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ARISTOKRATIE Ohne Stempel

• aus DER SPIEGEL 45/1961
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ARISTOKRATIE

Ihre Liebe begann mit einem Streit

am zwölften Loch. Athina ("Tina") Livanos, geschiedene Onassis, Gastspielerin auf dem Rasen des feudalen Londoner Golfklubs; hatte das Loch verfehlt. Ihr Caddie suchte den verschlagenen Ball in einer Buschhecke.

In derselben Hecke stöberte aber schon der Caddie des Marquis of Blandford. Als ein Ball gefunden war, reklamierte ihn der Lord als sein Eigentum.

Tina, Tochter und Exgattin griechischer Multimillionäre, die sich als Reeder aus bescheidenen Anfängen in die High Society emporgehangelt haben, fuhr den Marquis, Sprößling eines uralten britischen Adelsgeschlechts, an: »Das ist mein Ball. Und damit Sie es wissen: Ihre Titel imponieren mir überhaupt nicht.«

Maliziös entgegnete »Sonny«, wie der Erbe des zehnten Herzogs von Marlborough von seinen Freunden genannt wird: »Und damit Sie es wissen, Madame, das Benehmen von Geldaristokraten läßt mich nur lächeln.«

Monate später, als Tina in einer Oxforder Klinik die Folgen eines Ski -Unfalls in St. Moritz auskurierte, erschien Sonny täglich mit einem Blumenstrauß bei der Blessierten.

Am Montag letzter Woche wurden die beiden in Paris getraut. Es ist für Tina wie für Sonny die zweite Ehe.

Als Hauptmann der Life Guards Ihrer Britischen Majestät hatte der Churchill -Verwandte Sonny einst zum Kreis der Kavaliere um Prinzessin Margaret gehört, 1951 aber die reiche Margaret -Freundin Susan Mary Hornby geheiratet.

Nachdem Susan ihrem Gatten zwei Kinder geschenkt hatte, war sie den Werbungen des Londoner Börsenspekulanten Alan Heber-Percy erlegen; Sonny, 35, setzte im vergangenen Jahr die Scheidung durch.

Auch seine neue Ehefrau Tina, 32, bat aus ihrer ersten 13-Jahre-Ehen mit dem Callas-Verehrer Aristoteles Onassis zwei Kinder. Tina über Onassis: »Er freut sich mit mir über mein neues Glück.« Und der Exgatte machte denn auch von einem Privileg der Riviera -Society Gebrauch: Er war der erste, der öffentlich über Tinas Heiratspläne sprach.

Tina selbst wollte den Zeitpunkt ihrer Heirat nicht preisgeben. Dennoch belagerten Hunderte von Reportern die Mairie des 8. Pariser Arondissements, als sich dort der nur reiche Livanos -Clan mit den reichen und noblen Marlboroughs verschwägerte.

Bezirksbürgermeister Jean de Fez amtierte zunächst mit würdevollem Ernst, riskierte aber ein Lächeln, als er dem Paar pflichtgemäß aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch vorlas: »Die Wahl der Wohnung trifft der Ehemann. Seine Frau muß ihm dorthin folgen, wo er den Wohnsitz bestimmt.«

Monsieur de Fez und die Hochzeitsgäste wußten, daß der Marquis

seiner frisch angetrauten Marquise als Wohnsitz das größte Schloß anzutragen hat, das sich in England noch in Privathand befindet und als nationale Sehenswürdigkeit für zweieinhalb Shilling Eintritt (1,40 Mark) zu besichtigen ist: Blenheim Palace, das Geburtshaus Winston Churchills.

Dieser Blenheim Palace, dem ersten Herzog von Marlborough von seinem dankbaren Monarchen für den Sieg in der Schlacht von Blenheim* errichtet, hat 185 Räume. Zur Zeit gehört das Schloß noch Sonnys Vater, der es jedoch seinem Sohn als Hochzeitsgeschenk präsentieren will, da er selbst sich auf den Bermudas angekauft hat.

Die herzoglichen Güter, die Sonny als Erbe zufallen werden, erstrecken sich über 4400 Hektar besten Nutzlandes und gelten als größter privater Landbesitz des Vereinigten Königreichs. Altgediente Butler von Blenheim Palace behaupten, daß Sonnys verstorbene Mutter ihre Dienstboten drei Monate lang ausschließlich mit dem Abstauben der überall im Schloß umherstehenden Porzellanvasen zu beschäftigen pflegte. Und Altbundespräsident Theodor Heuss konnte sich im vergangenen Sommer als Tischgast des Herzogs von Marlborough davon überzeugen, daß sämtliche Wasserfontänen im riesigen Schloßpark durch Knopfdruck vom Speisesaal aus zu dirigieren sind.

Der Anblick der neuen Schloßherrin von Blenheim, die künftig über Englands

Nationaldenkmal

nebst Springbrunnen und Porzellanvasen herrschen wird, verwirrte den Pariser Bezirksbürgermeister so sehr, daß er die Trauungszeremonie abschloß, ohne die Heiratsurkunde abzustempeln.

Die nach standesamtlicher Feststellung berufslose Griechin und ihr ebenso berufsloser Gardeoffizier a.D. verletzten daher unwissentlich Frankreichs Gesetze, als sie sich wenig später in der Saint-Etienne-Kirche ohne gültige Heiratsurkunde nach griechisch-orthodoxem Ritus trauen ließen.

Erst bei dem abendlichen Empfang in der Wohnung des Brautvaters Stavros Livanos an der Avenue Foch legalisierte der verlegene Monsieur de Fez stempelschwingend den inzwischen kirchlich gesegneten Lebensbund Tinas mit Sonny, die nach der Hochzeitsreise ihre Flitterwochen zunächst im Appartement der Braut an der Pariser Avenue Gabriel fortsetzen werden.

Tröstete »Paris-presse« den künftigen Besitzer von Blenheim Palace: »Er braucht sich seiner Heimat nicht allzu fern zu fühlen. Von den Fenstern in Tinas Appartement kann er die Britische Botschaft sehen.«

* 1704 schlugen Engländer und Österreicher die Truppen Ludwigs XIV. bei Höchstädt; in der britischen Geschichte ist dies die Schlacht bei Blenheim.

Marquis of Blandford, Ehefrau Tina: liebe beim 12. Loch

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