Operation »Blitzschlag« - DER SPIEGEL
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Balkan Operation »Blitzschlag«

Mit seinem Großangriff auf die Krajina hat der kroatische Staatschef Tudjman seinen serbischen Gegenspieler Milosevic herausgefordert: Auf dem Balkan droht ein Flächenbrand. Oder gibt es eine geheime Absprache zwischen beiden Kriegsherren über die Aufteilung ihres Machtbereichs - zu Lasten der Moslems?
• aus DER SPIEGEL 32/1995
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Wollen Sie Krieg oder Frieden? Der Präsident stellte die Frage dem Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft mit brutaler Offenheit. »Entweder werden jetzt meine Bedingungen erfüllt oder Kroatien wird die Wiedereingliederung der besetzten Gebiete gewaltsam vornehmen.«

Kroatiens Staatspräsident Franjo Tudjman, 73, sprang am Montag vergangener Woche in Zagreb mit Uno-Sondervermittler Yasushi Akashi um, als sei er der Herrscher, der souverän darüber entscheidet, ob der Krieg in Bosnien zum Flächenbrand auf dem ganzen Balkan wird.

Und er entschied. Am vorigen Freitag um 5.03 Uhr Ortszeit marschierten 120 000 kroatische Soldaten an allen Fronten gegen den serbischen Erzfeind. Unter dem Feuerschutz von 120 Panzern, 300 Geschützen und zwei Dutzend Jagdbombern überquerten sie von allen Himmelsrichtungen gleichzeitig die Grenzen zur umstrittenen Krajina.

Dieser über 170 Kilometer lange Streifen Land, von dem aus der Zugang zur Adriaküste kontrolliert werden kann, ist seit etwa einem halben Jahrtausend überwiegend von Serben besiedelt, gehört aber staatsrechtlich zu Kroatien. Im März 1993 hatte sich die Regierung der »Serbischen Republik Krajina« zum autonomen Staat erklärt und danach einseitig den Anschluß an die geographisch weit entfernte Republik Serbien beschlossen - ein Fremdkörper in Kroatien, ein Stachel in Tudjmans Fleisch.

Jetzt ist der größte Truppenaufmarsch seit Beginn des jugoslawischen Erbfolgekrieges im Gange, verbunden mit allen Risiken: Kommt es endgültig zum großen Showdown zwischen dem wiedererstarkten kroatischen Staat und dem herausgeforderten Belgrad, das sich gezwungen sehen könnte, an der Seite der »Brüder« militärisch einzugreifen? Droht gar das Alptraum-Szenario mit einer Einbeziehung Mazedoniens, Kosovos, Albaniens in den Krieg?

Tudjman hat den Zeitpunkt für den Beginn der »Operation Blijesak« (Blitzschlag) jedenfalls gut gewählt. Die Krajina-Serben haben ihre Kräfte auf den Kampf gegen die Moslems konzentriert, vor allem um Bihac, wo sie gemeinsam mit den Truppen des bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic die unter Uno-Schutz stehende Moslem-Enklave einnehmen wollten.

Schon am ersten Tag der kroatischen Offensive fiel die serbische Festung Petrinja, rückten die Angreifer bis auf zwei Kilometer auf die Krajina-Hauptstadt vor. Des Rückhalts seiner Landsleute ist Tudjman sicher: 71 Prozent sind laut jüngsten Zagreber Meinungsumfragen für seine Aggressionspolitik. Das kroatische Fernsehen stimmt die Menschen darauf ein, »den Tschetniks den Garaus zu machen«.

Plötzlich gerät - zur klammheimlichen Freude des Westens - Karadzic in Bedrängnis: Er muß fürchten, daß die Bosnier den Belagerungsring um Sarajevo sprengen, wenn Truppen von dieser Front abgezogen und in die Krajina verlegt werden. Aus diesem Grund fordert er bereits aus Belgrad »brüderliche Hilfe, um den kroatischen Faschismus zu besiegen«.

