Flughäfen On Test
Mit 55 Millionen Mark Vorleistung hat sich der Kaufmann Alfred Abela, Libanese mit britischem Paß, auf ein riskantes Geschäft eingelassen: Er wurde Pächter der Tiefgarage unter dem neuen »Terminal Mitte« des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens, Herr über 6000 Einstellplätze auf drei Etagen.
Zwar darf der Parkplatz-Pächter seine Millionen bis 1980 in Raten abstottern. Doch ob er sie wieder hereinbekommt, steht dahin. Denn schon jetzt erweist sich der Kraftfahrzeug-Keller als ungastliche Stätte: Symptom für »die Mängel des »Jumbo-Bahnhofs«, für den die Stadt Frankfurt, Bund und Land Hessen eine Milliarde Mark ausgegeben haben.
Ahnungsvoll hatte Bundespräsident Gustav Heinemann bei der Weiherede gezweifelt: »Eine großartige Anlage, hoffentlich ist sie nicht gigantisiert worden.« Sorgenvoll notierte nach der Feier die »Frankfurter Neue Presse": »Airpart von morgen -- Tempo von gestern«. Und derweil sind das technische Tohuwabohu und die planerischen Pannen. die Ratlosigkeit der Passagiere unter der Terminal-Kuppel und die Klagen der Reise- und Flugmanager ("Passagierunfreundlichster Flughafen des Kontinents") internationales Gesprächsthema in Cockpit und Kabine.
Unfreundlich wird es schon beim Aufspüren der Tiefgarage, zu der nur ein einziger Hinweis führt. Vier Kilometer lange Ehrenrunden über die neuen Airport-Straßen bringen ersten Zeitverlust, wenn die Zufahrt nach unten verpaßt wurde. Wer den Einstieg entdeckt hat, kurvt an Stein- und Schutthaufen vorbei in einen der drei 527 Meter langen Fahrgänge, deren Ticketsäulen so installiert sind, daß nur Kleinwagen die Linkskurven in die Parkboxen schaffen. Eilige Fahrer bleiben meist mit dem linken Hinter- oder dem rechten Vorder-Kotflügel an den Begrenzungspfosten hängen.
Für die Benutzung dieses »Experimentierfeldes« ("Frankfurter Rundschau") werden 1,20 Mark je Stunde und bis zu 12 Mark je Tag erhoben -- ein Rekordpreis auf deutschen Flughäfen, doppelt soviel, wie bisher in Frankfurt bezahlt werden mußte. Flughafen-Sprecher Karl Heinz Müller: »Wir können die Tiefgarage nicht subventionieren.
So läßt sich absehen, daß sogar Spesen-Reisende die preiswerte Bundesbahn -- die unter dem neuen Gebäude Station macht -- vorziehen werden, und Pressesprecher Müller findet das ganz in Ordnung: »Wer in Urlaub fährt, muß ja nicht unbedingt auf dem Flughafen parken.«
Doch auch schienenfreundliche Flugpassagiere haben noch viel vor sich. Bahn- wie Autobenützer müssen Gepäck und Kinder Über einige hundert Meter Entfernung und über nicht oder nur stotternd funktionierende Rolltreppen zur Abflughalle schleppen. denn die wenigen Lifts sind noch nicht in Betrieb. Der Weg führt über Geröll und Gerümpel zu Not- und Hintertreppen, auf Parkplatz und Perron fehlen Gepäckwagen, und die wenigen Gepäckträger sind spärlich über die drei monströsen Ankunft- und Abflug-Trakte (a = national, b = international, c = charter) verteilt.
Nichts und niemand weist die Luftreisenden zu den 240 Schaltern ein, die von 60 Liniengesellschaften betrieben werden. Nur kleine Embleme kennzeichnen [ran Air oder Turkish Airlimes, Iberia oder Olympic. Keine Broschüre und kein Orientierungsplan hilft dem In- und Ausländer, die kilometerweiten Wege im Innern des Terminals zügig zurückzulegen.
Passagiere nach Berlin etwa suchen ihre Abfertigungsschalter vergeblich im A-Flügel (innerdeutscher Verkehr). Denn für PanAm-Flüge nach Berlin muß im B-Flügel eingecheckt werden, für die BEA gar im C-Teil des Terminals. Die Lufthansa wiederum betreibt ihre Geschäfte nur im A-Flügel, gleichgültig ob Flüge zu deutschen oder ausländischen Zielen gebucht werden.
Alle automatischen Obersichtstafeln für Ankunft- und Abflugzeiten, für Flugsteig und Verspätungen sind noch mit Schildern behängt -- »Probebetrieb, an test«. Und an den Informationsschaltern, umlagert von Knäueln hilfloser Fluggäste, wird später Rat erteilt: Künftig möge man doch mindestens eine Stunde vor Abflug im Jumbo-Labyrinth eintreffen.
Die ankommenden und abfliegendem Passagierstrome fließen im Jumbo-Terminal nicht etwa getrennt. Frontal prallen die Reisenden aufeinander, aufgelockert durch eilige Gruppen, die mit gespreizten Ellenbogen im Querverkehr zwischen A-, B- und C-Wandelhalle bei Ankunft, Abflug oder Umsteigen durch das Superding hasten.
Die Rolltreppen nach unten -- etwa von der Ankunftshalle zu Tiefgaragen, Eisenbahn und Busbahnhof -- stocken ständig, und auch zurück zum eigenen Wagen ist jedermann über 800 oder 900 Meter Entfernung sein eigener Gepäckträger -- vorausgesetzt, er hat seine Koffer gefunden. Denn die müssen von der Ankunftshalle aus in einer tieferen Etage aufgespürt werden.
Während in den USA bereits die Fluggast-Abfertigung am Straßenrand -mit Ticketkauf und Gepäckaufgabe -- vorbereitet wird und auf Washingtons Airport beispielsweise die Passagiere in fahrbaren Warteräumen zu den Maschinen transportiert werden, gleicht Deutschlands modernster Flughafen -- so der Frankfurter Boß einer US-Fluglinie -- »einem Chicago der 60er Jahre«.
Ganz einzuholen ist die Zeit nicht. Denn selbst wenn alle 70 Rolltreppen und 20 Rollbänder mit 2700 Metern Länge dereinst anlaufen und wenn die elektronische Gepäckbeförderungsanlage doch noch einmal funktionieren wird, können die Strukturmängel des Milliarden-Terminals kaum mehr beseitigt werden.
Frankfurts neuer Oberbürgermeister Rudi Arndt erkannte bald nach der Einweihungsfeier: »Wenn ich 1965, als ich den Grundstein legte, gewußt hätte, was auf uns zukommt, hätte ich mir alles noch einmal überlegt.«