GEISELDRAMA »Okay, ich komme mit«
Das Blatt Papier, das für die Befreiung der Familie Wallert sorgen könnte, liegt in einem schummrigen Zimmer der Polizeikaserne von Jolo. Es ist ein gelber DIN-A5-Zettel, der aus einem Ringbuch gerissen und von einem Herrn unterschrieben wurde, der sich »Chef der Streitkräfte, Kommandant Galib« nennt.
»Old Woman 1 Million USD Mrs. Renate Wallert«, verlangt demzufolge jener Kommandant Galib Andang, der mittlerweile unter seinem Kampfnamen »Robot« bekannt geworden ist. Unter diese Notiz hat er mit blauem Kugelschreiber eine Linie gezogen. Es folgt, was offenbar keine Eile erfordert: »2. Mr. Wallert Werner, Mr. Marc Wallert«.
Vor zehn Tagen soll Robot angeordnet haben, dass diese Mitteilung an die Bundesregierung gefaxt wird. Es wäre, nach zehn Wochen Geiseldrama, die erste schriftliche Forderung der Entführer gewesen. Bis heute ist sie allerdings in Berlin nicht angekommen. Auf Jolo fanden sich weder ein funktionierendes Faxgerät noch ein Bote.
Es ist nicht sicher, ob die Notiz tatsächlich von Robot stammt und - wenn ja - mit den anderen Abu-Sayyaf-Befehlshabern abgestimmt wurde. Jedenfalls ist sie nicht das, was die Bundesregierung unter einer »konsolidierten Forderung« versteht.
Auf eine derartige Nachricht hatte vermutlich SPIEGEL-Redakteur Andreas Lorenz, 47, gewartet, der am vorvergangenen Sonntag in die Hände der Guerrilla fiel. Es war sein zweiter Aufenthalt auf Jolo, von wo er und drei andere SPIEGEL-Redakteure seit Ende April abwechselnd über die Geiselnahme berichteten. Insgesamt verfolgten mehr als 200 Pressevertreter das Entführungsdrama auf der Tropeninsel. Lorenz war überzeugt: »Wir Journalisten haben die Pflicht, im Interesse der Geiseln Öffentlichkeit herzustellen.«
Doch Lorenz wurde überrumpelt, als er, nach Auskunft seines Fahrers Yacub Paradji, Tonbänder und Papiere entgegennehmen wollte. Die Übergabe wurde zur Falle.
»Philip Golambai, Block 2, Lot 10; Kasangyanan Village«, hatte er in seinem Hotelzimmer im »Cooperative Country Inn« mitten in Jolo notiert. Jenen Philip Golambai, der zuvor schon Journalisten ins Geiselcamp geführt hatte, wollte Lorenz offenbar treffen. Gegen 16 Uhr wartete der SPIEGEL-Redakteur im Café Lawa''s im Zentrum der Stadt auf den Kontaktmann.
Es erschienen vier Einheimische und sagten, die Botschaft würde in einem Vorort übergeben. Während der Fahrt mit Lorenz'' Leihwagen zum Vorort Kasangyanan drängten die Filipinos plötzlich Lorenz'' Fahrer beiseite und übernahmen selbst das Steuer. lm Weiler Patong-Patong hielt das Auto an. Nur zwei Kilometer von Lorenz'' Hotel entfernt wuchert hier schon dichter Dschungel.
Sie bedrohten Lorenz, der sich an den Kombi klammerte, mit vorgehaltenen Beretta-Pistolen. Einer schlug ihm den Waffenknauf auf die Stirn, ein anderer versetzte ihm einen Fußtritt. »Okay, ich komme mit«, sagte Lorenz auf Englisch. Daraufhin ging es zur Ortschaft Taramaw, wo 20 Schwerbewaffnete schon warteten.