Tudjmans Kalkül ist klar: Er will Kroatien zum Bollwerk gegen den serbischen Expansionismus machen - und dabei auch noch seinen ungeliebten bosnischen Bündnispartner Izetbegovic in die Knie zwingen. Die bosnischen Moslems haben einen vierten Kriegswinter vor Augen, ihre Truppen sind vom Verlust ihrer als »Uno-Schutzzonen« im Stich gelassenen Exklaven Srebrenica und Zepa demoralisiert. Die Zivilbevölkerung ist physisch und psychisch am Ende. Ohne kroatische Unterstützung droht ein Fiasko.

Schon im Mai hatte Tudjman, der ehemalige Partisanengeneral, den Krajina-Serben in einer Blitzoffensive die Region Westslawonien entrissen und damit die schwerste Niederlage seit Ausbruch des Balkankrieges zugefügt.

Die Befürchtungen, der kroatische Vorstoß werde die serbische Mutterrepublik mit ihrem Belgrader Präsidenten Milosevic in die Auseinandersetzungen hineinziehen, bewahrheiteten sich nicht. Milosevic kam seinen bedrängten Landsleuten nicht zu Hilfe. Er hat Westslawonien offenbar abgeschrieben.

Jetzt geht es um mehr. Westslawonien war wirtschaftlich und strategisch unbedeutend, die viermal so große Krajina dagegen blockiert sämtliche Verbindungen zwischen Kroatiens Norden und seiner dalmatinischen Küste. Eisenbahn, Öl-Pipeline, Nord-Süd-Transversale laufen durch die Krajina-Hauptstadt Knin: ein karstiges Stück Land, ein dünnbesiedelter Strich - und doch ein wichtiges Faustpfand.

Milosevic könnte sich dem Westen gegenüber als Friedensfürst profilieren, der mit den Scharfmachern um den in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagten Karadzic endgültig gebrochen hat, und seine Landsleute im Stich lassen - viele rechnen damit, daß er als kühler Rechner diese Variante wählt.

Aber innenpolitisch gerät er dabei unter Druck: Schon jetzt muß er sich in Belgrad bei Ultra-Nationalisten gegen den Verdacht wehren, hinter den Kulissen mit Tudjman einen faulen Separatfrieden ausgekungelt, die Krajina »verraten« zu haben.

Für das Schreckens-Szenario eines geheimen Tudjman-Milosevic-Pakts berufen sich Balkankenner nicht nur auf die selbstsüchtigen Kriegsziele Tudjmans, sondern auch auf konspirative Gespräche zu Anfang des Krieges.

Damals hatten die großen Zwei des Balkankonflikts über eine Neuordnung Jugoslawiens konferiert und waren zu dem Schluß gekommen: In den bosnischen Bergen droht die Vorherrschaft der moslemischen Bosnier. Ein islamischer Gottesstaat, so Tudjman damals, lasse sich nur noch verhindern, wenn Serben und Kroaten ihre bosnischen Siedlungsgebiete abtrennten.

Nach einem längst ausgeheckten Plan, so befürchtet man in Sarajevo, soll der Süden der Bosnischen Republik, die Herzegowina, einem Großkroatien angeschlossen werden, der Norden und Osten hingegen dem neuen Großserbien - dazwischen bliebe dann eingekeilt ein Zwergstaat Sarajevo: Moslems im Reservat.

Obwohl sich beide Schreibtischtäter in ihrem Endziel einer Zerschlagung Bosniens wohl einig sind, finden sie bisher keine gemeinsame Sprache. Milosevic verurteilte am Freitag in wohlabgewogenen Worten das kroatische Vorgehen, Tudjman wies Gerüchte über eine Absprache empört zurück.

Beide wissen, welche Gefahr droht: Ein Kriegstreiber wie der bosnische Serbenführer Karadzic kann jederzeit durch Terrorakte jede Absprache, jede Form von Friedensprozeß stören.

Schon schlugen am selben Tag Granaten in Zagreb und Dubrovnik ein. Unter deutschen Urlaubern an der Adriaküste brach Panik aus. Nachdem sie, Tage zuvor von der Bundesregierung in Bonn gewarnt, nicht reagiert hatten, stürmten viele der 50 000 Deutschen die Fähren nach Italien.

Kriegsherr Tudjman setzt mit seinem Krajina-Feldzug auf Sieg. Er ist beseelt von dem Gedanken, der Tito der Kroaten zu werden und dann mit Milosevic - dem Möchtegern-Tito der Serben - den Balkan neu zu ordnen.

