Den »politischsten Wahlkampf« seit 1949 hat Herbert Wehner dem vermutlich darauf gar nicht so begierigen Bundesvolk angekündigt. Wägt man Stil und Stichhaltigkeit der bislang vorgebrachten Argumente, wird es damit wohl nichts werden. Aber den interessantesten Wahlgang haben wir zu erwarten, den am wenigsten festgelegten.
Schien bis vor wenigen Wochen noch zweierlei nahezu sicher, daß
* die NPD in den Bundestag einziehen und demgemäß
* ohne die CDU/CSU keine Regierung möglich sein werde,
so muß jetzt zumindest als denkbar gelten, daß die NPD nicht hineinkommt und derart eine Koalition zwischen SPD und FDP möglich wird.
Korrekterweise muß man sagen: ein weiteres Mal möglich wird. Sie wäre rein rechnerisch schon 1966 möglich und richtig gewesen, wenn die beiden Parteiführungen gewollt hätten. Aber beide ließen den Vorzug, einen publikumswirksamen Kanzler zu stellen, der Fraktion der Unionschristen. Mit sechs Stimmen wäre die Mehrheit in der Tat mehr als knapp gewesen, obwohl außer der Lohnfortzahlung in der Rückschau keine Streitfrage auszumachen ist, die man mit der FDP langwieriger hätte lösen müssen als mit CDU/CSU.
Sechs Stimmen Mehrheit, das ist nicht. viel und beinahe nicht genug. Aber neuerdings scheint nicht mehr ausgeschlossen, daß SPD und FDP zwischen 12 und 20 Stimmen Mehrheit bekommen. Noch immer ist Kiesinger der Kanzler und seinem schon zweimal in Wahlen unterlegenen Vizekanzler in der Volksgunst voraus. Das Blatt hat sich noch nicht gewendet, aber es flattert vage hin und her. Wie war das möglich? Noelle-Neumann, die Unverwüstliche, prognostiziert eine völlig neue Grollwetterlage. Aber ihre Zahlen, die der SPD drei Punkte Vorsprung zuschreiben, ähneln allzusehr denen des Juli 1965. Das Reservoir der Unentschiedenen sprudelte bislang nicht für die SPD. Nur ein Ereignis, das die große Mehrheit auch der noch Unentschiedenen interessiert und das aus dem Üblichen hervorsticht, eines, auf das die Demoskopie bislang keinen Vers weiß, könnte noch Überraschungen bringen.
Hat der Bau der Mauer 1961 die Wahlen gegen Adenauer beeinflußt? Darüber streiten die modernen Auguren, jene Eingeweide-Beschauer der Volksgunst, noch heute, Aber die Nicht-Aufwertung des Mai 1969 hat eine Entwicklung eingeleitet, die der Demoskopie vielleicht auf ähnliche Weise zu knacken geben wird. Dank Schiller, der sich höchst untaktisch verhält, kommt das Thema nicht zur Ruhe und läßt die Manager des Gehabten, die CDU-Verweser und CSU-Herkulesse, in ihrer geölten Sicherheit Irre werden.
Eine Fehlrechnung vielleicht? Eine rohrkrepierende Gemeinheit? Zwar, die Preise klettern nicht so sprunghaft, wie das Schiller wohl hoffen mag. Aber der unkundig schwafelnde Kanzler und sein bizepsüberladener Volkswirtschafts-Student, beide von Industrie-Interessenten umflattert, bieten denn doch ein zu irritierendes Bild.
Wie man einen parteipolitischen Konkurrenten nach bester Christen-Manier und mit verteilten Rollen fertigmacht, haben die beiden demonstriert. Aber der Fertiggemachte, der seine Verstörtheit nicht im mindesten verbirgt, dessen Verhalten allen seit Machiavell erprobten Benimm-Regeln der Politik Hohn zu sprechen scheint, wird nicht müde, mit jener Münze zu zahlen, auf deren Prägung er sich versteht: Er kennt den und vertraut dem Mechanismus der Ökonomie.
Stimmt es, daß er sich früher geirrt, daß er seinen prophetischen Fähigkeiten zuviel zugemutet hat? Natürlich stimmt es. Aber erstens haben die anderen nicht besser gerechnet, und zweitens hat man ihn stets seiner Sache ergeben, hat ihn nie ohne Stütze seitens der Sachen stoßen und rempeln sehen.
Wehner, Brandt und Helmut Schmidt mögen alles, was Schiller zum Schaden der Koalition tut, für undurchdacht und aus subjektiver Verärgerung entsprungen ansehen. Wahr ist aber, daß sie mit ihren Mitteln die Niederlage nicht abwenden können, nicht einmal mit viel Glück. Dem irrational sich gebärdenden Schiller, mit etwas Glück, könnte es gelingen. Er, und nicht die anderen, dringt der wählenden Bevölkerung unter die Haut, erst recht, seit man ihn gefoult hat.
So gibt es denn dank Schiller eine dritte Möglichkeit, das Gewürge der Großen Koalition zu beenden.
Hat man uns bisher geraten, »einer Partei die Mehrheit zur Alleinherrschaft zu verschaffen« (Originalrezept: Ulrich Frank-Planitz in »Christ und Welt") oder »die Stimme nur jener der zwei großen Parteien zu geben, die man der Alleinregierung für fähig hält oder fähig machen möchte« (Originalrezept: Bruno Dechamps in der »FAZ«, aber welche der beiden?), also nur große Parteien zu wählen, oder, zwecks »Stärkung der dritten demokratischen Partei, der FDP«, nur ein kleine (Originalrezept: Dr. Hans Schäfer, ehemals Staatssekretär im Bundesinnenministerium), so könnte man nun auf den Vorschlag kommen, jedenfalls entweder SPD oder FDP zu wählen (Originalrezept: Rudolf Augstein). 20 Sitze Mehrheit seien nötig, sagt Helmut Schmidt, aber vielleicht reichen diesmal auch sechs?