Partners Peter Walker verschafft - eines dreißigjährigen Versicherungsfachmanns, der seinen ersten geschäftlichen Coup der Beteiligung an der Versicherung der Deutschen Lufthansa verdankt. Walker hatte die Börsenkurse der letzten 40 Jahre analysiert und auf dieser Grundlage einen Versicherungskonzern zur Deckung des Risikos überreden können.

Die »Times« warnte zwar alle Interessenten davor, die Kurssicherung zu überschätzen. Sie rechnete aus, wer 250 Falcon-Aktien mit Garantie erwerbe, könne für dasselbe Geld anstelle der Garantie ein Dutzend weiterer Aktien (ohne Garantie) kaufen. Die Versicherung ziele mithin nur »auf die Gemütsruhe nervöser Sparer« ab.

Es zeigte sich aber, daß es in England eine Menge nervöser Gemüter gibt, die sich von dem Angebot angesprochen fühlten. Edward du Canns zwei Millionen kursgesicherte Aktien waren binnen vier Tagen überzeichnet. Etwa tausend Anträge mußten abgewiesen werden. Du Cann: »Es ging phantastisch gut.«

Aktienverkäufer du Cann

Gemütsruhe garantiert

Zur Ausgabe
Artikel 23 / 61