Der »Vrhovnik« (Oberbefehlshaber) von Zagreb zeigt sich in der Öffentlichkeit neuerdings in einer schneeweißen, goldbesetzten Marschallsuniform, die an sein großes Vorbild erinnert. Staatsempfänge zelebriert er auf der Adria-Insel Brioni, wo einst Tito hofzuhalten pflegte. Sogar die lässig-väterliche Gestik hat er dem großen Meister abgeguckt.

Nach der Eroberung der Krajina will Tudjman, so erzählt er Vertrauten, eine bombastische Friedenskonferenz nach Brioni einberufen, ganz im Einklang mit der großen Tradition des kommunistischen Balkan-Imperators: Hier vollzog der Kroate Tito seinen Bruch mit Stalin, hier rief er die Bewegung der Blockfreien ins Leben und empfing die Größen der Welt - Chruschtschow, Nehru, Nasser, Brandt.

Vorher muß Generalissimus Tudjman allerdings noch seinen Krieg gewinnen. Und das wird womöglich nicht ganz so leicht, wie er glaubt, obwohl er am Freitag in seiner stündlich auf allen Kanälen wiederholten Rede zur Nation prahlte: »In einer Woche ist alles vorbei.«

Bei einer Überlegenheit von höchstens 2 zu 1 - zuwenig für einen Angreifer - werden es die Kroaten schwer haben, alle gegnerischen Stellungen zu überrennen. Die 50 000 serbischen Krajina-Soldaten haben sich mit 150 Panzern in schwierigem Terrain tief eingegraben. Sie verfügen über Waffen, die denen der Kroaten mindestens ebenbürtig sind.

Auch die Serben sind jederzeit in der Lage, über eine Entfernung von 30 Kilometern Mittelstreckenraketen auf kroatische Ziele zu richten, die Hauptstadt Zagreb sowie die Touristenorte Split und Dubrovnik unter Granatfeuer zu legen.

Beide Seiten bedienen sich aus den Beständen der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee, haben Zugriff auf Restposten der ehemaligen Warschauer-Pakt-Armeen und werden über ähnliche Kanäle mit westlichem Kriegsgerät versorgt - nach den klassischen Kriegsregeln eine klare Pattsituation.

Daran dürfte auch die Präsenz einiger US-Militärberater auf dem Balkan wenig ändern. Angeführt von General John Calvin, dem ehemaligen Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa, erhalten etwa hundert Offiziere der kroatischen und bosnischen Armee seit knapp einem Jahr eine Eliteausbildung in den Vereinigten Staaten. Doch auch die Russen bilden serbische Offiziere an modernen Waffensystemen in Moskau aus.

Längst haben sich die klassischen Konfliktpositionen - Kroaten und Bosnier als Opfer auf der einen, Serben als Täter auf der anderen Seite - in einen Wirrwarr lokaler Kriegsinteressen mit oftmals wechselnden Koalitionen aufgelöst, der selbst für Experten immer schwieriger zu durchschauen ist. Und der noch blutiger, rücksichtsloser wird: Den europäischen Libanon regiert das Wolfsgesetz. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Die Krajina *

beginnt nur 40 Kilometer südlich der kroatischen Hauptstadt Zagreb und ist wegen ihrer strategischen Lage und ethnischen Entstehungsgeschichte schon lange umstritten. Die Serben kamen, vor etwa 500 Jahren, nach dem Zusammenbruch ihres mittelalterlichen Reiches auf der Flucht vor den Türken in diesen Landstrich: Die Habsburger gewährten ihnen - als Bollwerk gegen die Moslems - in ihrem Reich Kroatien Privilegien wie Selbstverwaltung und eigene Rechtsprechung. Deshalb kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit »lokalen« Kroaten. Josip Broz Tito, Kroate, aber Staatspräsident des kommunistischen Jugoslawien, siedelte nach 1945 noch mehr Serben an. Nach dem Zerfall Jugoslawiens brachen die Feindseligkeiten aus. Belgrader Darstellung zufolge leben heute mehr als 300 000 Serben in der Krajina - und stellen damit die Mehrheit der Bevölkerung.

[Grafiktext]

Krajina: Serbisch besetzte Gebiete

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