Informanten der Polizei wollen Lorenz tags darauf zwischen den Orten Patikul und Talipao gesichtet haben. Deutlich sei seine blutige Kopfwunde zu erkennen gewesen. Seit Dienstag wurde er in einem Rebellenlager am Fuße des Berges Gasam gefangen gehalten, fünf Kilometer vom Dorf Pansol und zwölf Kilometer von den anderen Geiseln entfernt.
Lorenz war offenbar einer Abu-Sayyaf-Splittergruppe in die Hände gefallen. Deren Anführer Raddulan Sahiron befehligt ungefähr 70 Kämpfer in seinem Heimatbezirk Patikul im Norden der Insel. Unter den fünf Abu-Sayyaf-Trupps von Jolo gilt diese Gruppe als vergleichsweise politisch und verlässlich.
Der Fundamentalist Raddulan, der schon in Afghanistan gekämpft hat, war in den siebziger Jahren »Field Commander« der separatistischen Moro National Liberation Front (MNLF) im philippinischen Bürgerkrieg. Wegen einer Verwundung im Gefecht trägt er den Spitznamen »Der Einarmige«. Ihm geht es vor allem um einen islamischen Staat, anderen Abu-Sayyaf-Chefs eher um die Dollars.
Aus Manila sollten am Wochenende Emissäre nach Jolo fliegen, und sie zeigten Zuversicht. Nach einem monatelangen zähen Verhandlungsmarathon mit ständig neuen Bedingungen für die Freilassung der Geiseln glaubten der ehemalige libysche Botschafter Rajab Azzarouk und der philippinische Präsidentenberater Farouk Hussein an eine mögliche Wende im Geiseldrama.
»Zwei bis drei Tage«, meinte Azzarouk, könnten die Gespräche noch dauern. Er hoffe, die bevorstehende Reise nach Jolo sei »die letzte in dieser Sache«. Hussein ließ durchblicken, über die Frage des Lösegelds für die 20 verbliebenen Geiseln - in Manila offiziell ein Tabuthema - sei »am Rande« gesprochen worden. Die Freilassung zumindest einiger Gefangener, als Erste möglicherweise Renate Wallert und der Franzose Stéphane Loisy, stehe noch vor dem 27. Juli in Aussicht, wenn Präsident Joseph Estrada zu einem Staatsbesuch in die USA reist.
Ob die Freilassung einer malaysischen Geisel, des Försters Zulkarnain Bin Hashim, vor zwei Wochen ein Testlauf für die Befreiung der übrigen war oder ein separater Deal, ist unklar. Offenbar wurde jedoch die zuvor vereinbarte Summe gezahlt.
Wie erfolgreich die neuerliche Vermittlung wirklich sein wird, blieb Ende voriger Woche offen - zumal sich die ohnehin verworrene Lage im Süden der Philippinen in den vergangenen Tagen weiter kompliziert hat und auch Forderungen nach einer gewaltsamen Lösung lauter wurden.
Polizeiagenten berichten, unter den Führern der verschiedenen Rebellenfraktionen sei es im Zuge der Freilassung Hashims zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, die am Freitag in einem Feuergefecht zwischen Lorenz'' Geiselnehmern und denen der Familie Wallert kulminierten. Streit gibt es offenbar aus zwei Gründen: Zum einen besteht Uneinigkeit, ob Lorenz als Geisel wie die anderen Dauergefangenen zu klassifizieren sei oder aber als Verschleppter. Zum anderen bedeuten neue Gefangene mehr Lösegeld und damit Machtzuwachs; die Clanführer kämpfen bereits um ihren künftigen Rang in der südphilippinischen Rebellenhierarchie.
Die brisante Atmosphäre verschärfte sich zusätzlich durch eine Gruppe frommer Abenteurer, 13 Mitglieder einer Evangelisten-Sekte, die am vorvergangenen
Samstag singend und betend ins Lager von Kommandant Robot gepilgert waren. Dort wollten sie »mit den Geiseln fasten«. Die »Wunder-Jesu-Kreuzritter« aus Manila hatten 35 Sack Reis und 6000 Mark »Eintrittsgeld« an die Geiselnehmer übergeben, um »44 Tage freiwillig zu bleiben«, wie ein Abu-Sayyaf-Sprecher verbreitete. Ein Verlassen des Camps wollte die Guerrilla allerdings nur noch gegen eine »Ausgangsgebühr« von 320 000 Mark gestatten.
Die philippinische Armee, seit langem begierig, einzugreifen, erwog eine Rettungsaktion, weil Abu Sayyaf angeblich die Enthauptung zweier »Kreuzritter« plane. Eilig intervenierten Estrada und die für die Geiseln zuständigen ausländischen Botschafter: Ein Militäreinsatz auf Jolo müsse unterbleiben, die Sicherheit der Geiseln habe absolute Priorität.
Ein weiterer Offizieller der südlichen Provinz Sulu schaltete sich, am Donnerstag- abend, in friedlicher Absicht ein. Er sprach beim Raddulan-Clan wegen Lorenz vor und verbreitete hernach Optimismus: Eine baldige Freilassung stehe in Aussicht. Auch Azzarouk und Hussein, der Raddulan einmal das Leben gerettet hat, waren zuversichtlich.
Für die uneinige Abu Sayyaf, eine Abspaltung der MNLF, bedeutet die Anwesenheit der Geiseln nicht nur ein geldwertes Versprechen, sondern auch die vorläufige Absicherung vor einem Militärschlag. Die Regierungssoldaten empfinden ihre Warteposition im Geiseldrama seit langem als demütigend und sinnen auf Rache.
Auf Mindanao lässt die Regierung bereits die Muskeln spielen. Das weitläufige Camp Abubakar nahe der Stadt Cotabato, Basis der etwa 15 000 Kämpfer der militanten Moro Islamic Liberation Front (MILF), steht bereits seit längerem unter Beschuss. Weil die MILF sich nicht bis zum 30. Juni zu einem Autonomie-Angebot der Regierung für die Region äußerte, droht Präsident Estrada mit »kontinuierlichen Bombardements«. Außerdem verlangt er vom Kongress die Zustimmung zur Verhängung des Ausnahmezustands auf Mindanao.
»Sollen wir etwa ein zweites Sri Lanka werden?«, rechtfertigt sich Estrada. Die Drohung ist auch auf Abu Sayyaf gemünzt. Die Guerrilleros auf Jolo verlangen deshalb Garantien für den Fall der Freilassung ihrer Gefangenen.
Deren Lage hat sich nicht gebessert. Seit Tagen vegetieren die westlichen Geiseln nur noch in einem Unterstand. Die Regenzeit hat eingesetzt, eine Plane schützt sie notdürftig gegen die schweren Schauer, die fast jede Nacht über dem Dschungellager niedergehen.
Nicht alle haben Liegematten oder gar Luftmatratzen und Decken zur Verfügung. Lediglich ein Teil der Hilfslieferungen, die deutsche und französische Diplomaten in der Provinzstadt Zamboanga zusammenstellen, gelangt ins Lager. Das meiste wird vorher gestohlen - von 100 Bundeswehr-Notrationen kamen nur 10 an, von 21 Paar Gummistiefeln nur eines.
Für letzten Sonnabend, den 27. Geburtstag Marc Wallerts, hatte Kommandant Robot - ganz Gentleman - immerhin eine kleine Feier vorbereiten lassen. Eine Kuh wurde geschlachtet und aus der Stadt Jolo eine prächtige Torte herbeigeschafft.
KLAUS BRINKBÄUMER,
RÜDIGER FALKSOHN, OLAF IHLAU,
JÜRGEN KREMB
* Links: am vorigen Mittwoch; rechts: mit Galib Andang alias"Kommandant Robot« (2. v. r.).